Die Physikerin Lise Meitner, 1959
+
Lise Meitner, 1959, erklärte die Kernspaltung – ihre militärische Nutzung konnte sie nicht verhindern.

#09 Lise Meitner

Auch leise Töne sprengen Grenzen

  • Friederike Meier
    vonFriederike Meier
    schließen

1953: Lise Meitner hält im Radio einen Vortrag zu „Frauen in der Wissenschaft“. Die Mitentdeckerin der Kernspaltung spricht darin erstmals über Gleichberechtigung in der Forschung

Als Kämpferin für Frauenrechte sah Lise Meitner sich nicht. Während ihres Radiovortrags im Jahr 1953 zum Thema „Frauen in der Wissenschaft“ gab die Physikerin zu, dass sie sich während ihrer Karriere lange nicht mit Frauenrechten beschäftigt hatte. Erst später habe sie begriffen, „wie irrtümlich diese meine Auffassung war und wie viel Dank speziell jede in einem geistigen Beruf tätige Frau den Frauen schuldig ist, die um die Gleichberechtigung gekämpft haben“. Ihre späte Einsicht führt sie auf „besonders glückliche Umstände“ in ihrer Karriere zurück. Nur Glück kann es allerdings nicht gewesen sein, denn Lise Meitner musste sich immer wieder gegen große Widerstände durchsetzen.

Schon die Matura abzulegen war im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts für Frauen noch etwas Ungewöhnliches. Doch Lise Meitner, geboren 1878, die aus bürgerlichen Verhältnissen kam und von ihren Eltern unterstützt wurde, ließ es darauf nicht beruhen. Nach ihrem Studium der Physik und Mathematik und der Promotion ging sie als 28-Jährige nach Berlin, wo Frauen zu dieser Zeit noch nicht einmal zum Studium zugelassen waren. Sie besuchte als Gasthörerin Vorlesungen des berühmten Physikers Max Planck und suchte nach einer Möglichkeit, eigene Experimente durchzuführen. Sie bekam die Möglichkeit, mit dem gleichaltrigen Chemiker Otto Hahn zusammenzuarbeiten.

Geld für ihre Arbeit als Physikerin bekam sie erst nicht

Dass die Chemiker es nicht gerne sahen, dass eine Frau am Chemischen Institut arbeitete, dürfte zu Meitners Schüchternheit beigetragen haben. Institutsleiter Emil Fischer ließ sie nur dort arbeiten, weil die umgebaute Holzwerkstatt im Keller des Instituts, die ihr Labor wurde, einen separaten Eingang hatte. Weil es in dem Gebäude keine Frauentoilette gab, musste sie die einer nahegelegenen Gaststätte nutzen.

Dennoch wurde sie schon bald in den illustren Kreis der in Berlin forschenden Physiker um Max Planck aufgenommen. Geld für ihre Arbeit als Wissenschaftlerin bekam sie allerdings erst 1912, als Max Planck sie als Assistentin anstellte. Im März 1926 wurde sie schließlich als erste Frau in Deutschland zur nichtbeamteten außerordentlichen Professorin für Physik ernannt und erlangte durch ihre Grundlagenforschung zur Kernphysik internationales Ansehen.

Eine „phantastische Erklärung" wird von Meitner gewünscht

Doch zur größten Entdeckung, an der Lise Meitner beteiligt war, konnte sie ihren Beitrag nur aus der Ferne leisten: Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung war sie im Deutschland der Dreißiger Jahre höchst gefährdet, im Juli 1938 gelang ihr die Flucht ins schwedische Exil. Von dort aus nahm sie per Brief weiter an den Experimenten von Otto Hahn in Berlin teil.

Gemeinsam hatten sie auf ihr Anregen hin seit Jahren nach den sogenannten Transuranen gesucht, also nach Elementen, die schwerer sind als Uran. Dafür beschossen sie Uran mit Neutronen. Sie erwarteten, dass das „Transuran“ durch radioaktiven Zerfall zum etwas leichteren Radium wird. Denn nach der damals verbreiteten Vorstellung konnten Atomkerne zwar Neutronen aufnehmen und zu anderen Elementen werden – teilbar waren sie aber nicht.

Kurz vor Weihnachten 1938 gab Hahn seiner Kollegin per Brief ein Rätsel auf. „Unsere Radium-Isotope verhalten sich nicht wie Radium, sondern wie Barium“, schrieb er am 19. Dezember. „Vielleicht kannst du ja irgendeine phantastische Erklärung vorschlagen.“ Er und sein Assistent Fritz Straßmann wüssten selbst, dass Uran eigentlich nicht zu Barium zerplatzen könne.

Ihren revolutionären Inhalt formuliert Meitner vorsichtig

Die „phantastische Erklärung“ lieferte Meitner mit ihrem Neffen, dem Physiker Otto Robert Frisch, der über Weihnachten zu Besuch war. Auf einem Spaziergang im Schnee kamen sie auf die Idee, Niels Bohrs Vorstellung vom Atomkern als einen Flüssigkeitstropfen anzuwenden. Dieser könnte sich in die Länge ziehen und auch teilen. Auf Baumstämmen sitzend berechneten sie auf zwei verschiedenen Wegen die Energie, die dabei freiwerden müsste und kamen zum selben Ergebnis: Bei der Spaltung von Uran in zwei Tochterkerne würde viel mehr Energie freigesetzt als bei chemischen Reaktionen.

Ihre vorsichtige Formulierung steht im Gegensatz zum revolutionären Inhalt, als Meitner an Hahn schreibt: „Wir haben eure Arbeit sehr genau gelesen und überlegt, vielleicht ist es energetisch doch möglich, dass ein so schwerer Kern zerplatzt.“ Ihre Theorie veröffentlichten sie und ihr Neffe noch im selben Monat in einer Notiz in der Zeitschrift „Nature“. Es folgten eine Reihe von Publikationen verschiedener Physiker, die Brisanz für die Herstellung von Atomwaffen wurde schnell klar. Als Meitner vom Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki erfuhr, war die überzeugte Pazifistin entsetzt, ihr Leben lang hat sie sich gegen die militärische Nutzung der Kernspaltung ausgesprochen.

Die Leistung Meitners spielten ihre Kollegen herunter

Der Krieg hatte Lise Meitner ihrer beruflichen Heimat Berlin beraubt, in Deutschland wollte sie nicht mehr leben. Sie blieb zunächst in Stockholm, wo sie von 1947 an die kernphysikalische Abteilung des Physikalischen Instituts der Königlich Technischen Hochschule leitete. 1960 schließlich ging sie in die USA, wo sie bis zum ihrem Tod im Oktober 1968 lebte und forschte. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen für ihre chemischen und physikalischen Arbeiten, doch ihr entscheidender Beitrag zur Physik drohte in Vergessenheit zu geraten: „In der allgemeinen Literatur wurden ihre bahnbrechenden Arbeiten zur Kernphysik kaum je erwähnt“, schreibt die US-amerikanische Meitner-Biografin Ruth Lewin Sime. Sie führt das unter anderem darauf zurück, dass Meitner eine Frau war.

Auch Otto Hahn habe nach dem Krieg Meitners Leistungen heruntergespielt: Als er 1946 für die Entdeckung der Kernspaltung den Chemie-Nobelpreis bekam, erwähnte er Meitners Beitrag in seiner Rede nur am Rande.

Lesen Sie auch: In die erste Reihe muss man sich einfach setzen - die Geschichte von Aenne Burda

Dafür, dass der Preis nicht auch an Meitner und Frisch ging, gab es wohl mehrere Gründe. Weil Hahn in Nazi-Deutschland nicht zugeben durfte, dass er noch mit einer Jüdin zusammenarbeitet, stand ihr Name nicht mit auf seiner Publikation. Außerdem tat sich das Nobel-Komitee schwer mit interdisziplinären Arbeiten, auch die persönliche Abneigung ihres schwedischen Chefs mag eine Rolle gespielt haben. Obwohl Meitner im Laufe der Jahre insgesamt 48 Mal von verschiedenen Kollegen vorgeschlagen wurde, blieb ihr diese Auszeichnung verwehrt.

Auch wenn über die Jahrzehnte viele Hürden beseitigt wurden, sind Frauen in der Wissenschaft noch immer nicht gleichberechtigt. Unter Professoren der höchsten Gehaltsstufe in Deutschland sind nur 20 Prozent Frauen, in den Naturwissenschaften sogar nur 14 Prozent. Die Entwicklung hin zu mehr Gleichberechtigung habe zwar schon begonnen, schloss Lise Meitner vor 67 Jahren ihre Rede. Aber „dass dabei einige besondere Probleme noch ihre Lösung finden müssen, wird wohl niemand übersehen“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare