Elvis Presley
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Elvis Presleys Traum: Die Armut hinter sich lassen. Und den Eltern einen Cadillac kaufen.

#12 Elvis Presley

An den magischen Moment glauben

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
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1956: Elvis Presley lässt im Fernsehen die Hüften kreisen und schockiert das prüde Amerika. Wenig später ist der Junge aus armen Verhältnissen ein Superstar.

Elvis Presley ist ein schüchterner Junge. Als Kind wie als Teenager. Sein späterer Förderer Sam Philips beschreibt ihn gar als „beyond shy“, also jenseits von schüchtern. Seine ersten Lieder vor Publikum – Familie und Nachbarn – mag er nur bei gelöschtem Licht singen. Erstaunlich, dass er überhaupt die Zähne auseinanderbekommt. Und dann das: Am 5. Juni 1956 tritt Elvis Presley im Fernsehen mit dem Song „Hound Dog“ auf – und katapultiert seinen Rock’n’Roll in die US-amerikanischen Wohnzimmer.

Vor allem seine rhythmischen Hüft- und Beinbewegungen lösen ein gewaltiges Medienecho aus. Die Erwachsenen im prüden Amerika der Fünfzigerjahre sind außer sich, ziehen Vergleiche zum Striptease und proklamieren, Elvis gefährde die Jugend. Der wiederum gefällt diese Art der Gefährdung. Fans geben ihm den Spitznamen „Elvis the Pelvis“, Elvis das Becken.

Auch wenn sämtliche Elvis-Biografien betonen, wie sehr der „King“ diesen Spitznamen hasste – als er ihn bekommt, ist Elvis längst ein Gesamtkunstwerk. Und auch wenn Bill Haley zuvor bereits mit „Rock around the Clock“ erfolgreich war – Elvis war mehr Glamour: die Stimme, die Frisur, das Outfit, der Hüftschwung. Elvis ist anders, Elvis hat Sexappeal. Musikalisch farbenblind ist er sowieso. Die rhythmischen Bewegungen hat er sich bei den Afroamerikanern abgeschaut, sein Outfit ebenfalls. Seine Musik ist eine Kombination des schwarzen Rhythm and Blues und der weißen Countrymusik. Er liebt den Gospel.

„Ein Mann, der sich mit ungeheurer Willenskraft aus dem Sumpf befreit“

Die USA stehen 1956 zwischen Aufbruch und Tradition, zwischen Establishment und Rebellion. Veteran Dwight D. Eisenhower tritt seine zweite Amtszeit als Präsident an, die erstarkende Sowjetunion macht viele Menschen zumindest nachdenklich. Gleichzeitig wächst der Wohlstand, so etwas wie Popkultur entsteht. Charlton Heston bringt als Moses die Zehn Gebote ins Kino. James Dean und Marlon Brando fesseln als Bad Boys. Auch Elvis ist großer Fan – der dem Mainstream nun selbst als schlimmer Junge gilt.

Die Elvis Presley Gesellschaft, der größte deutschsprachige Elvis-Fanclub, sieht im besonderen Hüftschwung allerdings eine tiefere als nur die sexuelle Bedeutung: „Typisch sind auch ungewöhnliche Tanzschritte, in denen er wie ein Mann wirkt, der sich mit ungeheurer Willenskraft aus dem Sumpf befreit“, heißt es in der Chronik zum Sänger.

Elvis Presley ist in großer Armut aufgewachsen. Vater Vernon ist Baumwollpflücker und Fabrikarbeiter, Mutter Gladys Näherin. Die Presleys ziehen oft um. In den 1950ern gibt es noch strikte Rassentrennung. Die kann sich die Familie nicht leisten, lebt oft in Vierteln, in denen auch Afroamerikaner Zuhause sind. Oder zumindest in der Nachbarschaft. So entdeckt Elvis die Musik, etwa in mitreißenden Gottesdiensten.

Elvis Presley gewöhnt sich daran, anders zu sein

So etwas wie ein gewohntes Umfeld bietet nur die Familie. Ein fester Freundeskreis, der Sicherheit geben würde, existiert nicht. Elvis ist überall Außenseiter. Ein aufmerksamer Junge, der viel beobachtet, aber nie richtig dazugehört. Oft wird er als Muttersöhnchen verspottet. Tatsächlich ist er mit seiner Mutter Gladys sehr eng verbunden. Vielleicht, weil er eigentlich kein Einzelkind ist. Zwillingsbruder Jesse Garon kam tot zur Welt.

Elvis gewöhnt sich daran, anders zu sein. Später betont er es sogar. Während andere in Jeans umherstrolchen, taucht er im Anzug auf. Seine blonden Haare färbt er schwarz – und er legt sich eine Frisur zu, lange Haare samt Koteletten. Und er hat einen ganz konkreten Lebensplan: Er will die Armut hinter sich lassen und seinen Eltern einen Cadillac kaufen. Er bemüht sich in der Schule, später arbeitet er fleißig, liefert einen Großteil des Lohns zu Hause ab. Selbst als Star glänzt er stets mit vorbildlichem, mitunter übertriebenem Arbeitspensum.

Stets ist da die Liebe zur Musik. Sie verleiht ihm den Mut, sich zu öffnen. Wenn er singt, fällt die innere Unruhe von ihm ab. So schüchtern er ist, er liebt es, zu singen, aufzutreten, eine Show abzuliefern. Zunächst zurückhaltend – andere müssen ihn explizit auffordern. Aber wenn sie es tun, ist ihm egal, ob er in der Dunkelheit vor der Familie singt, in der Schule oder im Park vor Hunderten.

Seine Herkunft hat Elvis Presley nie verleugnet

Seinen Durchbruch als Musiker verdankt Elvis seiner Beharrlichkeit. Er nimmt im Studio von Musikproduzent Sam Philips zwei Lieder auf. Als Geschenk für die Mama, wie er sagt. Das hätte er auch günstiger haben können, wie Elvis-Biograf Peter Guralnick schreibt. Nicht bei einem Produzenten, der sich gerade einen Namen damit gemacht hat, unbekannten schwarzen Künstlern zum Durchbruch zu verhelfen. Der erste Kontakt hinterlässt gleichwohl wenig Eindruck. Die Dame, die Philips mit der Büroarbeit entlastet, notiert immerhin: „Gute Stimme für Balladen“.

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Doch Elvis gibt nicht auf. Immer wieder kommt er vorbei, fragt nach, ob es nicht was für ihn zu singen gäbe. Und tatsächlich lädt Philips den Jungen nochmals ein. Es folgen zähe Aufnahmesessions, in denen nichts Brauchbares entsteht. Und dann kommt es doch zu jenem magischen Moment, als Elvis in einer Pause den Blues-Song „That’s all right, Mama“ von Arthur „Big Boy“ Crudup in seiner eigenen Version anstimmt. Philips ist begeistert. Es wird der erste kleine Hit.

Elvis, der King of Rock’n’Roll, hat hernach viele Hits aufgenommen, in unzähligen Filmen mitgespielt, sehr viel Geld verdient und Cadillacs für seine Eltern gekauft. Doch seine Herkunft hat er nie verleugnet. Er hat sich mit wilden Schritten aus dem Sumpf befreit. Zeitlebens hat er Unsummen für wohltätige Zwecke ausgegeben. Damit auch andere die Chance erhalten, etwas aus sich zu machen.

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