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Geschafft: Das humane Genom ist entschlüsselt. James Watson bei einer Präsentation 2003. Robyn Beck dpa |

#46 James Watson

Erfolg lässt sich wiederholen

1990: 40 Jahre nachdem James Watson die Doppelhelix-Struktur der DNA entdeckt hat, startet er das nächste Jahrhundertprojekt: die Entschlüsselung des menschlichen Genoms

Es ist nicht einfach, über James Watson zu schreiben. Nur bei wenigen Menschen liegen herausragende Leistungen – für die das Attribut „bahnbrechend“ wirklich zutrifft – und gruseligste Entgleisungen so dicht beieinander. Bei ihm folgte auf die höchste Anerkennung ein tiefer Sturz, der den einst Gefeierten zur Persona non grata machte.

James Watson, am 6. April 1928 in Chicago geboren, hat das Verständnis der Grundlagen des Lebens um Lichtjahre vorangebracht – und später mit rassistischen Äußerungen über die vermeintlich geringere Intelligenz Schwarzer offenbart, dass er doch Wesentliches nicht verstanden hat: Das muss bei jeder Würdigung mitgedacht werden. Zwei wissenschaftliche Meilensteine markieren die Laufbahn des amerikanischen Molekularbiologen; es waren Meilensteine nicht nur für sein Forschungsgebiet, sondern für die gesamte Menschheit: Zusammen mit seinem Kollegen Francis Crick entschlüsselte James Watson als damals noch ganz junger Wissenschaftler die Struktur der Erbsubstanz Desoxyribonukleinsäure (DNA). Am 25.April 1953 präsentierte das Duo im Fachmagazin „Nature“ die ikonographisch gewordene Darstellung der Doppelhelix mit den beiden umeinander gewundenen Strängen.

Eine Erkenntnis von ungeheurer Tragweite, ein alles ändernder Moment in der Medizingeschichte: Das „Watson-Crick-Modell“ lieferte die Erklärung dafür, wie die DNA mit den paarweise angeordneten Basen Adenin, Thymin, Cytosin und Guanin sich reproduzieren kann – und wurde zum Grundstein für die gesamte Genforschung und die auf ihr basierenden Therapien.

Dass dieser Durchbruch ausgerechnet Watson und Crick gelang, war eine Sensation für sich selbst. Die beiden Wissenschaftler galten als Außenseiter und wurden von manchen Kollegen - freundlich formuliert - nicht besonders ernst genommen. Sie seien zwei wissenschaftliche Clowns, meinte der Chemiker Erwin Chargaff. Watson (Biologe) und Crick (Physiker) hätten von Chemie keine Ahnung. Doch die Außenseiter ließen sich nicht aufhalten.

Für ihre Entdeckung erhielten Watson und Crick und der neuseeländische Biochemiker Maurice Wilkins – der mit seinen Röntgenanalysen der DNA wichtige Vorarbeit geleistet hatte – 1962 den Nobelpreis für Medizin. Wilkins‘ Kollegin Rosalind Franklin, die wesentlich am DNA-Projekt beteiligt war, ging leer aus. Dass Watson sich nicht für Franklins Ehrung eingesetzt hatte, brachte ihm damals eine erste Kritik ein.

1990 gelang Watson ein zweiter Coup, als er zusammen mit einigen anderen das „Human Genome Project“ anstieß, eines der ehrgeizigsten Forschungsprojekte der Medizingeschichte. Watson war damals einer der ganz Großen in der Wissenschaftswelt. Seit 1976 leitete er das Cold Spring Harbor Laboratory in New York, eines der renommiertesten Forschungsinstitute für Molekularbiologie, hatte 1977 zudem die amerikanische Freiheitsmedaille erhalten, die höchste zivile Auszeichnung der USA. Wer wäre aus damaliger Sicht besser geeignet gewesen, die Leitung des Großforschungsprojektes zu übernehmen, dessen Ziel es sein sollte, das menschliche Genom komplett zu entschlüsseln. Tatsächlich hat das „Human Genome Project“ ebenso wie die Entdeckung der Doppelhelix-Struktur viel revolutioniert in der Medizin, unter anderem wichtige Erkenntnisse zur Entstehung von Krebs und Erbkrankheiten geliefert.

Das Menschheitsprojekt, hinter dem ein öffentlich finanzierter internationaler Forschungsverbund stand, startete mit Watson als Direktor im Oktober 1990. Im Laufe der Zeit beteiligten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehr als 30 Ländern. Man hatte sich vorgenommen, die Anordnung sämtlicher 3,2 Milliarden Basenpaare der DNA auf den 23 Chromosomen zu identifizieren und sämtliche Gene des Menschen zu ermitteln. Ermöglicht haben das neue Werkzeuge der Gentechnologie, die seit den 1970er Jahren entwickelt worden waren, darunter molekulare Scheren, mit denen sich die DNA in Fragmente zerlegen lässt.

2005 sollte die Arbeit getan sein. Es gelang schon früher – auch wenn es zunächst nicht danach aussah. 1998 hatte man erst drei Prozent des Genoms entschlüsselt. James Watson war da schon nicht mehr dabei. 1992 hatte er sich vom „Human Genome Project“ verabschiedet, nachdem er mit Bernadine Healy, der Leiterin des National Institute of Health, in einen erbitterten Konflikt geraten war. Healy, als Chefin einer Behörde des US-Gesundheitsministeriums formal Watsons Vorgesetzte, wollte Gensequenzen patentieren lassen, um dem Zugriff privater Firmen vorzubeugen. Watson hingegen bestand auf der patentfreien Veröffentlichung sämtlicher Gensequenzen; einer der unbestritten integren Momente seiner Karriere. Er ging im Streit.

Eine erste „Arbeitsversion“ des menschlichen Genoms wurde 2001 veröffentlicht, seit 2003 gilt es offiziell als komplett entschlüsselt. Die Abfolge der Basen auf der DNA entspricht einem Text, der etwa 3000 Bücher füllen würde, von denen jedes ein Wälzer von 1000 Seiten wäre. Trotzdem fanden die Forscher überraschend wenig Gene: anstatt der erwarteten 100 000 „nur“ 20- bis 25 000, etwa doppelt so viele wie bei einer Fliege.

Das öffentliche Bild von James Watson hatte zu diesem Zeitpunkt schon erhebliche Kratzer bekommen. Gegenüber einer italienischen Zeitung hatte er sich 1997 für das Recht auf Abtreibung ausgesprochen, sollte die Genanalyse des Embryos auf Homosexualität hindeuten. Seine menschenverachtenden Äußerungen gipfelten 2007 in einem Interview mit der Sunday Times, als er behauptete, Schwarze Menschen seien genetisch bedingt weniger intelligent als Weiße und die Zukunftsaussichten für Afrika deshalb schlecht.

In der Folge verlor Watson sämtliche Führungspositionen am Cold Spring Harbor Laboratory. 2014 versteigerte er seine Nobelpreismedaille bei Christie’s in New York, ein bis dahin nie dagewesener Vorgang. Der Käufer, ein russischer Oligarch, gab sie Watson zurück mit der Begründung, es sei inakzeptabel, dass ein so herausragender Wissenschaftler sie verkaufen müsse. Für seine Behauptung über die Intelligenz Schwarzer entschuldigte Watson sich später, wiederholte sie dann 2019 aber im US-Fernsehen. Nun wurden ihm auch alle Ehrentitel aberkannt.

Abgesehen davon, dass seine Aussagen indiskutabel sind, liegt ihnen eine dramatische Fehleinschätzung zugrunde. Selbst wenn man – wie einige Wissenschaftler – die Ansicht vertritt, dass der Einfluss der Gene übermächtig ist und Faktoren wie dem Lebensstil nur eine nachgeordnete Rolle zukommt, so werden doch die meisten Eigenschaften nicht von einem, sondern einer Vielzahl an Genen bestimmt. Das gilt für die Haarfarbe ebenso wie für die Veranlagung, bestimmte Krankheiten zu bekommen – und umso mehr für etwas so Komplexes, schwer zu Umreißendes wie Intelligenz.

Das Zusammenspiel von Genen untereinander und mit äußeren Faktoren wird noch lange ein Rätsel bleiben. Das Wissen, dass man von bestimmten Genen nicht auf bestimmte Eigenschaften schließen kann, war indes eine der ersten Erkenntnisse des „Human Genome Projects“.

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