Der Atomforscher Otto Hahn
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Otto Hahn 1959 mit der Amtskette des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft.

#13 Otto Hahn

Erkenntnis kommt nie zu spät

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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1957: Mit der „Göttinger Erklärung“ protestiert Atomforscher Otto Hahn, der die Kernspaltung entdeckte, gegen eine nukleare Aufrüstung der Bundeswehr. Das Echo ist enorm.

Ein Denkmal braucht nur dastehen, stumm und erhaben. Im Frühjahr 1957 werden aber die Grundfeste des Denkmals Otto Hahn schwer erschüttert – und er selbst wirkt daran mit. Am 12. April 1957 bescheidet Bundeskanzler Konrad Adenauer, Hahn und 17 andere namhafte deutsche Atomforscher hätten „keine Ahnung von Politik“. Und sein machtgieriger Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß tut den Nobelpreisträger in Chemie, Entdecker der Kernspaltung, ab als „Trottel, der die Tränen nicht halten und nachts nicht schlafen kann, wenn er an Hiroshima denkt“.

Mit anderen Worten: Denkmäler sollten bitte auch das Maul halten.

Wie aber kommt es zu diesen verbalen Entgleisungen? Jene 18 Naturwissenschaftler haben just am Hauptsitz der Max-Planck-Gesellschaft in Göttingen eine Erklärung unterschrieben. Darin korrigieren sie die Verniedlichung „taktischer nuklearer Kriegsführung“ durch Politiker und sprechen sich dafür aus, den Weltfrieden zu sichern, indem jede Nation von sich aus auf Atomwaffen verzichtet. Weshalb man es auch tunlichst unterlassen sollte, die Bundeswehr atomar aufzurüsten.

Otto Hahn und seine Mitstreiter werden zum Rapport bestellt

Was Wunder, dass Strauß, der Bundesrepublik hitzigster kalter Krieger, alle Kontrolle fahren lässt. Was Wunder, dass der sich über alle Kritik erhaben glaubende Kanzler Adenauer meint, da pinkelten ihm ein paar ungezogene Pinscher ans Bein.

Vier Forscher, Hahn ihnen voran, werden nach der Veröffentlichung der „Göttinger Erklärung“ nach Bonn zu einer Unterredung gebeten. „Zum Rapport bestellt“ wäre treffender. Den sich in ihrem Manifest selbst als „unpolitisch“ darstellenden Wissenschaftlern tritt eine Phalanx williger Nuklearbomber entgegen, neben Adenauer und Strauß unter anderem ein Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze, ein Koordinator des deutschen Partisanenkrieges in der Sowjetunion und einer von Hitlers beamteten Ausplünderern Osteuropas. Alle sind sie hohe Würdenträger der jungen Demokratie.

Da stehen die Paladine der „reinen Wissenschaft“ unter dem 78-jährigen Otto Hahn recht hilflos da, in ihrem Arsenal „nur“ die moralische Empörung über den tödlichen Missbrauch ihrer Wissenschaft. Der Doyen der deutschen Atomforschung ist sich aber auch seiner selbst nicht sicher. Er weiß seit 1945, was seine prämierte Grundlagenforschung von 1938 (für die übrigens in mindestens gleichen Teilen auch seine Kollegin Lise Meitner und sein Assistent Fritz Strassmann geehrt gehört hätten) in letzter Konsequenz anrichtete: Hiroshima und Nagasaki, fast eine Viertelmillion an Toten innerhalb von Sekunden. Da kann ein mit viel Liebe aufgebautes Gebäude voller Lebenslügen zu bröckeln beginnen.

Aber die Risse im Leben des Otto Hahn sind da

Ja, er hatte zwischen 1933 und 1945 versucht, so viele Juden zu retten, wie er nur konnte. Blieb aber selbst ganz unbehelligt von den Nazis. Ja, er hatte im Ersten Weltkrieg an eine „humane (weil verkürzte) Kriegsführung“ glauben wollen – und dann den Einsatz von Giftgas mitorganisiert. Ja, er wies mehrfach auf die menschenfeindliche und zerstörerische Anwendung der Nuklearphysik und -chemie hin, in Ost und West, in Schriften, in Reden und durch die Medien. Konsequenzen daraus zog er nicht. Trotzdem findet er überall Wohlwollen, Dankbarkeit und Ermutigung. Aber die Risse im Leben des Otto Hahn sind da.

Und sie werden Mitte der 50er Jahre größer. Im November 1955 marschieren die ersten Bundeswehrsoldaten auf. 1956 beginnt die Integration deutscher Kampfverbände in die Nato. 1957 wird plötzlich darüber nachgedacht, der Bundeswehr eigene Nuklearwaffen zu verschaffen. Widerspruch nicht gestattet.

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Aber plötzlich ist da diese „Göttinger Erklärung“, die verdichtet wiedergibt, was das Umfrage-Institut Allensbach als generelle Haltung bestätigt: Fast drei Viertel der Deutschen sind gegen deutsche Atombomben. Und auch Städte wie Hamburg melden sich zu Wort mit Kritik an Strauß’ nuklearen Träumen. Die Gewerkschaften machen auch mit, die SPD-Opposition ebenfalls. Die „Göttinger 18“ sind nun nicht mehr ungezogene Schuljungen, sie sind die Helden der jungen Bundesrepublik. Ihr Protest wird zwar die Aufstellung deutscher Atomraketen-Einheiten (die Sprengköpfe halten US-Einheiten vor) nach 1959 nicht verhindern. Aber die Saat von 1957 wird in den 80er Jahren dann durch die Anti-Atom-Bewegung aufgehen.

Hahn darf zufrieden sein. Spät, sehr spät hat der einst „reine Wissenschaftler“ den Irrtum seines Lebens erkannt. Aber Erkenntnis kommt nie zu spät.

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