Simone de Beauvoir mit Jean-Paul Sartre 1960 an der Copacabana.
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Simone de Beauvoir mit Jean-Paul Sartre 1960 an der Copacabana.

#05 Simone de Beauvoir

Eine nüchterne Analyse ist ein scharfes Schwert

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
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1949: Simone de Beauvoir öffnet mit ihrem bahnbrechenden Werk „Das andere Geschlecht“ den Frauen die Augen - und macht ihnen unendlich viel Mut, die Welt zu erobern.

Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht. Ein berühmter Satz, er stammt von Simone de Beauvoir. Nicht jede Freiheitsbewegung hat einen programmatischen Kern, der sich so kurz und knapp zusammenfassen lässt. Und der seine Gültigkeit beweist, weit über das Leben seiner Schöpferin und ihrer Zeit hinaus. Schriftstellerin, Philosophin, feministische Vordenkerin – was wäre die zweite Frauenbewegung ohne Simone de Beauvoir?

„Ich habe lange gezögert, ein Buch über die Frau zu schreiben. Das Thema ist ärgerlich, besonders für die Frauen; außerdem ist es nicht neu. Im Streit um den Feminismus ist schon viel Tinte geflossen, zur Zeit ist er fast beendet: Reden wir nicht mehr davon. Man redet aber doch davon …“ Eben. Nachdem die Autorin ihre epochale Schrift „Das andere Geschlecht“ derart gelangweilt einleitet, scheut sie sich nicht, ihr Thema auf vielen hundert Seiten auszubreiten und ein radikales, bahnbrechendes Werk zu schreiben. Sie liefert damit die theoretische Basis für den Aufbruch der Frauen in den 1960er Jahren.

Beauvoir bezeichnet sich selbst zunächst als Antifeministin

Dabei wollte sie zunächst nur von sich sprechen, was es für sie bedeutet, eine Frau zu sein. Herausgekommen ist eine kultur- und sozialgeschichtliche Analyse über die Lage ihrer Geschlechtsgenossinnen in einer männerdominierten Welt. Eine Auseinandersetzung mit den biologischen, tiefenpsychologischen und historischen Fakten und Mythen rund um das Frausein, denen sie gelebte weibliche Erfahrungen entgegenstellt.

Als Simone de Beauvoir in den 1940er Jahren an ihrem Buch arbeitet, versteht sie sich keineswegs als Feministin. Am Ende des Werks nennt sie sich sogar „Antifeministin“. Sie geht davon aus, dass sich die Probleme der Frauen von selbst lösen werden, wenn endlich sozialistische Verhältnisse einkehren.

Ihr Interesse am Thema ist ein erkenntnistheoretisches, sie selbst fühlt sich als Ausnahmefrau und nicht betroffen. „Weit davon entfernt, unter meiner Weiblichkeit zu leiden, habe ich eher von meinem zwanzigsten Lebensjahr an die Vorteile beider Geschlechter genossen.“ Führt sie doch bereits in der Nachkriegszeit ein ungewöhnlich freies Frauenleben: ist weder verheiratet noch hat sie Kinder, besitzt eine eigene Wohnung, hasst Kochen und Hausarbeit und verbringt ihre Zeit lieber in der intellektuellen Pariser Szene.

Mit Jean-Paul Sartre lebt Beauvoir in einem Modell der freien Liebe

Mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre lebt sie der damaligen Gesellschaft ein Modell der freien Liebe vor. Intim verbunden, aber unabhängig, zueinander gehörend, aber ohne Fesseln, einander treu, aber frei für anderweitige erotische Abenteuer. So zumindest idealisiert die Anhängerschaft des illustren Paares dessen lebenslange Symbiose. Sartre und Beauvoir – prominente Vorreiter:innen einer Beziehungsform, die inzwischen längst zum Repertoire moderner Gesellschaften gehört. Doch wie viel Mut und Chuzpe musste eine Frau wohl damals aufbringen, um sich den bleiernen weiblichen Rollen zu entziehen?

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Das Material für ihr Buch beschafft sich die Schriftstellerin, indem sie anderen Frauen zuhört. „Allmählich sah ich die Schwierigkeiten (…), die Fallen, die Hindernisse, die die meisten Frauen auf ihrem Weg finden.“ Drei Jahre erforscht sie diese Schwierigkeiten, um zu der Erkenntnis zu kommen: Bei aller Verschiedenheit haben die meisten Frauen die gleiche Erfahrung gemacht – sie leben als „relative Wesen“. Sie sind das andere Geschlecht, vom Mann unterschieden, aber immer in Bezug auf ihn definiert. Der Mann setzt sich als Subjekt absolut, beherrscht die Welt nach seinen Regeln und Maßstäben, Frausein bedeutet wirtschaftliche und gesellschaftliche Abhängigkeit, Verdammnis zu Passivität und Objekthaftem.

Doch Passivität ist in der existentialistischen Ethik, die Beauvoirs Weltanschauung begründet, ein absolutes Übel – passiv sein steht der Freiheit, sich selbst zu entwerfen, entgegen. Und dennoch werde Frauen Stillhalten und bloßes Ansichsein aufgezwungen, empört sich die Autorin auf ihre nüchterne Art. Gleichzeitig ist sie zutiefst irritiert, dass es Frauen im Lauf der Geschichte nicht gelungen ist, dem männlichen Geltungsanspruch einen ebenso starken weiblichen entgegenzusetzen.

Beauvoir stößt die französischen Männer vor den Kopf

1949 wird „Le Deuxième Sexe“ veröffentlicht. Die Erstausgabe erscheint mit der Banderole: „Die Frau, das unbekannte Wesen.“ Es kommt zum Skandal, Mann fühlt sich tief getroffen. Der Schriftsteller Albert Camus, der mit der Autorin befreundet ist, schleudert ihr den Satz entgegen: „Madame, Sie haben den französischen Mann lächerlich gemacht.“ Doch der Skandal hilft, das Buch zu verbreiten. Simone de Beauvoir steigt zur bekanntesten französischen Intellektuellen auf und wird international zur Ikone.

Was Männer wie Camus so erbost, ist Beauvoirs völlig neues Denken. Sie ist ihrer Zeit weit voraus. Fordert radikale Gleichheit und lehnt jeden Rückgriff auf eine angeblich weibliche Natur ab. Die Frau als „verkleinertes Abbild“ der Natur? Schluss damit. Stattdessen führt sie die Kategorie Gender ein – auch wenn sie es nicht so nennt. Konsequent unterscheidet sie zwischen dem biologischen und dem sozialen Geschlecht, das von kultureller Prägung und Erziehung bestimmt wird.

Damit hat sie ein Theoriegebäude geschaffen, das das feministische Bewusstsein grundlegend verändert und den Ausgangspunkt für die spätere Geschlechterforschung und die Gender Studies bildet. Überall, wo Frauen um ihre Selbstbestimmung kämpfen, wird „Das andere Geschlecht“ rezipiert, bis heute ist es ein Schlüsseltext für weibliches Freiheitsstreben.

„Der Himmel gehört dem, der fliegen kann“

Selbstverständlich machte sich Simone de Beauvoir mit ihrem Werk jede Menge Feinde. Nicht nur unter konservativen Männern, auch unter Feministinnen. Sie wollte Geschlechterdifferenzen im Sinne des Gleichheitsfeminismus überwinden; das lehnten vor allem diejenigen ab, die sich dem Differenzfeminismus verschrieben hatten und von einer wesensmäßigen Verschiedenheit der Geschlechter ausgingen. Auch Beauvoirs rigorose Kritik am Mythos Mutterschaft brachte ihr nicht nur Freundinnen ein. Und die Linken hatte sie spätestens dann vergrätzt, als sie öffentlich feststellte, dass der Sozialismus die Frauenfrage nicht lösen würde.

In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, als Frauen überall auf der Welt auf die Straße gingen, bekannte sich die Philosophin doch noch zum Feminismus und stellte sich der Frauenbewegung „zur Verfügung“. Desillusioniert. Als sie „Das andere Geschlecht“ begann, sah sie die unmittelbare Zukunft der Frau noch optimistisch. Das änderte sich. Ihr Eingeständnis: „Der Boden war mit zerstörten Illusionen übersät“, zeigt, wie hart die Realität sie traf, wie ungeduldig sie auf den Veränderungswillen der männerdominierten Gesellschaft gehofft hatte.

Und doch: Millionen Frauen hat Beauvoir die Augen geöffnet. Hat sie über ihre gesellschaftliche Rolle aufgeklärt, ihre Verstrickungen in das männliche Herrschaftssystem bloßgelegt und die politischen und privaten Mechanismen aufgezeigt, mit denen sie in Abhängigkeit gehalten werden. Beauvoir hat Frauen unendlich viel Mut gemacht. Sie aufgefordert, die Welt zu erobern: „Der Himmel gehört dem, der fliegen, das Meer dem, der schwimmen und ein Schiff steuern kann.“

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