Carola Rackete an Bord der „Sea-Watch 3“.
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Carola Rackete an Bord der „Sea-Watch 3“.

# 75 Carola Rackete

Mut ist der Anfang - nicht das Ende

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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Nach 17 Tagen Odyssee auf dem Mittelmeer steuert Carola Rackete 2019 das Rettungschiff „Sea-Watch 3“ in den Hafen von Lampedusa. Und legt sich mit dem Asylsystem an.

  • Carola Rackete steht für den Mut im Augenblick.
  • Sie rettete in Not geratene Geflüchtete im Mittelmeer.
  • Dann wird Carola Rackete plötzlich festgenommen.

Das mit dem Mut ist so eine Sache. Kann man nicht vorhersehen, nicht planen, wenig darauf hoffen, niemals erwarten... Und die, die Mut beweisen, können - ja, dürfen! – nicht darauf bauen, dass das alles schon so passieren wird.

Mut erwächst aus dem Moment. Ohne den Moment kann es ihn nicht geben. Mut, von langer Hand geplant, ist keiner. Ist nur kaltes Kalkül – klug vielleicht, aber niemals wert, gerühmt zu werden so wie die Tat des Augenblicks, das beherzte Zugreifen oder Voranschreiten, wenn alle zurückschrecken, das Wort plötzlich führen, wenn alle angstvoll schweigen. Mut ist immer eine Grenzverletzung - und somit auch das Abstecken einer neuen Grenze, an der es sich fortan zu messen gilt. Gut, dass auch der mutigste Mensch diese Grenzen bis zu ihrem Überschreiten niemals selber wahrnehmen kann.

Carola Rackete kommandierte die „Sea-Watch 3“

Die Frankfurter Rundschau hat in ihrem 75. Jubiläumsjahr bis dato 74 Menschen als „Mutmacher“ dargestellt. Gleich folgt die 75. Person, mit der diese Serie dann schließt. Eigentlich macht der mutige Mensch immer anderen Mut. Denn mutig sein kann jede und jeder. Die Mutigen sollen uns allen doch nur Vorbild sein, es ihnen an unserer Stelle - wo und wann die auch immer sein mag - gleichzutun. Nicht innezuhalten und zu verzagen, sondern in dem Augenblick zu handeln. Einen zweiten Augenblick wird es nicht geben.

Carola Rackete‘s Augenblick kam Ende Juni vor einem Jahr (ja, so kurz ist das nur her...) Die damals 31-Jährige kommandierte zu dieser Zeit im zentralen Mittelmeer das Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ für den gleichnamigen Berliner Verein. Sogar bloß als Vertretung, der eigentliche Kapitän war verhindert, Carola Rackete besitzt das Kapitänspatent, hat reichlich nautische Erfahrung und sie hatte für Sea-Watch bereits Rettungseinsätze koordiniert. Selbstverständlich kann die versierte Frau, in Deutschland studierte Schiffsoffizierin, Aktivistin in der Antarktis und bei Greenpeace, zusätzlich in England studierte Umweltschutz-Managerin, den Job erledigen, der Autorität, Herz, Durchsetzungskraft und Geistesgegenwart verlangt.

Carola Rackete rettet mit „Sea-Watch 3“ mehr als 50 Menschen aus der Seenot

Am 12. Juni 2019 rettet die Crew der „Sea-Watch 3“ unter Kapitänin Racketes Kommando 53 Menschen aus Seenot und dreht sodann auf Kurs Italien. Es kann auf jede Stunde ankommen, denn die Geretteten sind Menschen, junge und alte, die am Ende ihrer psychischen und physischen Kräfte sind. Sie brauchen so schnell wie möglich festen Boden unter den Füßen. Einen Ort, von dem aus sie eine neue Lebensperspektive entwickeln können, eine im Frieden, weit weg von Hunger, Not und Krieg.

Seit bald vier Jahren sind Schiffe im Mittelmeer unterwegs auf Rettungsmissionen. Crews werden immer wieder ausgewechselt, der seelische Abschliff von Routine muss vermieden werden, gleichwohl braucht es eingespielte Teams, Willensstärke braucht es zuallererst. Mut nennen das manche bereits, andere glauben auch schiere Abenteuerlust ausmachen zu können. Es wird sich von beidem und von noch vielem mehr in der Motivation der jungen Menschen draußen auf hoher See finden.

Auch zu Lande standhaft: Rackete im Dannenröder Wald.

Aber Mitte Juni auf der „Sea-Watch 3“ sind Fürsorge und Professionalität zuerst gefragt. Auch bloß für das bisschen Zeit, das es braucht, um die Flüchtlinge sicher an Land zu bringen.

Doch im Juni 2019 gehört anscheinend alle Zeit der Welt einem einzigen Mann, dem rechtsradikalen Populisten und italienischen Innenminister Matteo Salvini. Der weiß: Seine politische Zukunft steht und fällt damit, dass er nicht einen Menschen aus Afrika oder Nahost oder dem Mittleren Osten nach Italien reinlässt. In einer belagerten Festung reüssiert nur der Stärkste und Skrupelloseste – erst recht nur dann, wenn die Belagerung von ihm selbst erfunden wurde.

Festung Europa: Ein Protagonist ist Salvini

Salvini ist der Stärkste in der Festung Italien. Die Regierung tanzt nach seiner Pfeife, er hat alle Häfen des Landes schließen lassen für Schiffe mit Geflüchteten an Bord.

Wohlgemerkt, die Rettung Schiffbrüchiger ist eine weltumspannende Pflicht, einer der humanitären Grundpfeiler der Seefahrt. Dafür gibt es das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen. Aber internationale Verträge kümmern Salvini nicht. Er spielt allein die nationale Karte. Mitte Juni 2019 sticht die alles.

Zu 17 Tagen Irrfahrt zwischen Italien und Libyen verdammt er Kapitänin Rackete, ihre Crew und die an Bord genommenen Schiffbrüchigen. Nach diesen 17 Tagen ist das Ende gekommen: 13 Flüchtlinge mussten wegen akuter gesundheitlicher Probleme von Bord gebracht werden. Die Besatzung muss „Suicide Watch“ – „Suizidwache“ – über die hoffnungslosen Menschen halten, muss versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Derweil delektiert sich Salvini am Protest von allen Seiten, die Umfragen in Italien zeigen ihm: Sein Weg führt zum Erfolg. Sollen sich doch alle totärgern, sollen Flüchtlinge ums Leben kommen, soll die ganze fragile Ordnung der Welt doch zum Teufel gehen.

Das Buch zur Serie

In 75 Lektionen Mut stellt die Frankfurter Rundschau zu ihrem 75. Jubiläum 75 Menschen vor, die mit ihrem Handeln unsere Welt geprägt und verändert haben. Heute erscheint der letzte Teil. Alle Beiträge sollen in einem Buch gebündelt werden. Wenn Sie daran Interesse haben, schreiben Sie mit dem Betreff „75 Lektionen Mut“ an chefredaktion@fr.de.

Mit der Mail gehen Sie keinerlei Verpflichtung ein. Sie werden einmalig informiert, wenn das Buch erscheint.

Mutmacher-Geschichten werden Sie auch in Zukunft in der Frankfurter Rundschau lesen. Zwar endet die Reihe „75 Lektionen Mut“ nun, aber unsere Berichterstattung über Menschen, die mit ihren Ideen und ihrer Energie heute daran arbeiten, die Welt zu verbessern, werden wir fortsetzen. FR

17 Tage währt Salvinis Triumph, dann wird der ihm mit einem Mal vergällt von einer „kleinen Angeberin“, wie er Rackete beschimpft, von der „deutschen Zecke“: Carola Rackete hat als verantwortliche Kommandantin – das ist auch noch alles internationales See- und Menschenrecht – den Notstand an Bord erklärt. Und in der Nacht des 29. Juni, nimmt sie Kurs auf den Hafen der italienischen Insel Lampedusa. Ein Boot der paramilitärischen Guardia di Finanza des Wirtschaftsministeriums versucht, die „Sea-Watch 3“ abzudrängen, aber das ist zum Scheitern verurteilt bei dem auf Lampedusa ungerührt zustampfenden 50-Meter-Schiff.

Carola Rackete - erst festgesetzt, dann wieder frei

Im beinah letzten Augenblick drängt sich dann das italienische Patrouillenboot vor der „Sea-Watch 3“ an deren Anlegestelle, will eben dieses anlegen verhindern. Es geht um Zentimeter. Das Rettungsschiff schwappt immer näher an das Boot heran.

Wer diese Momente sieht und nichts von der Seefahrt weiß, versteht doch: Die da anlegen wollen, haben 400 Stunden Nervenkrieg ohne Unterlass hinter sich. Und sie können nicht mehr. Können nicht mehr anders als jetzt an Land! Die Guardia rettet sich und ihr Boot, lässt die „Sea-Watch 3“ an den Legeplatz, wird dabei minimal touchiert. Noch an Bord nehmen die Italiener Rackete fest. Im Hafen begrüßen sie Applaus wie Buhrufe.

Drei Tage später ist Carola Rackete wieder frei. Eine Richterin in Palermo hat befunden, die Kapitänin habe ihre Pflicht erfüllt, eben nach Recht und Gesetz. Die italienische Regierung habe dagegen mutmaßlich das Recht gebrochen. Das juristische Nachspiel dauert an. Salvini ist längst zur Witzfigur am rechten Rand der italienischen Politik degradiert, geschicktere Rechtsradikale haben ihm den Rang abgelaufen.

Die „deutsche Zecke“ aber wird zum Gesicht der Seenotrettung im Mittelmeer. Carola Rackete ist die Heldin nicht nur des Tages. Das hält an. Wenige nur, die sich nicht gerne zeigen an der Seite der Frau in der funktionalen Freizeitkleidung, als käme sie gerade nur von einem Popfestival, mit den streng nach hinten gebundenen Dreadlocks und der unfassbar ruhigen Erscheinung.

Carola Rackete macht tatsächlich kein großes Aufheben um ihre Tat. Aber sie weiß deren Effekte zu nutzen. Plötzlich ist die Aktivistin mit Kapitänspatent eine Marke. Kein Medium, das nicht versucht, das für sich zu verbuchen. Aber Rackete selbst macht was draus. Sie gibt sich als Anhängerin von „Extinction Rebellion“ zu erkennen, der härteren und mehr Kritik auf sich ziehenden Variante von „Fridays for Future“, sie schreibt ein Buch, in dem sie radikales Umdenken des Westens in all seinen Ausformungen fordert. Kein Jahr später steht sie im Dannenröder Wald in Friesennerz und trommelt für die Protestcamps gegen den Autobahnbau im Hinterhessischen. Sie hat die Medien sicher im Schlepptau. Carola Rackete ist medial präsent, ist gekommen, um zu bleiben. Um nicht locker zu lassen.

Das ist kalkuliert. Daraus macht man kein Ruhmesblatt. Aber damit erzielt man vielleicht nachhaltigere Erfolge als die Schlagzeilen eines kurzen Sommers. Muss Mut zwangsläufig in Kalkül umschlagen? Ist das was Schlechtes?

Es kann etwas Schlechtes sein, wenn der Zweck das eigene Fortkommen ist. Carola Rackete tut das ganz offensichtlich nicht. Der „Taz“ gibt sie im regennassen Wald ein großes Interview und versichert, dass sie nicht dort sei, „weil mir das so viel Spaß macht“. Sie ist da, weil es notwendig ist.

Und das ist vielleicht die wichtige letzte Lektion, die uns eine „Mutmacherin“ lehren kann: Aus Mut lässt sich was machen. Denn Mut weist immer auf einen Missstand hin. Und nur ganz selten reicht der mutige Moment aus, den Missstand zu beseitigen. Dann braucht es Standhaftigkeit. So wie Carola Rackete sie hat. (Peter Rutkowski)

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