Beate Klarsfeld (Mitte) bei einer Demonstration gegen den Ex-SA-Mann Kurt Waldheim in Österreich.
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Beate Klarsfeld (Mitte) demonstrierte auch gegen Ex-SA-Mann Kurt Waldheim in Österreich.

# 43 Beate Klarsfeld

Empörung macht Mut erst möglich

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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  • Sonja Thomaser
    Sonja Thomaser
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1987: Beate Klarsfeld und ihr Mann Serge erreichen, dass Ex-Gestapo-Chef Klaus Barbie in Frankreich lebenslang hinter Gitter kommt.

In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik lebten viele schuldhaft in die Nazi-Diktatur verstrickte Menschen völlig unbehelligt und oft auch hoch angesehen überall auf der Welt, erst recht in Westdeutschland selbst (in der DDR wuschen sich viele mit einem hochheiligen bekenntnis zum Kommunismus rein). Vom Dorfstammtisch bis zur Ministerbank im Bundestag, überall fanden sich „alte Kameraden“, über deren jüngere Vergangenheit weder sie noch andere sprachen.

„ Wir sollten jetzt mit der Naziriecherei einmal Schluss machen, denn, verlassen Sie sich darauf, wenn wir damit anfangen, weiß man nicht, wo es aufhört.“ So sprach Konrad Adenauer im Bundestag 1952. Sieben Jahre nach Ende von Hitlers Vernichtungskriegs meinte der erste demokratische Bundeskanzler, man brauche sich nicht mehr mit den Verbrechern des Naziregimes auseinanderzusetzen.

Gelegentlich stolperte aber ein Alt-Nazi ins Licht der Öffentlichkeit und wurde dann vielleicht auch verurteilt. Aber selbst die Frankfurter Auschwitzprozesse 1963 waren vornehmlich ein internationales Medienereignis – und meist nur für die Nachkriegsjugend, die künftigen 68er, von Belang für ihre politische Bewusstwerdung.

Beate Klarsfeld: Vom Au-Pair zur Nazi-Jägerin

Beate Künzel gehört zu dieser Generation. Sie wird 1939 in Berlin geboren, das einzige Kind von Helen und Kurt Künzel. Zum Teenager herangereift, beginnt sie die heile Familienwelt in Frage zu stellen. Die Eltern hätten keine Verantwortung für die NS-Zeit übernehmen wollen, wird die Tochter später erklären. 1 960 ging Beate Künzel dann für ein Jahr als Au-Pair nach Paris und lernte dort den französischen Juden Serge Klarsfeld kennen und lieben. Serges Vater war in Auschwitz umgekommen, die Beziehung zum Sohn öffnet der jungen unzufriedenen Deutschen endgültig die Augen für die Gräuel, die die deutsche Nation der Welt angetan hat. Nach Beate Klarsfelds Worten hat ihr Mann – sie heirateten 1963 – ihr geholfen, „eine Deutsche mit Gewissen und Bewusstsein zu werden“.

Aber die ersten drei Ehejahre verliefen so normal, beschaulich und unspannend wie die von Millionen anderer Menschen . Beate Klarsfeld arbeitete als Sekretärin im Deutsch-Französischen Jugendwerk, Serge Klarsfeld war beim Radio beschäftigt. 1966 wurde das CDU-Mitglied Kurt Georg Kiesinger Kanzler der Großen Koalition mit der SPD in Bonn. Das junge deutsch-französische Ehepaar war entsetzt. Denn Kiesinger war von 1933 bis 1945 bei der NSDAP gewesen und bekleidete in der Hitler-Diktatur zuletzt einen leitenden Posten im Propagandaministerium von Joseph Goebbels. Dieser Mann sollte ein demokratisches Deutschland führen? Und andere, die sich noch viel schuldiger gemacht hatten, sollten erst recht straflos weiter leben? Das Ehepaar Klarsfeld woillte das nicht hinnehmen und machte sich daran ehemalige Nazi-Größen aufzustöbern. Die beiden durchforsteten Archive in den USA und der DDR nach Hinweisen. Sie waren hinter dem Ex-SS-Führer Kurt Lischka her und deckten die Vergangenheit des FDP-Politikers Ernst Achenbach auf: Die beiden Männer hatten Deportationen von Juden aus Frankreich in die Konzentrationslager organisiert.

Ohrfeige für Kanzler Kiesinger

Aber da war auch noch Kiesinger, der unbeeindruckt und selbstzufrieden die Bundesrepublik regierte. Beate Klarsfeld ließ nicht von ihm ab, Am 2. April 1968 rief sie ihm von der Besuchertribüne des Bundestags zu: „Nazi, tritt zurück!“

Aber das reichte nicht. Und so setzte es eine schallende Ohrfeige am 7. November des gleichen jahres in der Berliner Kongresshalle beim Bundesparteitag der CDU. Klarsfeld hatte sich als Journalistin ausgegeben und kam so bis an Kiesinger ran. Die Ohrfeige machte sie international berühmt. Ihr Mann Serge sagte später zu ihr: „Das war das Beste, was du in deinem Leben gemacht hast“.

D er größte Erfolg der Klarsfelds, die alsbald als „Nazi-Jäger“ geehrt und gefürchtet wurden, war aber die Enttarnung des einstigen Gestapo-Chefs von Lyon, Klaus Barbie – auch bekannt als „Schlächter von Lyon“. Er hatte Menschen mit Elektroschocks gefoltert, ließ Kinder hungern, Frauen wurden verprügelt und vergewaltigt. Barbie war für die Ermordung von Mitgliedern der Résistance wie auch für die Deportation von Juden verantwortlich.

Beate Klarsfeld und ihr Mann erhalten Morddrohungen

Nach Kriegsende konnte er sich als „Klaus Altmann“ in Bolivien eine neue bürgerliche Existenz aufbauen. Ab 1966 war der Kriegsverbrecher auch noch für den Bundesnachrichtendienst (BND) als Informant unter dem Decknamen „Adler“ tätig .und erhielt ein Monatshonorar samt Prämien. Barbie avancierte auch zum Repräsentanten der Firma Merex AG, die für den BND überflüssiges Material der Bundeswehr auf dem Weltmarkt absetzen sollte. Als sich die Beweise für Barbies Verbrechen häuften, ließ der Dienst ihn fallen.

16 Jahre ermittelten die Klarsfelds gegen den„Schlächter“. 1972 konnten sie ihn in Bolivien aufstöbern. Ein Entführungsversuch, um ihn vor Gericht zu stellen, scheiterte aber. Im Januar 1983 nahm die bolivianische Polizei Barbie schließlich wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung fest. Kanzler Helmut Kohl verhinderte eine Auslieferung an die Bundesrepublik, um keine weitere Debatte über deutsche Kriegsverbrecher und Kriegsschuld aufkommen zu lassen. Schließlich wurde wurde Barbie nach Frankreich ausgeliefert und dort 1987 wegen Verbrechen gegen die Menschheit zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der mutige Einsatz der Klarsfelds brachte ihnen einigen Beifall ein, viellerlei Unmut deutscher Politiker – und schließlich auch handfeste Morddrohungen: 1972 explodierte ihr Auto. In der Post fand sich mal eine als Paket getarnte Splitterbombe.

Alexander Dobrindt nannte Klarsfeld eine „SED-Marionette“

Aber das Ehepaar ließ sich nicht ins Bockshorn jagen. Sie verteidigten die Moral der Zivilgesellschaft gegen all die kollektiven Versuche, deutsches Fehlverhalten vergessen zu machen. In Frankreich als Heldin verehrt. versuchten Konservative in Deutschland lange, Beate Klarsfeld als gewalttätige Durchgeknallte darzustellen. Von Union und FDP wurde sie 2012 als Handlangerin der DDR diffamiert, Alexander Dobrindt nannte Klarsfeld eine „SED-Marionette“, da sie Informationen zu Naziverbrechern aus der DDR erhalten hatte. Im Juli 2019 aber wurde das Ehepaar Klarsfeld mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.

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Mit der „Naziriecherei“ hatte eben nicht Schluss sein dürfen – nicht 1952, als Adenauer darüber die Nase rümpfte, und auch nicht später. Und offenbar brauchte es eine Frau wie Beate Klarsfel, damit weiter „gerochen“ und aufgespürt wurde. Von der „Nazi-Jägerin“ lernen wir: Unerträgliche Verhältnisse muss man nicht hinnehmen. Es lohnt immer, sich zu wehren, Ungerechtigkeiten zu benennen, gewisse Grenzen zu überschreiten und für Gerechtigkeit zu kämpfen.

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