#23 Janis Joplin

Rockstar Janis Joplin: Eine Ikone der 60er Jahre - Du bist, womit du dich zufriedengibst

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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1967: Janis Joplin erobert die Bühne und verändert mit ihren Auftritten das Frauenbild - nicht nur in der Rockmusik.

  • Janis Joplin: Eine Ikone der 1960er Jahre und erster weiblicher Star der Rockmusik.
  • Janis Joplin verändert das Frauenbild.
  • Janis Joplin inspiriert Musiker*innen bis in die Gegenwart.

San Francisco - Nach ein paar Gitarrenakkorden setzt sie ein – die unverwechselbare Stimme, rau, mal flüsternd, mal ein wenig kreischend. „Ball and Chain“ ist das letzte Lied, das Janis Joplin gemeinsam mit der Band Big Brother and the Holding Company auf dem Monterrey Festival im Juni 1967 in Kalifornien spielt. Die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer hatten wohl vorher noch nie von der damals 24-Jährigen gehört, die mit goldenen Schlaghosen, wildem Haar, Ketten um den Hals und sehr viel Energie und Leidenschaft die Bühne einnimmt.

Janis Joplin erobert die Bühne und verändert mit ihren Auftritten das Frauenbild - nicht nur in der Rockmusik.

Janis Joplin: Ein gefeierter Superstar der Hippie-Bewegung

In einem Video des Auftritts verlässt die Kamera für einen Moment Janis Joplin und schwenkt ins Publikum. Zu sehen ist eine Frau, die mit offenem Mund begeistert ihrem Gesang lauscht. Wir können nicht hören, was sie sagt, aber ihr Mund formt offenbar das Wort „wow“. Es ist die Sängerin Cass Elliot von der Band Mama and the Papas.

„No one to that point had seen a white girl sing the blues like she sangs it“, sagt Mitveranstalter und Musikproduzent Lou Adler vierzig Jahre später, niemand hatte bis dahin eine Weiße den Blues singen hören, wie Janis Joplin es tat. Es gibt viel Applaus, aber die Menge in Monterey  dreht nicht durch. Trotzdem gilt das dreitägige Festival, das ebenfalls Jimi Hendrix und The Who bekannt machte, als Joplins Durchbruch. Wenig später unterschreibt Janis Joplin mit der Band ihren ersten Plattenvertrag. Zwei Alben später ist sie ein gefeierter Superstar.

Joplin war, genau genommen, drogensüchtig und alkoholabhängig

Ihre Songs „Me and Bobby Mc Gee“, „Piece of my Heart“ oder „Mercedes-Benz“ wurden zu unvergessenen Klassikern, die unzählige Male gehört, gespielt, nachgesungen wurden. Ihr zweites Soloalbum „Pearl“, das nach ihrem Tod veröffentlicht wurde, stand in den USA neun Wochen lang auf Platz 1 der Charts. Und verkaufte sich mehr als vier Millionen Mal.

Der erste weibliche Rockstar: Janis Joplin.

Man kennt sie, die Eckpunkte von Janis Joplins kurzer Biografie. Geboren 1943 und aufgewachsen in einer Kleinstadt in Texas. Gestorben 1970 in einem Hotelzimmer an einer Überdosis Heroin. Auftritt beim Woodstock-Festival, rauchen und Whiskey trinken gehörte zu ihrem Image. Sie war drogensüchtig und alkoholabhängig, um genau zu sein. Sie ist trotzdem Stilikone, verkörpert Hippiekultur, den Spirit und Sound der Sixties und gehört zum Klub 27.

Janis Joplin war aber auch der erste weibliche Rockstar. In einer von Männern dominierten Musikszene Mitte der 1960er Jahre gab sie in ihren Bands den Ton an. Dass die Rockmusik ausgerechnet dieser Zeit sexistisch war, mag verwundern, repräsentierte sie doch sexuelle Freiheit und rebellierte gegen traditionelle Werte. Aber in den meisten Texten waren Frauen immer noch das Sex-Objekt und weibliche Performerinnen gab es kaum.

Joplin über Feministinnen: „Ich stehe für alles, was sie angeblich wollen“

Die meisten Sängerinnen der 1950er und 60er waren eher Stereotypen und vor allem süß. Und selbst Girl-Rock-Groups verkörperten Sexiness in neuem Gewand. Ihre Texte waren oft wenig tiefgreifend. Janis Joplin brachte eine neue Weiblichkeit auf die Bühne und in die Köpfe der Menschen – vor allem in die der Frauen. Joplin wollte weder hübsch klingen noch aussehen, sie war für die meisten nicht süß oder sexy – und strengte sich auch nicht an, es zu werden.

Stattdessen wurde Joplin zu einer feministischen Heldin, weil sie Geschlechtergrenzen überschritt. Joplin nahm nicht nur die Bühne für sich ein, sie prägte auch einen neuen Style und revolutionierte Standards, die weibliche Schönheitsideale betrafen, schrieb der US-amerikanische Geschichtsprofessor Jerry Rodnitzky 1999 in einem Aufsatz. Die Sängerin trug weder einen BH, noch machte sie sich viel Arbeit mit ihren Haaren. Joplins wilder, individueller Look habe zahllose Frauen und Mädchen von Make-Up und Hüfthaltern befreit. Und Frauen Selbstbewusstsein gegeben, die nie als schön im klassischen Sinne angesehen worden seien.

Janis Joplin: Ikone der 60er Jahre und erster weiblicher Star der Rockmusik

Auch die Tatsache, dass Janis Joplin Frauenrechts-Organisationen ignorierte und keine offensichtlichen feministischen Slogans in ihren Songs auftauchten, machten sie nicht weniger zu einem feministischen Vorbild, so Rodnitzky. Einmal wird sie gefragt, ob sie von der Frauenbewegung angefeindet wurde. Ein Teil von ihnen schien es zu stören, dass Janis Joplin so offensiv mit Sex umgehe. „Nein“, entgegnete Joplin, „wie könnten sie, ich stehe für alles, was sie angeblich wollen“. Ihren Standpunkt machte Joplin klar, ohne sich direkt auf Forderungen oder Rechte der Frauen zu beziehen: Man sei doch das, womit man sich zufrieden gebe. „Und wenn man sich nicht damit begnügt, jemandem das Geschirr zu waschen und kämpft, kann man das sein, was man will.“

Doch es gab auch eine Zeit, in der Janis Joplin noch lernen musste, sich zu behaupten, in der sie schön sein wollte. Sie sah allerdings nie so aus, wie die Frauen in den Magazinen. „Sie war ein wenig pummelig und hatte Pickel als Teenager“, berichtet ihre jüngere Schwester in dem Dokumentarfilm „Little Girl Blue“. Doch nicht nur das machte sie zur Außenseiterin. Joplin habe es zur Gegenkultur gezogen, sie kleidete sich wie ein Beatnik. Janis Joplin sah anders aus und rebellierte, dafür wurde sie gemobbt, berichtet ihre Schwester.

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Janis Joplin: Wilder Lebensstil und verletzte Seele

Wenige wissen, dass sich hinter Joplins wildem Lebensstil und dem scheinbaren Selbstbewusstsein auf der Bühne eine offenbar verletzte Seele verbarg. Die Anfeindungen begannen in der High-School, wurden auch auf der Uni nicht besser. „Janis benahm sich nicht, wie Frauen damals sein sollten, sie fluchte und war nicht sittsam“, erinnert sich ein Schulfreund. Sie habe Grenzen verschoben. Auch wenn sie nach außen immer robust wirkte, habe es viel gegeben, was ihr zusetzte, sagt auch ein Bandkollege aus der College-Zeit.

Die Bühne ließ Janis Joplin fühlen, dass sie etwas zu bieten hatte. Als Teenager begann Janis Joplin Folk zu singen, im Chor, später in einer Band. Sie liebte Blues-Sänger wie Odette, Bessie Smith und Otis Reading. „Ich habe zufällig gemerkt, dass ich diese Stimme habe“, erklärte Joplin in einem Interview. Aber auch später, als Star wurde sie angefeindet für das, was sie verkörperte. Treu geblieben ist sie sich trotzdem immer. Joplins Songs, die als autobiografisch gelten, sind voll von emotionaler Ehrlichkeit, in ihnen offenbarte sie Leidenschaft und ihre Sehnsüchte.

Janis Joplin: Ein Rockstar, der Musikerinnen bis in die Gegenwart inspiriert

Zahllose Musikerinnen nach ihr fühlten sich von Joplin inspiriert, bis in die Gegenwart. Sie habe keine Angst vor ihrem Schmerz und ihrer Wahrheit gehabt, sagt etwa die Popmusikerin Pink. „Ich habe gemerkt, ich muss nicht anders sein, als ich bin.“ Sie habe einen Platz für Frauen in der Rockmusik geschaffen, so drückt es Melissa Etheridge aus. Die Sängerin hielt die Rede, als Janis Joplin 1995 in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen wurde.

Etheridge erinnerte sich, dass sie als junge Frau so singen, so fühlen und auf der Bühne explodieren wollte, wie Janis Joplin. Sie habe ihr gezeigt, dass Frauen nicht Sekretärinnen und Hausfrauen sein müssen. „Wir können Rockstars sein.“ (Von Judith Köneke) 1960er Jahre: Gretchen Dutschke hat an der Seite ihres Mannes Rudi für eine freie, solidarische Gesellschaft gekämpft. Hinter der "antiautoritären Rebellion" steht sie bis heute.

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