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Steh auf! Muhammad Ali brüllt seinen am Boden liegenden Gegner Sonny Liston an, der 1965 in der ersten Runde K.o. geht.

#20 Muhammad Ali

Wer Prinzipien hat, holt sich auch mal ein blaues Auge

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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1964: Muhammad Ali wird zum ersten Mal Weltmeister. Seine Schlachten im Ring machen ihn zur Sportlegende, die außerhalb zur Ikone des 20. Jahrhunderts.

Ich habe die Welt geschockt. Ich habe die Welt geschockt“, brüllt der neue Box-Weltmeister im Schwergewicht immer wieder ins Mikrofon des Reporters. „Ich muss der Größte sein.“ Er reißt den Mund weit auf, immer noch ganz begeistert und überwältigt von seiner eigenen Leistung. Es ist der 25. Februar 1964, Miami Beach im US-Bundesstaat Florida. Cassius Clay, 22 Jahre alt, „Louisville Lip“ genannt, weil er lautstark und großspurig auftritt, hat so eben gegen alle Erwartungen den wegen seiner Mafia-Beziehungen und Körperkraft gefürchteten Sonny Liston besiegt. Ein Paukenschlag, dem tags darauf ein weiterer folgen sollte, der das Leben des neuen Champions fortan definieren würde.

Cassius Marsellus Clay gibt seine Konvertierung zum Islam bekannt und legt seinen Geburtsnamen, „einen Sklavennamen“, ab. Zunächst will er Cassius X genannt werden – danach Muhammad Ali, was der Gepriesene und der Höchste bedeutet. Ein Name, dem ihm Elijah Muhammed, der Führer der Nation of Islam, gegeben hat. Eine religiöse Sekte mit separatistischen und radikalen Ansichten. „Ich fühlte mich wie, als hätte er mich freigelassen“, erinnert sich Ali an Elijah Muhammed in seiner Autobiografie „Die Seele eines Schmetterlings“. „Ich war so stolz auf meinen Namen und war der Nation of Islam zugeneigt, so wie sie Elijah präsentiert hat. An diesem Punkt meiner Reise war ich nicht bereit, seine Lehren zu hinterfragen.“

Dazu zählte unter anderem die Verteufelung der weißen Rasse, die messiasartige Verherrlichung von Elijah Muhammad und die Forderung nach einem Staat für Schwarze innerhalb den USA. Dass er diese Ansichten verteidigte, machte Ali zur Zielscheibe der Öffentlichkeit, auch die schwarze Community war gespalten. „Ich muss nicht das sein, was ihr wollt, das ich bin“, sagte Ali zur Kritik an seiner Person. Der Religionswechsel war seine persönliche Unabhängigkeitserklärung an das Land, das ihm seine Bürgerrechte als Schwarzer verweigerte. Sein Zeichen, sich als öffentliche Person gegen den Mainstream des weißen, christlichen Amerikas zu stellen. „Ich habe für Gleichberechtigung und schwarzen Stolz gleichzeitig gekämpft“, erklärt er.

Ali, aufgewachsen in Louisville im südlichen US-Bundesstaat Kentucky, war Zeit seiner Kindheit mit Rassismus konfrontiert. Getrennte Sitze in Bussen, Kirchen für Weiße und Schwarze, „Negro“ ein geflügeltes Wort. Der Sohn eines Malers und einer Hausfrau begann im Alter von zwölf Jahren mit dem Boxen, nachdem ihm sein Fahrrad gestohlen worden war. 1960 wurde er Olympiasieger im Halbschwergewicht in Rom. Seine Goldmedaille warf er in den Ohio River, nachdem ihm ein Platz im Restaurant in seiner Heimatstadt verweigert wurde. Kurz darauf begann er als Profi zu boxen und die Kämpfe in einer Art und Weise zu promoten, wie es noch keiner vor ihm getan hatte. Er erfand Reime wie: „Flieg wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene“, er verspottete seine Gegner und sagte voraus, in welchen Runden er sie ausknocken würde. Er kämpfte sich mit seinem tänzelnden Stil schnell in die Herzen einer jungen schwarzen Generation, denen er Stolz und Selbstbewusstsein vermittelte.

1961 begann er heimlich Seminare der Nation of Islam zu besuchen. Er freundete sich mit Malcolm X an, damals 36 Jahre alt, der Alis Mentor wurde. Auf einer gemeinsamen Reise nach Ghana – kurz nach seinem Titelgewinn – brach Ali jedoch mit Malcolm X, da sich dieser mit Elijah Muhammed überworfen hatte. „Mich gegen Malcolm zu stellen, war einer der Fehler, die ich am meisten bereue“, sagt Ali. Elijah Muhammed sei zwar derjenige gewesen, der den Schwarzen ihren Stolz zurückgegeben habe, aber Malcolm sei der Erste gewesen, der die Wahrheit entdeckt hat, dass nicht die Hautfarbe jemanden zum Teufel macht. „Es ist das Herz und die Seele, die eine Person definiert.“ Im Februar 1965 wurde Malcolm X von Mitgliedern der Nation of Islam erschossen. Drei Monate später schlug Ali mit dem berühmten Phantomschlag Liston in der ersten Runde des Rückkampfs K.o.

Seinen größten Kampf sollte Muhammad Ali jedoch erst zwei Jahre später austragen. Nachdem er 1964 aufgrund seiner Rechtschreibschwäche vom Militär ausgemustert worden war, senkte die US-Army nach dem Beginn des Vietnamkrieges die Standards und teilte Ali im Februar 1966 telefonisch mit, dass er nun zur Kategorie 1A gehöre und jederzeit eingezogen werden könnte. Das bekam ein TV-Reporter mit, der Ali umgehend zum Interview bat, wo er neben „der Koran verbietet Kriege“, die berühmten Worte sagte: „Ich habe nichts gegen die Vietkong. Sie haben mich niemals Nigger genannt.“

Mehrere US-Bundesstaaten untersagten Ali zunächst zu kämpfen, so dass er erst in Europa und Kanada, später einmal in Houston und New York, seinen Titel verteidigen konnte. Am 28. April 1967 verweigerte er bei der Einberufung in den Wehrdienst in Houston den obligatorischen Schritt nach vorne und gab religiöse Gründe an. Noch am gleichen Tag verlor er seine Boxlizenz, seinen Reisepass, seinen WM-Gürtel und wurde zu einer der meistgehassten Personen der USA. Drei Monate später wurde er zu fünf Jahren Haft und einer Geldstrafe in Höhe von 10 000 Dollar verurteilt, musste allerdings nie ins Gefängnis. Es dauerte vier Jahre, ehe der Oberste Gerichtshof diese Entscheidung revidierte.

Muhammad Ali wanderte von den Sportseiten der Zeitungen auf die Titelseiten. Er kippte Benzin auf ein Feuer, das in den USA gerade zu lodern begann. Die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung, die für ein Ende der Unterdrückung der Schwarzen kämpfte, die Friedensbewegung, die sich für ein Ende des Vietnamkriegs engagierte. Ali trat an Universitäten und im Fernsehen auf, gab der Revolution ein Gesicht. Er nutzte seine Stimme und sein Charisma. „Wenn Leute Fortschritt machen wollen, müssen einige viel opfern“, sagte Ali. Warum solle er sich darum sorgen, ins Gefängnis zu gehen, während seine Leute seit 400 Jahren in einem säßen? „Ihr seid meine Gegner, wenn ich Gerechtigkeit will. Ihr seid meine Gegner, wenn ich Gleichberechtigung will. Ihr tretet nicht mal in Amerika für meine Religion ein, aber ihr wollt, dass ich in ein anderes Land gehe und kämpfe. Unser Kampf ist hier.“

Muhammad Ali opferte die besten Jahre seiner Boxkarriere - und sehr viel Geld, um für seine Prinzipien einzustehen. „Ich habe meine Entscheidung nie bereut“, sagt Ali. Das schlimmste für ihn sei gewesen, dass die Nation of Islam ihm damals den Rücken gekehrt habe. Sie wollten, dass er einen Deal annahm, dem ihm die Army anbot. „Dafür hätte ich meine Religion und meine Überzeugungen verleugnen müssen. Ich war aber frei und entschlossen, ehrlich zu mir selbst und zu Gott zu sein“, erklärte Ali.

Im Oktober 1970 durfte Ali mit 28 Jahren in den Ring zurückkehren. Sein Streben zurück auf den Schwergewichtsthron wurde auf der ganzen Welt verfolgt, seine Niederlage im Kampf des Jahrhunderts 1971 im Square Garden gegen Joe Frazier, genauso wie sein Sieg über George Foreman im „Rumble in the jungle“ 1974 in Zaire.

Es wäre der perfekte Moment für das Ende einer glorreichen Karriere gewesen, doch Ali kämpfte weiter, ehe er nach zwei bemitleidenswerten Niederlagen 1981 endgültig die Box-Handschuhe an den Nagel hing. Drei Jahre später wurde seine Parkinson-Krankheit bekannt, die den einstigen gutaussehenden Modellathleten schwer zeichnen sollte. Trotz der Nervenkrankheit verlor Ali nie an Lebensmut. Er bereiste viele Länder, traf den Dalai Lama, Nelson Mandela, wurde von Königen in der arabischen Welt empfangen und verhandelte im Namen der US-Regierung mit Iraks Machthaber Saddam Hussein im Jahr 1990 um die Freilassung von 15 Gefangenen. Er wurde ein Botschafter der Vereinten Nationen und wandte sich dem Sufismus zu, einer spirituellen Richtung des Islams. „Flüsse, Bäche, Seen und Teiche haben alle unterschiedliche Namen, aber alle beinhalten Wasser. Religionen haben auch unterschiedliche Namen, aber alle enthalten Gott und die Wahrheit“, sagte er. „Gott wird mich nicht dafür loben, dass ich Joe Frazier besiegt habe. Er will wissen, ob wir uns gegenseitig gut behandelt haben.“

Muhammad Ali starb am 2. Juni 2016 im Alter von 74 Jahren. Er hinterließ neun Kinder aus vier Ehen und gewann drei Mal den WM-Titel. 1996 entzündete er in Atlanta das Olympische Feuer und wurde so laut bejubelt, als hätte er alle seine Gegner innerhalb und außerhalb des Rings mit einem Schlag besiegt. George Foreman sagte über den Mann, der ihm die bitterste Niederlage seiner Karriere zugefügt hat: „Muhammad Ali war größer als Boxen. Muhammad Ali war der Größte.“

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