Die Star-Architektin Zara Hadid in London
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„Königin der Kurven“: Zaha Hadid vor der Serpentine Sackler Gallery in London.

#60 Zaha Hadid

Das Unmögliche einfach ausprobieren

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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Zaha Hadid erhält 2004 als erste Frau den renommierten Pritzker-Architekturpreis. Mit ihren Bauten hat sie die Grenzen des bis dahin Denkbaren überschritten - und eine ganze Generation junger Architektinnen inspiriert. 

Die Geschichte von Zaha Hadid klingt wie ein Märchen: Ein Mädchen träumt im Bagdad der frühen 60er-Jahre davon, Architektin zu werden. Also zieht sie nach der Schule, nach einem Zwischenstopp in Beirut, als junge Frau nach London und studiert dort an einer bekannten Hochschule Architektur. Dann wird sie Dozentin – und nach einer langen Phase mit viel Arbeit und wenig Geld – schließlich eine weltberühmte Architektin, die Gebäude in einer Verbindung von Formen und Materialien baut, die so abenteuerlich sind, dass deren Realisierung viele Menschen bis dahin für unmöglich gehalten haben.

Doch Hadid zeigt, dass es sehr wohl möglich ist, Beton zum Schweben zu bringen, Stahl zum Mäandern oder Glas zum Schmelzen – zumindest sehen ihre Gebäude so aus. Für ihre mutigen Entwürfe bekommt die Architektin 2004 den renommierten Pritzker-Preis verliehen. Sie ist nach 27 Männern die erste Frau, die mit diesem sogenannten Nobelpreis der Architektur ausgezeichnet wird. Auch den wichtigen Sterling-Preis erhält Hadid – und zwar mehrfach. Und 2016 wird ihr schließlich mit der „Royal Gold Medal“ ein weiterer wichtiger Architekturpreis verliehen, den vor ihr zwar über 160 Männer, aber nur drei Frauen – und das lediglich in Kombination mit männlichen Partnern – erhalten haben. Hadid war auf mehreren Ebenen eine Pionierin.

Und es war kein leichter Weg, den sie beschritten hat. Zwar wuchs die junge Zaha in Bagdad in einem sehr liberalen Elternhaus auf, das ihr schon früh viele Freiheiten ließ. So konnte sie zum Beispiel den Wunsch verfolgen, ihre eigenen, ungewöhnlichen Kleidungsstücke zu entwerfen und öffentlich zu tragen.

„Meine Eltern ließen mich mit Dingen experimentieren, um zu sehen, was dabei herauskommt“, erinnerte sich die Architektin später. Die von ihr als Erwachsene entworfenen und oft künstlerisch gezeichneten und gemalten Gebäude, waren von der russischen Avantgarde inspiriert – und radikal in der Formgebung. Es brauchte viel Fantasie, um sich die von Hadid aufs Papier gebrachten Bauwerke als reale Konstruktionen vorzustellen.

Der niederländische Architekt Rem Koolhaas, dem es gelang, Hadid für eine kurze Zeit in sein Büro zu holen, hatte diese Fantasie wohl. Die meisten Leute konnten sie in den 80er- und 90er-Jahren aber wohl noch nicht aufbringen. Und natürlich gab es auch Vorurteile gegen eine eigenwillige Frau aus der arabischen Welt, die Architektur so ganz anders angehen wollte als so viele andere in ihrer männlich dominierten Branche.

Es sollte Jahrzehnte dauern, bis Anfang der 90er, mit einer kleinen Feuerwehrstation im badischen Weil am Rhein, der erste Entwurf Hadids realisiert wurde: ein kantiger, an einen Papierflieger erinnernder Bau aus Beton. Dem Neubau ging ein Jahrzehnt ohne einen einzigen Wettbewerbsgewinn und mit vielen schlaflosen Nächten voraus, in denen allerdings eine Handvoll passionierter Menschen der bis dahin kommerziell erfolglosen Architektin die Treue hielten – und teils ohne Lohn in ihrem Londoner Ein-Raum-Büro arbeiteten.

Zu erwähnen ist hier vor allem der deutsche Architekt Patrik Schumacher, der mit Hadid intensiv an etlichen Projekten arbeitete und heute Teilhaber von „Zaha Hadid Architects“ ist. „Vielleicht waren die Entwürfe zu radikal, zu ungewöhnlich für die Zeit“, mutmaßte Schumacher in einer BBC-Doku aus dem Jahr 2013.

Um die Jahrtausendwende kamen sie dann, die Wettbewerbserfolge. Nach einem großen Fiasko im walisischen Cardiff, wo man Hadids progressiven Entwurf für eine Oper trotz gewonnenem Wettbewerb partout nicht umsetzen wollte, folgten Aufträge für ein Kunstzentrum in Cincinnati, für eine Skisprungschanze in Innsbruck und für das Wissenschaftsmuseum „Phaeno“ in Wolfsburg. Auch den Auftrag für den Neubau eines großen Museums für zeitgenössische Kunst in Rom – das „MAXXI“ – ging an Hadids Büro. Nun konnte die Architektin mit an die Fünfzig endlich auch in größerem Maßstab zeigen, dass sie nicht nur atemberaubend zeichnen, sondern auch ebenso bauen kann.

Hadids Gebäude wirken oft organisch, schlangen- oder schneckenhaft und trotz massiver Materialien wie Beton und Stahl leicht und wie in Bewegung. Der großteils in Sichtbeton umgesetzte Museumsneubau in Rom etwa scheint aus einem bestehenden Altbau herauszufließen, um an anderer Stelle scharfkantig in die umgebende Bebauung vorzustoßen. Es scheint, dass sich nicht nur das Gebäude der darin ausgestellten Kunst anpasst, sondern sich die Kunst auch dem Gebäude anpassen muss – damit beides wirken kann.

Wie aber baut man so etwas? Ein Gebäude wie das Wolfsburger „Phaeno“-Zentrum, das aus einem Guss zu sein scheint und gleich einem Nashorn seine Masse lediglich auf kleinen Betonsockeln balanciert?

Der Bauingenieur Hanif Kara, der an einigen Projekten Hadids mitgearbeitet hat, erzählte einmal, dass es 18 Monate dauerte, bis man die Software mithilfe von IT-Profis soweit umprogrammiert hatte, um endlich die Kräfte berechnen zu können, die einmal auf das Gebäude in Wolfsburg wirken würden. Hadids teils computergenerierte gezielte Nicht-Wiederholung der Formen bautechnisch umzusetzen und zu kontrollieren, war Kara zufolge eine „massive Herausforderung“.

Heute hat Hadids Büro rund 400 Angestellte, etwa 1000 Gebäude in über 40 Ländern wurden nach eigenen Angaben von den Architektinnen und Architekten realisiert – die meisten davon in Westeuropa und China. Doch die Gründerin dieses ungewöhnlichen Architekturimperiums ist nicht mehr dabei: 2016 erlag sie mit 65 Jahren in Miami einem Herzinfarkt.

Gerade ist nun beim Insel-Verlag ein Kinderbuch über die Architektin erschienen. Es ist Teil der Serie „Little People, Big Dreams“ – „Kleine Leute, große Träume“, wo überraschende Biografien aus Kindersicht beschrieben werden. Es sind Geschichten, die Mut machen. Und zweifellos ist auch Hadids fantastischer Werdegang dazu geeignet, Kinder anzuspornen, das scheinbar Unmögliche zu wagen – und Mädchen zu motivieren, als männlich dominiert wahrgenommene Karrierepfade zu beschreiten.

„Wir sehen inzwischen immer mehr Frauen, die sich als Architektinnen einen Namen gemacht haben“, sagte Hadid nur wenige Wochen vor ihrem Tod bei der Preisverleihung der „Royal Gold Medal“ Anfang 2016 mit Blick auf das in der Stararchitektur immer noch sehr einseitige Geschlechterverhältnis. Die berühmte Vorkämpferin schränkte allerdings ein: „Das heißt nicht, dass es einfacher geworden ist.“

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