Der Frankfurter Theatermacher und Intendant Harry Buckwitz (links) bei einer Ehrung zum 60. Geburtstag
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Buckwitz an seinem 60. Geburtstag im Jahr 1964, mit Oberbürgermeister Bockelmann (am Rednerpult).

#14 Harry Buckwitz

Der Aufbruch lässt sich proben

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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1958: Harry Buckwitz, Generalintendant der Städtischen Bühnen in Frankfurt, inszeniert „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht. Mit diesen und anderen Inszenierungen bringt er die Konservativen in Wallungen.

Es ist ein Stück und eine Inszenierung zugleich, in der die Arbeit und der Anspruch von Harry Buckwitz kulminieren. Am 20. Mai 1958 bringt der Generalintendant der Städtischen Bühnen in Frankfurt „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht auf die Bretter. Eine Provokation in mehrfacher Hinsicht: Die Mutter Courage spielt Therese Giehse, es ist die Rolle ihres Lebens. Sie gehörte zeitweise dem Berliner Ensemble von Brecht an. Der wiederum gilt dem Bürgertum in der jungen Bundesrepublik als Ausbund des Kommunismus, als „Apologet des linken Terrors“, wie es der CDU-Stadtverordnete Hans-Ulrich Korenke in der Sitzung des Frankfurter Stadtparlaments vom 21. September 1961 ausrufen wird.

Das alles schert Buckwitz nicht. In seinen Jahren als Frankfurter Generalintendant von 1951 bis 1968 spielt er die Stücke von Brecht so oft, wie sie nicht einmal in der DDR zu sehen sind. Er macht den Dichter und Dramatiker in der Bundesrepublik bekannt. Er pflegt ein sozial engagiertes, antimilitaristisches, antifaschistisches Theater, wie es in diesen Jahren im Westen Deutschlands seinesgleichen sucht. Er ist ein Hoffnungsträger für einen demokratischen Aufbruch in der Bundesrepublik. Sein Theater steht im scharfen Gegensatz zum Staat des „Wirtschaftswunders“ und der gesellschaftlichen Restauration, der die Jahre des nationalsozialistischen Terrors mit Macht verdrängt.

Der Kaufmannssohn, 1904 in München geboren, hat selbst in der Nazizeit Verfolgung und Exil erlitten. Er hatte Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften studiert, eine Ausbildung zum Schauspieler absolviert und an verschiedenen deutschen Bühnen mit Erfolg gespielt und auch inszeniert. Doch 1937 schloss ihn die Reichstheaterkammer als „Halbjuden“ aus, nahm ihm damit alle Arbeitsmöglichkeiten. Er musste sich als Kaufmann durchschlagen, arbeitete sogar als Hoteldirektor in Ostafrika, bis er doch noch zur Wehrmacht eingezogen wurde und den Fronteinsatz im Zweiten Weltkrieg überlebte. Er fand 1946 zunächst eine Anstellung als Verwaltungsdirektor bei den Münchener Kammerspielen, begann aber dort schon zu inszenieren. Mit der Aufführung von „Des Teufels General“ von Carl Zuckmayer, in dem ein Offizier zum Widerstand gegen das Naziregime findet, machte er auf sich aufmerksam.

Buckwitz fordert, für das Theater Gesundheit und Nerven zu opfern

In Frankfurt findet Buckwitz 1951 eine schwierige Situation vor. Da das Opernhaus und das Schauspielhaus im Bombenkrieg zerstört wurden, muss das Schauspiel als Behelfslösung in den Saal der Börse ausweichen. Die Bühnenmitarbeiter nennen ihn selbst spöttisch „Nudelbrett“. Die Oper ist seit 1951 im wieder hergerichteten alten Schauspielhaus am Theaterplatz untergekommen. Der neue Generalintendant tritt selbst im bürgerlichen Habitus auf, im Anzug, mit patriarchalischem Gestus und leicht dröhnender Stimme. In seiner Antrittsrede verspricht er, den „invaliden Frankfurter Betrieb wieder gesund zu machen“. Er will Richtlinien und Impulse geben, Enthusiasmus entzünden, Initiator sein.

Doch es sind andere Sätze, die aufhorchen lassen. Er sagt auch: Wer nicht bereit sei, für das Frankfurter Theater Gesundheit und Nerven zu opfern, der gehöre nicht zu ihm.

Mit seinem Programm bringt Buckwitz die Konservativen in Wallungen

Das Programm alarmiert die konservativen Kräfte im Land. Als Generalintendant besitzt Buckwitz gleichsam die absolute Macht bei Oper wie Schauspiel. Er bestimmt über den Spielplan, er engagiert Regisseure und Dirigenten. Es ist genau diese Stellung übrigens, die dann später in der Folge der 68er Revolte auch am Frankfurter Theater erschüttert werden sollte. 1972 werden die Städtischen Bühnen, inspiriert vom Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann (SPD), ein umfassendes Mitbestimmungsmodell installieren.

Doch zurück in die 50er Jahre. Buckwitz nennt es einen „listigen Entschluss“, in seinen programmatischen Reden den Dichter Brecht nicht zu erwähnen, den er längst zu spielen entschlossen ist. Nein, er spricht lieber vom US-Dramatiker Arthur Miller und seinem Stück „Hexenjagd“. Der Generalintendant holt dezidiert alle modernen Dramatiker auf die Frankfurter Bühne und löst so gleichsam einen gewaltigen Stau auf, der sich in der Nazizeit gebildet hatte, als Deutschland von der Theaterentwicklung abgeschnitten war. Gespielt werden Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, Samuel Beckett, Eugene Ionesco, Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Arthur Miller, Thornton Wilder und viele andere.

Buckwitz beruft Lothar Müthel als Schauspieldirektor. Also einen Mann, der am Theater der nationalsozialistischen Zeit eine wichtige Rolle gespielt hatte, von 1938 an sogar Direktor des Burgtheaters in Wien gewesen war. Auch der Schauspieler Bernhard Minetti, während des NS-Regimes ein Star am Preußischen Staatstheater, tritt bei ihm auf. Während der Generalintendant sie integriert, holt er zugleich aber auch prominente Emigranten an die Bühnen nach Frankfurt. Erwin Piscator, der dem konservativen Bürgertum als Kommunist gilt, inszeniert zum Beispiel „Im Räderwerk“ von Sartre oder „Der staubige Regenbogen“ von Hans Henny Jahn. In diesem Stück aus dem Jahr 1961 geht es sehr prophetisch um Atomkraftwerke, die außer Kontrolle geraten und die Verfolgung politischer Gegner durch den Staat.

Buckwitz inszentiert Brecht - und die CDU schäumt

Es ist ohne Zweifel ein sehr politisches, zeitkritisches Programm, das Buckwitz in Frankfurt aufbaut. Sein Motto heißt: „Nicht in Reminiszenzen schwelgen, Vorstöße in die Zukunft wagen.“ Ein anderer Kernsatz des Regisseurs und Kulturmanagers: „Es ist wichtiger, was man spielt, als wie man es spielt.“

An zwei Beispielen wird das besonders deutlich. Buckwitz kämpft beharrlich für Bertolt Brecht. Das beginnt 1952, als er dessen Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ in Frankfurt auf die Bühne bringt, die ironische Parabel auf die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen im Kapitalismus. Insbesondere die CDU schäumt, im Stadtparlament verlangt sie ultimativ die Absetzung des Stücks. Doch die Menschen strömen in die Inszenierung, die zu einem überwältigenden Erfolg wird. Nach und nach zeigt Buckwitz in den nächsten Jahren „Die Gesichte der Simone Machard“, „Mutter Courage“, „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“ und das „Leben des Galilei“.

Zwischen Brecht und Buckwitz wächst eine Freundschaft. Die beiden korrespondieren viel per Brief, 1955 kommt Brecht nach Frankfurt am Main. Später schreibt er in Erinnerung an diesen Besuch: „Ich bin weit gereist, leider weit gereist, aber die Arbeit am Frankfurter Theater ist mit die großartigste, die ich erlebte.“

In den 50er Jahren wirbt Buckwitz für den Bau eines modernen Theaters in Frankfurt

Noch einmal zur „Mutter Courage“ von 1958. Buckwitz belässt es nicht einfach bei der Deklamation von „Der Krieg soll verflucht sein“ durch Therese Giehse. Direkt nach der Pause kommt die Schauspielerin vor den geschlossenen Vorhang und adressiert den Text „Ich lasse mir den Krieg von euch nicht madig machen“ direkt an das Publikum. Das erzielt eine große Wirkung.

Das zweite Beispiel für das besondere Engagement des Theatermannes ist 1963 das Stück „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth, in dem das Schweigen des Papstes zum Holocaust angeprangert wird. Das Stück wird am 20. Februar 1963 in Berlin von der Freien Volksbühne in der Regie von Erwin Piscator uraufgeführt. Es löst wütende Proteste, Demonstrationen und internationale diplomatische Verwicklungen aus. Harry Buckwitz übernimmt es sofort, den „Stellvertreter“ noch im selben Jahr auch in Frankfurt zu zeigen. In der Rolle von Papst Pius XII. ist Hans Caninenberg zu sehen. Und natürlich stößt die Aufführung auch in Frankfurt auf heftigen Widerstand.

In den 50er Jahren wird der Generalintendant trotz aller Konflikte nicht müde, bei der Stadt für den Neubau eines modernen Theaters zu werben. Das Provisorium für das Schauspiel in der Börse soll endlich ein Ende haben. Kein Transport mehr von Requisiten und Bühnenbildern durch die ganze Stadt. Die Oper war schon 1951 im umgebauten ehemaligen Schauspielhaus am Theaterplatz nahe des Mains untergekommen. Und tatsächlich beschließen die Stadtverordneten 1959 eine „Theaterdoppelanlage“, die anstelle des Schauspielhauses entstehen soll. Buckwitz hat in Untersuchungen seine Vorstellungen einfließen lassen: Eine Schauspielbühne, so groß und tief wie keine andere in Deutschland, die Auftritte von allen Seiten, auch aus dem Zuschauerraum, erlaubt.

Mit einer Revue gegen den Vietnamkrieg setzt Buckwitz nochmal Zeichen

25 Millionen Mark will sich die Stadt, die vom „Wirtschaftswunder“ profitiert, diesen Neubau kosten lassen. Die Architekten Otto Apel, Hannsgeorg Beckert und der Ingenieur Gilbert Becker entwerfen drei Spielstätten für insgesamt 2540 Menschen: Oper, Schauspiel, Kammerspiel. Das Bauwerk schließt auch Werkstätten mit ein. Es ist mit seinem lichten, langgestreckten gläsernen Foyer ein Ausweis des neuen demokratischen Deutschlands. Am 15. Dezember 1963 kann der stolze Generalintendant das Haus der Öffentlichkeit übergeben.

Der wirtschaftliche Erfolg ist riesig: 88 Prozent Platzausnutzung in der Oper, 94 Prozent im Schauspiel. Doch bei der Abrechnung 1965 zeigt sich, dass der Bauetat deutlich überzogen ist. Buckwitz braucht erst 2,2 Millionen Mark zusätzlich, dann noch einmal 900 000. Die Stadtverordneten lehnen ab, der Generalintendant droht mit Schließung der Häuser. Zugleich gerät Buckwitz auch künstlerisch unter Druck. Ein neues Theater mit neuen, sehr jungen Autoren und Regisseuren feiert große Erfolge. 1966 schreiben Peter Handke und Claus Peymann mit „Publikumsbeschimpfung“ im Theater am Turm (TAT) in Frankfurt Theatergeschichte.

Die Kritiker wenden sich von Buckwitz ab. Er ist vom Streit mit der Stadt genervt und bekommt zusehends gesundheitliche Probleme. Im Januar 1967 kündigt er an, dass er seinen 1968 auslaufenden Vertrag nicht verlängern wird.

Und doch setzt der Generalintendant im Jahr der Revolte 1968 ein letztes Mal politische Zeichen. Am 20. März 1968 feiert seine letzte Inszenierung an den Städtischen Bühnen Premiere: „Viet Nam Diskurs“ von Peter Weiss, eine mehr als dreistündige Revue gegen den Vietnamkrieg. Am Ende entfalten etwa 50 junge Theaterbesucher gemeinsam mit Weiss die Fahne des Vietcong.

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