„Wir wollen keinen braunen Sumpf“, sagt Peter Fischer, ein Mann der klaren Worte.
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„Wir wollen keinen braunen Sumpf“, sagt Peter Fischer, ein Mann der klaren Worte.

# 73 Peter Fischer

Steht auf, wenn es rechts außen stürmt

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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2017: Eintracht-Präsident Peter Fischer lehnt sich voller Inbrunst gegen die rechte AfD auf und erhält deswegen Morddrohungen – die schrecken ihn aber nicht besonders.

Das letzte Mal, dass Peter Fischer seine rauchige, kratzige Stimme in aller Öffentlichkeit erhob, flimmerte noch die Hitze über den Asphalt. Es war ein sonniger, ruhiger Tag in Hanau, östlich von Frankfurt, Ende August, und die Menschen lauschten gebannt, ja fast andächtig, was der große Blonde zu sagen hatte. Der große Blonde, 2,01 Meter lang, weißes Hemd, kurze Jeans, blaue Turnschuhe, hatte Fracksausen, Respekt vor diesem etwas anderen Auftritt, „ein flaues Gefühl“ in der Magengegend und „ein Herz in der Brust, das mir in die Hose gerutscht ist“.

Es war kein leichter Gang für den Präsidenten von Eintracht Frankfurt, rüber nach Hanau zu kommen und zu den Trauernden und Angehörigen zu sprechen, er, der Fußballfunktionär, als Gastredner auf der Bühne in Gedenken an die Opfer des unerträglichen rechten Terrors im Februar dieses Jahres, als zehn Menschen aus dem Leben gerissen wurden. Dem 64-Jährigen war anfangs nicht wohl in seiner Haut, die Augen wurden feucht. „Wir haben zusammen geweint.“

In Hanau ist ihm das Herz in die Hose gerutscht

Fischer, ein glänzender Rhetoriker, wäre aber nicht Fischer, wenn er nicht auch diese sensible Aufgabe gemeistert hätte, in der ihm eigenen Art und Weise, laut, polarisierend, kampfeslustig. „90 000 Mitglieder in meinem Verein sind gegen diese Scheiß-Rassisten und gegen die Scheiß-AfD“, rief er mit bebender Stimme hinaus auf den Marktplatz, keiner wolle diese Volksverhetzer in „ihren stinkenden, schlecht sitzenden Anzügen, die früher mal Uniformen waren“, nein: „Wir wollen klare Kante zeigen, wir wollen keine Nazis, wir wollen keinen braunen Sumpf, wir sind ein Land, das bunt ist.“ Alle müssten zusammenstehen, egal, welcher Hautfarbe, egal, welcher Religion, egal, welcher Herkunft: „Wir alle, die vielen Millionen, müssen lauter werden und klar machen: ,Ihr habt hier nichts zu suchen, wir wollen Euch nicht, keiner will Euch.’“ Es war ein flammendes Plädoyer, mal wieder, es war eine Peter-Fischer-Performance, wie man sie kennt. Ohne Netz und doppelten Boden, direkt, das, was man im Englischen „In your face“ nennt.

Es ist keine Seltenheit, dass Peter Fischer, seit 20 Jahren an der Spitze des prosperierenden Traditionsvereins, seine Popularität nutzt, um seine Botschaft unters Volk zu bringen, sie ist ihm wichtig, er ist, zumindest aus Sportkreisen heraus, mittlerweile der Vorreiter der Anti-Rassismus-Bewegung; ein Unruheherd, ein Streiter für Gerechtigkeit, Robin Hood im grellen Anzug und mit bunten Schuhen.

Fischers Haltung ist nicht neu, er ist seit jeher linksliberal, Helmut-Schmidt-Fan, Anhänger der Toten Hosen, ein Freiheitskämpfer, gegen Unterdrückung und Ausgrenzung, Bewunderer von Che Guevara. „Ich bin jemand, der verbinden will, der Brücken des Ausgleichs baut.“

So richtig Fahrt nahm sein eiserner Kampf gegen Rassenhass erst im Dezember 2017 auf, als er der „FAZ“ ein viel beachtetes Interview gab, indem er klarstellte: „Es kann niemand bei uns Mitglied sein, der die AfD wählt, eine Partei, in der es rassistische und menschenverachtende Tendenzen gibt.“ Kurz später sprach er von „brauner Brut“, er schäme sich, dass fast 13 Prozent der Deutschen die AfD gewählt haben. Was als Schneeball loskullerte, entwickelte sich zu einer Lawine.

Die Rechtspopulisten keilten gegen den Präsidenten zurück und reichten Klage wegen übler Nachrede und Verleumdung ein – abgeschmettert. Bei Fischer blieb ein mulmiges Gefühl, Angst vor Übergriffen, es hagelte Drohanrufe, Hassmails, sogar Morddrohungen. „Halt deine dumme Fresse, sonst nähen wir sie mit Titandraht zu! Lass dich doch von den Scheiß-Ausländern vergewaltigen! Nur tot bist du gut!“ So oder so ähnlich war der Inhalt vieler der 2000 Zuschriften. Das schüttelt man nicht aus den Kleidern. „Manchmal frage ich mich: Was passiert, wenn ich im Dunkeln über die Straße gehe? Ist meine Familie sicher? Sie wollen, dass ich Angst habe, und mich einschüchtern“, sagte er.

Doch Fischer, Liebhaber von Ritter Ivanhoe, dem furchtlosen schwarzen Ritter, blieb standhaft, wich keinen Millimeter zurück. Der Rolling-Stones-Fan, der im rauen Frankfurt der 70-er, 80-er Jahre am Rande des Rockermilieus sozialisiert wurde und Stammgast in der Kultdisco Dorian Gray war, sucht bis heute den direkten Dialog mit AfD-Wählern, auf Funktionärsebene lehnt er das ab: „Da gibt es keine Chance, bei denen ist die Festplatte kaputt, da sind die Chips im Kopf so was von verrutscht, die sind unglaublich bekloppt.“ Ein typischer Fischer.

Typisch Fischer ist auch sein karitatives Engagement, so hilft er etwa den Opfern und Hinterbliebenen des verheerenden Tsunamis 2004 in Thailand. Die Katstrophe selbst hat er erlebt und überlebt.

Auch sein Lifestyle ist bekannt, er ist ein Lebemann, schillernd, er feiert gerne, war Beachclub-Besitzer auf Ibiza, hat eine große Nähe zum harten Kern der Fans. Nicht alle finden ihn dufte, er weiß das, kann damit leben.

Fischer war damals über Nacht in aller Munde, schaffte es in die Tagesschau und ins Heute Journal. Einige nahmen ihm nicht ab, nur für die gute Sache eingetreten zu sein, schließlich machte er das Thema direkt vor den Präsidiumswahlen des Vereins auf. Die gewann er mit mehr als 99 Prozent der Stimmen. Doch, nun ja, man muss wissen: Sehr viel schlechter sind seine Ergebnisse nie ausgefallen.

Vorwurf des Stimmenfangs hat ihn getroffen

Und doch gab es nicht wenige, die ihm Populismus unterstellten, die sehr wohl zu bedenken gaben, dass plakative Äußerungen dieser Art den rechten Populisten eine medienwirksame Fußballbühne bereiten würden. Im Aktuellen Sportstudio versuchte ZDF-Moderator Sven Voss, ihn in die Defensive zu drängen. „Brauchten Sie das Thema AfD für Ihre Wiederwahl?“ - „Ist leicht auf die AfD einzuschlagen, oder?“ Fischer, in einem schwäbischen Heim aufgewachsen, blieb cool, in der Sendung zumindest. Den generellen Vorwurf des Stimmenfangs auf diese Art hat ihn dennoch getroffen und wütend gemacht. Denn: „Wir sind authentisch, wir haben unsere Haltung und unsere Werte. Wir ziehen nicht den Schwanz ein und versuchen, politisch diplomatisch über dünnes Eis zu wackeln. Das wird es mit uns nicht geben.“

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