Solschenizyn (l.) und Böll in Langenbroich in der Eifel.
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Asyl nach der Ausweisung: Solschenizyn (l.) und Böll in Langenbroich in der Eifel.

# 29 Alexander Solschenizyn

Besessenheit wagen

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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1973: Alexander Solschenizyn veröffentlicht den Roman „Der Archipel Gulag“. Ein Jahr später wird er der Sowjetunion zu bedrohlich. Sie schiebt ihn ab in die Bundesrepublik.

Die Fotos aus Langenbroich in der Eifel gingen um die Welt. Sie zeigten den am 13. Februar 1974 aus der Sowjetunion ausgewiesenen sowjetischen Literaturnobelpreisträger (1970), Alexander Solschenizyn (1918-2008), der vor seiner Weiterfahrt nach Zürich den deutschen Literaturnobelpreisträger (1972), Heinrich Böll (1917-1985), besuchte. Böll erklärte damals: „Bei mir ist jeder Flüchtling willkommen, egal ob er aus einem kommunistischen Land kommt oder als Kommunist aus einem nichtkommunistischen Land. Wenn Alexander Solschenizyn kommt, dann erhält er bei uns Tee, Brot und Bett.“

Man versteht die Erklärung nicht in ihrer ganzen Dimension, wenn man sich nicht daran erinnert, dass im Juni 1972 dieses Haus von der Polizei durchsucht worden war, weil sie Böll verdächtigte, Mitgliedern der Baader-Meinhof-Gruppe Unterschlupf gewährt zu haben. Bölls Antworten darauf waren eine sofortige Beschwerde bei Innenminister Dietrich Genscher und 1975 die Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“.

Solschenizyn war für Böll aber natürlich nicht irgendein Flüchtling. Böll war früh auf ihn aufmerksam gemacht worden. Kaum war 1962 Solschenizyns Erzählung „Ein Tag aus dem Leben des Iwan Denissowitsch“ erschienen, da informierte Bölls Freund Lew Kopelew ihn über Buch und Autor. Solschenizyns Erzählung war eine Sensation. Es war die erste Schilderung des Gulag, die in der UdSSR erscheinen durfte. Solschenizyn war ein Held. Öffentlich äußerte sich Böll das erste Mal 1968 zu Solschenizyn, als er ein Vorwort zur deutschen Übersetzung von dessen Roman „Krebsstation“ schrieb. Im Jahr darauf folgte eine begeisterte Rezension von Solschenizyns Roman „Erster Kreis der Hölle“. 1972 besuchte Böll die Sowjetunion und lernte Solschenizyn persönlich kennen.

„Archipel Gulag" von Alexander Solschenizyn kam in Russland erst 1990 heraus

Von 1958 bis 1968 hatte Solschenizyn am „Archipel Gulag“ gearbeitet. Er ließ das Werk liegen, denn er wollte nicht riskieren, an der Weiterarbeit an seinem großen Romanzyklus „Das rote Rad“ gehindert zu werden. Der erste Band dieses auf zehn oder gar zwanzig Bände angelegten, 1991 aber nach vier Bänden abgebrochenen Werkes, hat in der deutschen Übersetzung mehr als eintausend Seiten. Böll hatte schon in seiner Besprechung von 1969 erklärt, Solschenizyn sei eine Verbindung von Tolstoi und Dostojewski. Dabei aber immer er selbst. Man muss begreifen, dass die 1600 Seiten umfassenden drei Bände des Archipel Gulag nur ein Bruchteil seines Gesamtwerks sind, das selbst wiederum nichts ist als ein Fragment dessen, was er vorhatte. Alexander Solschenizyn war sicher ein Gigantomane. Aber doch auch einer der literarischen Giganten des 20. Jahrhunderts.

Als der KGB im August 1973 Teile des Manuskripts zum „Archipel Gulag“ entdeckte, ließ Solschenizyn es im Pariser Emigrantenverlag YMCA-Press auf Russisch veröffentlichen. Englische, deutsche, französische und anderssprachige Ausgaben erschienen umgehend. In Russland kam „Der Archipel Gulag“ erst im Jahre 1990 heraus. Darin beschrieb Solschenizyn das Lagersystem als die gesamte Gesellschaft prägende epochale Institution. Es wimmelte von Details und es ging immer um den einzelnen Menschen. Aber der Boden, auf dem alle – Inhaftierte, wie noch nicht Inhaftierte – sich bewegten, war das Lager. Das System, das sich wie eine Inselgruppe, ein Archipel, über die Sowjetunion erstreckte. GULAG steht für Glawnoje uprawlenije isprawitelno-trudowych lagerej i kolonij („Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager und -kolonien“), so die offizielle Bezeichnung.

Als Bundeskanzler Willy Brandt am 2. Februar 1974 in einer Rede anlässlich der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises in München in einem Nebensatz erwähnte, dass Solschenizyn in der Bundesrepublik frei leben und arbeiten könnte, nutzten die sowjetischen Behörden die Gelegenheit und verhandelten auf inoffiziellem Wege mit einem Bevollmächtigten Brandts über die Abschiebemodalitäten. So kam Solschenizyn zehn Tage später zu Heinrich Böll. Die Ausweisung Solschenizyns war auch ein Produkt der Entspannungspolitik.

Solschenizyn faszinierte nicht nur wegen seines Mutes, seiner Besessenheit, mit der er über den Staatsterrorismus der Sowjetunion aufklärte, sondern auch aus ästhetischen Gründen. Solschenizyn habe, so schrieb Böll 1970, „dem sozialistischen Realismus Anschluss an die Weltliteratur verschafft“. Man sollte sich daran erinnern, dass damals in der ganzen westlichen Welt über das Verhältnis von Fakten und Fiktion im Roman nachgedacht wurde. Der „Tod des Romans“, das „Ende der Literatur“ wurden überall beschworen. Solschenizyns „Archipel Gulag“ bringt Dokumente, Statistiken, eigene Erinnerungen, Erzählungen und Kommentare zusammen. „Ein Meisterwerk der Dokumentarliteratur“, schrieb Heinrich Böll. Dantes phantastische Höllenfahrt war im Sowjetreich für Millionen Menschen Realität geworden.

„Archipel Gulag“: Solschenizyn war ein Gegner der Entspannungspolitik

Der im September 1947 geborene russische Autor Viktor Jerofejew erinnerte sich anlässlich des 100. Geburtstages von Solschenizyn an seine frühe Begeisterung für den Autor des „Archipel Gulag“: Solschenizyn war für mich „kein Idol, kein literarischer Star, kein furchtloser Kämpfer gegen politisches Unrecht, wie für viele andere – nein, für mich war er ein Gott. Ich habe ihn angebetet, auch wenn er immer bei mir war: auf meiner Fensterbank. Eines Tages sah ich in der Werkstatt zweier Moskauer Bildhauer eine kleine Büste von ihm stehen, aus rot gebranntem Ton. Der Kopf ruhte auf Büchern, die mit Stacheldraht umwickelt waren. Es war Mitte der 1970er Jahre, die dunkelste und heroischste Zeit im Leben des Schriftstellers, als er sich vor seiner Ausweisung in den Westen mit dem mächtigen Sowjetstaat anlegte. Ich flehte bei den Bilderhauern um die Büste. Als ich sie nach Hause brachte, gab es Ärger: „Bringe sie zurück!“, sagten die Eltern. Mein Vater war ein hochrangiger sowjetischer Diplomat. Wir einigten uns darauf, dass die Büste in meinem Zimmer auf dem Fensterbrett bleiben durfte. Falls Gäste fragten, wer das sei, sollte ich ,Beethoven‘ sagen. So überdauerte ‚Beethoven‘ bei mir all die Jahre der Sowjetherrschaft.“

Bald ließ Jerofejews Begeisterung nach. Solschenizyn hatte schon vor seiner Ausweisung erklärt: „Unerträglich ist nicht das Autoritäre selbst, sondern die aufgezwungene alltägliche ideologische Lüge. Ich selbst sehe heute keine andere lebendige geistige Kraft als die christliche, die die geistige Heilung Russlands übernehmen könnte. Wenn man ein solches Land leitet, muss man eine nationale Linie haben und muss sich ständig der ganzen 1100 Jahre seiner Geschichte bewusst sein und nicht nur der 55 Jahre, der fünf Prozent davon.“

Solschenizyns Hass auf die Demokratie

Solschenizyn war ein Gegner der Entspannungspolitik. Das waren viele der immer zahlreicher in den Westen kommenden Dissidenten auch. Die Flüchtlinge des Prager Frühlings, Ungarn und Polen, erinnerten uns an „Mitteleuropa“. Aber sie traten ein für Menschenrechte und Demokratie. Wir brauchten keinen Solschenizyn mehr, um zu begreifen, dass die Konferenz von Jalta ein Verbrechen war wie einst die Afrikakonferenz in Berlin, auf der die Großmächte ihre Interessengebiete aufteilten.

Solschenizyn machte, auch womit er Recht hatte, zunichte mit seinem Hass auf die Demokratie. Mit seinem immer stärker werdenden Nationalismus. „Androphilie“, Menschenliebe, war für ihn eine Sünde, wenn nicht an erster Stelle die Gottesliebe stand. Russland müsse zurückfinden zu seinen religiösen Wurzeln, dann werde es in der Lage sein, die Welt vor Materialismus und Gottlosigkeit zu retten. Am Ende sprach er begeistert von Putin. Noch ein Gott, wird Jerofejew vielleicht sagen, der keiner war.

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