Günter Wallraff wird von seiner Frau Birgit abgeholt.
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Nach Folterverhören und Militärhaft: Günter Wallraff wird von seiner Frau Birgit abgeholt.

# 31 Günter Wallraff

Wallraff 1975 - In Folterhaft in Griechenland

  • Boris Halva
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1975: Günter Wallraff veröffentlicht sein Buch „Unser Faschismus nebenan“, in dem er von seiner Folterhaft in Griechenland berichtet.

Dass er dorthin geht, wo es weh tut, das hatte er schon vor dem 10. Mai 1974 bewiesen. Bereits Mitte der Sechzigerjahre hatte sich Günter Wallraff als Industriearbeiter verdingt und von seinen Erfahrungen berichtet, etwa in seinem Buch „13 unerwünschte Reportagen“.

Das Adjektiv „unerwünscht“ sollte fortan Wallraffs Arbeit und seinen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte prägen. Es war nicht nur unerwünscht, dass da einer abtauchte und sich die Hände schmutzig machte, obwohl er es nicht musste. Unerwünscht war auch, dass er weitererzählte, unter welchen Bedingungen die Menschen an den Fließbändern, Hochöfen und Kaufhauskassen oder hinter den Fassaden all der ehrenwerten Häuser der Familien Krupp, Gerling, Henkel und Horten schuften mussten; wie sie als Bedienstete im Hause Thurn und Taxis gepiesackt wurden. All das ist nachzulesen in dem Buch „Ihr da oben - wir da unten“, das Wallraff 1973 mit Bernt Engelmann veröffentlicht.

Aber es ging ihm nie bloß darum, die Mächtigen und Privilegierten vorzuführen oder an den Pranger zu stellen. Vor allem wollte er die Geschichten derer erzählen, die zwar unerwünscht waren, aber eben doch ins Land geholt wurden, weil man sie brauchte – irgendjemand musste ja all die lästige, unterbezahlte, sprich: die Drecksarbeit erledigen, die das Fundament der aufstrebenden „Wirtschaftswunder“-Republik bildete. Und eben weil er die Geschichten des „kleinen Mannes“ erzählte, feierten ihn schon bald die politisch Engagierten, die Aufgeschlossenen und auch die Ausgebeuteten selbst als Aufdecker, als ihr Sprachrohr. Die Etablierten hingegen, die Konservativen und all jene, die von diesen Zuständen der späteren Nachkriegsjahre profitierten oder sich zumindest bequem darin eingerichtet hatten, beschimpften ihn als Zersetzer und üblen Klassenkämpfer.

Günter Wallraff: Flugblätter in Griechenland

Aber an jenem 10. Mai 1974, an dem er sich in Athen an einen Laternenmast ketten und Flugblätter verteilen würde, auf denen er die Freilassung der politischen Gefangenen und freie Wahlen fordert, geht Günter Wallraff weiter als je zuvor. Er legt sich mit dem „Regime der Obristen“ an, den Militärs, die sich 1967 in Griechenland an die Macht geputscht hatten und die diese Macht mit stetig intensivierten Repressionen gegen das eigene Volk zu sichern trachteten.

„Ich musste mit allem rechnen“, sagt Günter Wallraff 46 Jahre später. Und: „Ich hatte mit allem gerechnet.“ Er macht eine Pause. „Griechische Freunde hatten mir gesagt, ein halbes Jahr Gefängnis ist sicher. Ich sollte mich eher auf ein oder zwei Jahre Haft einstellen. Misshandlung und Folter sind vorprogrammiert.“ Der heute 77-Jährige erzählt das nicht mit ausladenden Gesten, sondern mit ruhiger Stimme, zurückgelehnt in seinen Gartensessel in einem Hinterhof in Köln-Ehrenfeld. Sein Ton ist fast nachdenklich, wenn er von diesem Frühjahr 1974 erzählt, in dem er sich auf die Aktion vorbereitet. „Angst spielte sicher eine Rolle“, sagt er. Er verfasst damals sein Testament, er weiß, es könnte ernst werden. Und es wird ernst: Wenige Minuten, nachdem er sich angekettet hat, kommen Geheimpolizisten, schlagen ihn zusammen und nehmen ihn fest.

Günter Wallraff war in Kontakt mit vielen Schriftstellern

In den Verhören wollte er so tun, als sei seine Aktion erst der Anfang. „Ich hoffte, dass andere das fortsetzen, wenn ich im Gefängnis bin.“ Er stand in Kontakt mit anderen Schriftstellern – „aber ich fand keinen, der dazu bereit war“. Er würde es also alleine machen müssen. Üblicherweise ist das der Moment, in dem einen der Mut verlässt. Aber Wallraff sorgt vor: Er schluckt vorher Schmerzmittel, um „nicht zu schnell mit der Sprache rauszurücken“, sollte er gefoltert werden. Es wäre fatal gewesen, wenn seine Identität zu früh aufgeflogen wäre. „Da hätten andere ja denken können, ach schau mal, da kann man so eine Aktion unbeschadet machen und wird danach noch auf Staatskosten ausgeflogen.“ Er schweigt, bis er die Schmerzen nicht mehr aushält. Dann gibt er sich als Hans Wallraff aus, Fabrikarbeiter bei Ford in Köln – so lautet auch die erste Agenturmeldung über seine Aktion.

Die Folter, die verdreckten Zellen, all das beschreibt Wallraff in seinem Buch „Unser Faschismus nebenan – Griechenland gestern, ein Lehrstück für morgen“, das er 1975 mit Eckart Spoo und anderen veröffentlicht.

Er erzählt, wie er sich vor dem Militärgericht verteidigte. Und dass er Glück hatte, dass sich die Junta selbst abschaffte: Im Juli 1974 scheiterte ihr Putschversuch auf Zypern, der internationale Druck wuchs, in der eigenen Armee schwand der Rückhalt. Die Junta musste zurücktreten. So kam es, dass Wallraff statt nach 14 Monaten Haft schon nach 77 Tagen freigelassen wurde.

Oft wurde Wallraff missverstanden

„Die 14 Monate hätten sie mich absitzen lassen, ich war ja nicht reuig“, sagt Wallraff – bis heute nicht reuig. „Es war klar, dass mich diese Aktion für einige Zeit aus dem Verkehr ziehen würde. Danach habe ich noch lange Kopfschmerzen gehabt, konnte zeitweise nicht mehr schreiben. Ich war ziemlich desolat, aber das hat sich zum Glück gegeben. Bis auf einen Zehennagel, der mir noch ab und zu ausfällt, ist da nichts geblieben.“ Er lacht, nicht jovial-amüsiert, eher erstaunt; erstaunt darüber, dass so eine Erfahrung irgendwann nur noch Erinnerung, nur eine weitere Stufe der persönlichen Entwicklung ist. Einzig: Wenn er sich missverstanden fühlt, geht ihm das bis heute nahe.

Missverstanden wird er immer wieder. Auch für seine Griechenland-Aktion erfährt er nicht nur Solidarität. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ wird der Leserbrief eines Unternehmers abgedruckt, in dem dieser Wallraff als „Schmarotzer“ bezeichnet, den seriöse Medien gefälligst zu ignorieren hätten. „Ich bedauere“, heißt es weiter, „daß die Athener Machthaber mit Wallraff so milde umgegangen sind.“ Aber nicht nur in Leserbriefen wird die Aktion als unzumutbare Selbstinszenierung gegeißelt, auch viele Zeitungen reden „den griechischen Faschisten das Wort“, wie Gerd Kröncke in „Unser Faschismus nebenan“ über die Reaktion der deutschen Presse schreibt.

Die FR druckt Günter Wallraffs Verteidigungsrede

Die „Welt“ bezeichnet Wallraffs Aktion auf dem Syntagma-Platz als die „alte kommunistische Schose“, während die „Kölnische Rundschau“ proklamiert: „Wer aber Wallraffs deutsche Aktivitäten kennt, der zweifelt an der Leidenschaft, Seriosität und Wirksamkeit seiner griechischen Passion.“ Der Verweis auf die Passion Christi soll wohl unterstreichen, für wie theatralisch man Wallraff hielt. Während die FR und die „Zeit“ Wallraffs Verteidigungsrede (die eine Anklagerede war) abdrucken, die er am 23. Mai 1974 vor dem Militärgericht in Athen hielt, und auch der „Spiegel“ und die „Süddeutsche Zeitung“ Position gegen die Junta beziehen, verfährt der Rest getreu der Devise: „Durch Diffamierung der Person von der Sache ablenken“. Und Kommentare, „die man nicht selbst zu schreiben wagt, publiziert man in Form von Leserzuschriften“, schreibt Kröncke.

Was Auflage und Wirkung angeht, ist „Ganz unten“ bis heute Wallraffs erfolgreichstes Buch, mit mehr als fünf Millionen deutschsprachigen Exemplaren das meistverkaufte Sachbuch der Nachkriegsgeschichte. „Aber meine wichtigste Aktion, die mich nachhaltig geprägt und auch von einigem Oberflächlichen befreit hat, das war die Griechenland-Aktion.“ Sie war weder Rollenreportage noch Undercover-Journalismus: „Es war eine Menschenrechtsaktion.“

Und eine Aktion, die womöglich auch erklärt, warum es ihn immer dorthin zieht, wo es weh tut. Sein Vater, einst Fließbandarbeiter bei Ford und nach Jahren in der „Lackhölle“ schwer erkrankt, stirbt, als Günter Wallraff 16 ist. So könnte es doch als Hommage an den Vater gesehen werden, dass er sich in Athen als Fabrikarbeiter aus Köln ausgibt; vielleicht ist das Schicksal seines Vaters auch ein Grund dafür, dass sich Günter Wallraff bis heute näher bei jenen fühlt, die ausgegrenzt und deklassiert sind, als bei denen, die das sogenannte gesellschaftliche Leben repräsentieren. „Aber“, sagt er, „wenn man immer ganz genau wüsste, was einen antreibt, würde man es vielleicht nicht mehr machen.“

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