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Horst Theissen im Gerichtssaal.

#44 Horst Theissen

Erst kommt das Gewissen

  • Ursula Rüssmann
    vonUrsula Rüssmann
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Und dann kommt das Gesetz. Der Frauenarzt Horst Theissen steht 1988 in Memmingen vor Gericht wegen des Vorwurfs illegaler Abtreibungen.

Kürzlich ist er gestorben, mit 81 Jahren. „Auf Wiedersehen meine große Liebe“, las man in der Traueranzeige, und es wurde gebeten, bei der Urnenbeisetzung „auf Trauerkleidung zu verzichten“. Erst kommt die Menschenfreundlichkeit, nicht die Vorschriften und Konventionen: Das hat Horst Theissen im Leben angetrieben, und so sollte seiner gedacht werden. In Hildesheim lebte Theissen zuletzt, und das tat er so zurückgezogen, dass selbst die „Süddeutsche Zeitung“ noch Anfang 2019 über ihn schrieb: „Niemand weiß, wo er steckt.“ Nach seinem Tod hätte man nun Nachrufe quer durch die Republik erwartet, angesichts seiner Bedeutung. Aber keine Spur davon. Ist da einer vergessen worden, der es anders verdient hätte?

Vielleicht wollte Horst Theissen es ja so. Der Frauenarzt, der Ende der 80er als „Abtreibungsarzt von Memmingen“ vor Gericht stand, der in die Mühlen des politischen Kampfs um den Paragrafen 218 geriet und einem existenzvernichtenden Schauprozess unterzogen wurde, hat ohne Zweifel Rechtsgeschichte geschrieben. Er hat die entscheidende Vorlage gegeben für die Liberalisierung und Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in den 90er Jahren.

Dabei hatte er gar nicht vor, Politik zu machen. Ein guter, zugewandter Arzt sein, war seine Berufung. „Ich bin verpflichtet“, hat er im Prozess immer wieder sein ärztliches Ethos umschrieben, „meinen Patientinnen einen Rückhalt zu bieten.“ So einfach ist das. So gefährlich aber auch, wenn der Rechtsrahmen (wie damals in Bayern) sich verschärft und die Ausübung der Gewissenspflicht damit zum Rechtsbruch wird.

Theissen hat jedenfalls nach dem Prozess nie mehr als Frauenarzt gearbeitet. Er wandte sich der Naturheilkunde zu, betrieb zeitweise eine Praxis im hessischen Bensheim, gab dann irgendwann auch seine Kassenzulassung zurück und handelte mit Naturheilmitteln – mit derselben Inbrunst, die er als Frauenarzt an den Tag gelegt hatte: Er wolle Medizin machen, wie er es für richtig halte, „und nicht wie ich es soll“, sagt er Jahre nach Memmingen dem „Spiegel“.

Der Mensch kommt zuerst, nicht die Vorschriften. In den 80ern heißt das für den Frauenarzt Horst Theissen: Die Frau kommt zuerst und ihre Nöte. Das ist damals in Bayern absolut nicht der Mainstream, schon gar nicht bei Schwangerschaftsabbrüchen.

Damals gilt seit 1976 bundesweit die Indikationslösung, die Abbrüche in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen bei Gefahr für die Mutter, Schädigungen des Kindes, bei Vergewaltigung und bei sozialen Notlagen straffrei stellt. Bayern aber will mehr Härte und lässt ambulante Abbrüche ab Ende 1980 nicht mehr zu: Schwangere müssen seither nicht nur zwei Ärzte konsultieren, wenn sie einen legalen Abbruch vornehmen wollen, sondern sich auch noch eine Klinik suchen und dort drei Tage bleiben. Im katholischen Allgäu gibt es aber keine, die Abtreibungen vornimmt – die Frauen müssen bis nach Augsburg oder München. Doch auf dem Land fällt es auf, bei Nachbarn, der frommen Verwandtschaft, wenn eine plötzlich mal drei Tage weg ist. Theissen: „Davor hatten die Frauen wahnsinnige Angst.“ Vor Gericht sagt er offen: „Ich habe mich abgesetzt von der bayerischen Vorschrift, wonach nur stationäre Abbrüche erlaubt sind. (…) Ich konnte nicht einsehen, dass das, was vorher Recht war, plötzlich zu Unrecht wird.“ So einfach, so radikal.

Ab 1980 kann Theissen die Abbrüche also nicht mehr wie vorher mit der Kasse abrechnen, macht aber weiter. Die Frauen bezahlen ihn schwarz, je nach ihren Möglichkeiten – bis eine anonyme Anzeige ihm 1986 ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung bringt. Die Steuerfahndung beschlagnahmt 1300 Patientenkarten und gibt die Unterlagen einfach an die Staatsanwaltschaft weiter – ein eklatanter Bruch des Arztgeheimnisses, wie Kritikerinnen und Kritiker vergeblich anprangern. Damit beginnt die Hexenjagd der bayerischen Justiz.

1988 erhalten mehr als 130 Patientinnen Theissens Strafbefehle wegen illegaler Abbrüche in Höhe bis zu 3000 Euro – alle bis auf eine zahlen, „um nicht noch mehr Staub aufzuwirbeln“, wie eine Anwältin sagt. Dutzende Männer werden wegen Beihilfe verurteilt. Ab dem 8. September 1988 steht dann Theissen selbst vor Gericht. Das Verfahren wird zum Pranger: 156 Frauen werden als Zeuginnen geladen, ihre Adressen öffentlich verlesen. Fast 80 müssen in entwürdigenden Verhören aussagen, über alkoholsüchtige Ehemänner, Schulden, Seitensprünge, warum sie das Kind nicht zur Adoption freigeben wollten.

Die Bigotterie des Ganzen wird vollends klar, als ein besonders harter Befrager wegen Befangenheit abgelöst werden muss: Richter Detlef Ott hat Jahre zuvor seine schwangere Freundin dazu gebracht, in Hessen einen Abbruch vornehmen zu lassen. Im Mai 1989 wird Theissen wegen illegaler Abtreibung in 36 Fällen verurteilt, zu zweieinhalb Jahren Haft und drei Jahren Berufsverbot. Im Revisionsverfahren wird das Berufsverbot 1994 gekippt und die Haft- in eine Bewährungsstrafe verwandelt.

Der Prozess, vor allem die inquisitorischen Auftritte von Staatsanwälten und Richtern, lösen in Memmingen und bundesweit einen Aufruhr aus. Ein Riss geht durchs Land. Tausende demonstrieren in der schwäbischen Stadt für die Streichung des Paragrafen 218, viele andere gegen ein liberaleres Abtreibungsrecht. In Fulda lässt der erzkonservative Bischof Johannes Dyba am 28. Dezember 1988, dem katholischen „Fest des unschuldigen Kindes“, alle Glocken in seinem Bistum zum Gedenken an die „Abtreibungsopfer“ des Jahres läuten. Die Humanistische Union sammelt Spenden für Theissen, auch die Berliner Ärztekammer ruft zu Spenden für ihn auf. Der Deutsche Ärztetag nicht: Er wirft Theissen vor, gegen geltendes Recht verstoßen zu haben.

Eine Notlage gesteht das Gericht praktisch keiner Frau zu. Dabei schreit die auch seelische Not vieler von ihnen zum bayrischen Himmel: die der Ausländerin, deren Mann arbeitslos ist und die die Ausweisung fürchtet; die der chronisch kranken Jugendlichen, die Angst vor einer Behinderung des Kindes hat.

Oder die von Magdalena Federlin, der einzigen, die damals den Strafbefehl nicht akzeptierte, sich durchklagte und am Ende freigesprochen wurde: Ihre Eltern, das Jugendamt, ja selbst die Bank, bei der sie Schulden hatte, seien in die erniedrigenden Ermittlungen gegen sie einbezogen worden, erzählt sie später – „ein Skandal“. Als alleinerziehende Mutter eines fünfjährigen Sohnes, die gerade einen Naturkostladen aufbaute, hat sie sich damals eine weitere Schwangerschaft nicht zugetraut: „Das war eine soziale Notlage“, ist sie überzeugt. Der Arzt Theissen sei damals „ein Glücksfall für die Frauen“ gewesen. Ein Abbruch sei immer schwer, aber Theissen habe Respekt und Würde gewahrt. Federlin ist aufgrund ihrer Erfahrungen in die Politik gegangen und sitzt heute für die Grünen im Kreistag. Die Humanistische Union hat ihr damals für ihren Mut den Preis „Aufrechter Gang“ verliehen.

Es dauerte nach dem Trauma von Memmingen noch bis 1995, bis Deutschland das bekam, was andere Länder längst hatten: ein bundeseinheitliches liberales Abtreibungsrecht, das Frauen in den ersten zwölf Wochen die Entscheidungsfreiheit über einen Abbruch garantiert, wenn sie vorher an einem Beratungsgespräch teilnehmen. Theissens „Mut und Beharrlichkeit“, sagt die emeritierte Kieler Strafrechtlerin Monika Frommel heute, habe daran entscheidenden Anteil gehabt, ebenso die feministischen Netzwerke und die Presse, die damals gegen das Urteil Sturm liefen.

Frommel, die immer wieder für Frauenrechte gestritten hat, sieht aber auch in der „juristischen Widerwärtigkeit“ der Memminger Prozesse einen Katalysator der Reform. Somit hätte der bayerische Sonderweg der 80er Jahre die Liberalisierung erst mitbefördert, die er doch verhindern sollte.

Und heute? Bricht mit dem Konflikt um den Paragrafen 219a, der Werbung für Abbrüche verbietet, der alte Kulturkampf wieder auf? Nein, meint Frommel: Der Bundestag hat das Werbeverbot inzwischen gelockert, „und mit der Reform kann man leben“. Den anhaltenden Kampf von Pro Familia und anderen für die komplette Streichung des 219a hält sie für chancenlose „Propaganda, die wir nicht brauchen. Denn wir haben heute ein liberales Recht.“

Das Recht ist das eine, der Alltag das andere. Inzwischen können Schwangere in Notlagen in einer Online-Liste der Bundesärztekammer nachschauen, welche Praxen Abbrüche vornehmen. Dort finden sich bundesweit mehr als 300 Einträge, das ist nicht wenig. Allerdings klagen die aufgelisteten Ärzte zunehmend über Drohungen und auch Gewalt. Und nicht nur Pro Familia kritisiert, dass die Versorgung mit Praxen sehr unterschiedlich ist. So berichtete der „Tagesspiegel“ im Januar, dass etwa in Niederbayern nur ein einziger niedergelassener Arzt zu Abbrüchen bereit ist. Und der sieht sich, wie andere auch, vermehrten Nachstellungen sogenannter Lebensschützer ausgesetzt. Gegen die müsse etwas unternommen werden, fordert auch Frommel. Bannmeilen rund um betroffene Arztpraxen und Beratungsstellen hält sie für richtig.

A propos Lebensschutz: Magdalena Federlin, die wackere Kämpferin von Memmingen, hat seit ihrem Abbruch damals noch zwei weitere Söhne bekommen, einer davon ist heute Mitte 20 und hat das Down-Syndrom. Für ihn hat Federlin jahrelang und durch alle Instanzen um volle Teilhabe gekämpft. Weitgehend vergeblich, ist ihre Bilanz. Inklusion ist in ihren Augen bis heute „ein unerfülltes Versprechen auf dem Papier“. Dabei wäre gerade sie doch echter Lebensschutz.

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