Alice Schwarzer, 1975 in Bonn.
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Deutschlands bekannteste Feministin: Alice Schwarzer, 1975 in Bonn.

# 34 Alice Schwarzer

Rückblick: Als Alice Schwarzer gegen Sexismus in den Medien klagte

  • Valerie Eiseler
    vonValerie Eiseler
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Alice Schwarzer klagt 1978 gegen Sexismus in den Medien. Aus ihrem Mut haben viele Feministinnen gelernt – und fordern nun Schwarzer selbst heraus.

  • Alice Schwarzer ist eine der einflussreichsten Feministinnen in Deutschland
  • Junge Feministinnen grenzen sich heute von Alice Schwarzer ab
  • Viele von Schwarzers Ansichten zu Feminismus und Sexismus sind umstritten

Im Jahr 1978 ist Alice Schwarzer nach langem, kämpferischem Aktivismus Deutschlands bekannteste Feministin. Da war zum Beispiel die „Stern“-Kampagne: „Wir haben abgetrieben“, bei der Schwarzer nach Vorbild einer französischen Zeitschrift Hunderte Frauen dazu ermutigte, sich zu einer Abtreibung zu bekennen und damit dem Paragraphen 218 den Kampf anzusagen. Da waren unzählige Denkanstöße für die hiesige Frauenbewegung und die Gründung der ersten deutschsprachigen feministischen Zeitschrift „Emma“.

Und da war das Fernsehduell mit Autorin Esther Vilar, die in einem Buch geschrieben hatte, nicht die Frau werde vom Mann unterdrückt, sondern umgekehrt der Mann durch die Frau. Die Sendung wurde nach der Ausstrahlung kontrovers diskutiert, aber fortan galt Alice Schwarzer als wichtigste Feministin des Landes. Noch weiter verbreitet als ihr Name war allerdings der Sexismus, dem Schwarzer lautstark den Kampf ansagt hatte.

Zum Beispiel beim „Stern“, jenem auflagenstarken Magazin, in dem die Journalistin Schwarzer noch wenige Jahre zuvor mit der Abtreibungskampagne erschienen war. Dessen Titel zierten regelmäßig nackte Frauen, darunter zum Beispiel auch das Schwarze Model Grace Jones – in Ketten gelegt. Bilder einer vielschichtigen Unterdrückung, die Schwarzer nicht länger hinnehmen wollte.

Sexismus und Feminismus: Alice Schwarzer forderte den Stern-Chefredakteur Henri Nannen heraus

Sie mobilisierte ihre „Emma“-Leserinnenschaft und forderte gemeinsam mit neun anderen prominenten Frauen den „Stern“ und seinen damaligen Chefredakteur Henri Nannen vor Gericht heraus. Der Vorwurf lautete: Ehrverletzung. Die „Stern“-Redaktion habe die Frauen nicht als Menschen, sondern als Sexualobjekte für männliche Betrachter dargestellt. Der Prozess 1978 war der erste wirklich große Schauplatz einer Sexismus-Debatte in Deutschland, ein Kampf um die Deutungshoheit für die Rolle der Frau – mit Alice Schwarzer im Mittelpunkt.

Die Richter entschieden letztendlich gegen die Klägerinnen, bescheinigten den Frauen aber zumindest ein „berechtigtes Anliegen“. Ein moralischer Sieg, zumindest für Schwarzer, so beschreibt es die Journalistin und ehemalige FR-Chefredakteurin Bascha Mika in ihrer Biografie der Feministin. Schwarzer polarisierte fortan weiter die Nation, wurde zugleich verehrt und gehasst.

2020 sieht die Welt etwas anders aus. Inzwischen gibt es zumindest in einigen Städten der Bundesrepublik ein Verbot sexistischer Werbung, darunter Frankfurt, Leipzig und München — ein kleines, verspätetes Erbe der „Stern“-Klage von Alice Schwarzer und der „Emma“-Leserinnen. Der Feminismus ist Mainstream und Feministinnen zahlreicher denn je. Doch während der Kampf gegen Sexismus für viele Feministinnen und Feministen weitergeht, hat sich Alice Schwarzers Rolle in diesem Kampf verändert.

Junge Feministinnen grenzen sich von Alice Schwarzer ab, etwa beim Kopftuch-Streit

Immer noch gilt sie für viele als Vorbild, als Galionsfigur der deutschen Frauenbewegung. Aber vor allem für jüngere Feministinnen ist Schwarzer schon lange nicht mehr die Blaupause, die es zu kopieren gilt. Diese Generation, feminismustheoretisch „Dritte Welle“-Feministinnen genannt, bezieht sich auf neue Ideale im Kampf um Gleichberechtigung. Der Schwerpunkt liegt heute auf Inklusion, genauer gesagt Intersektionalität. Gemeint ist mit diesem von schwarzen US-Feministinnen importierten Begriff, dass im Kampf um Gleichberechtigung ein besonderes Augenmerk auf die Mehrfachdiskriminierung mancher Menschen gelegt wird. Denn die Befreiung einer mittelständischen, weißen deutschen Frau ist nicht gleichzusetzen mit der Befreiung einer muslimischen Migrantin, die aufgrund ihrer Religion, Hautfarbe oder ihres sozio-ökonomischen Hintergrunds zusätzlich diskriminiert wird.

Rund um diese Ideale verläuft auch der Streit zwischen Alice Schwarzer und der dritten Generation. Schwarzer fällt inzwischen vor allem auf, weil sie polemisch gegen das Kopftuch wettert. Auch die regelmäßigen, rassistischen Verallgemeinerungen – insbesondere zu jungen migrantischen Männern – die regelmäßig in Artikeln der „Emma“ zu lesen sind, verschrecken den progressiven, antirassistischen Arm der feministischen Bewegung.

Alice Schwarzer und Feminismus: Streitkultur statt Machtkämpfe - im Patriarchat bleibt noch viel zu bekämpfen

Hinzu kommt die tendenziöse, teils feindliche Berichterstattung der „Emma“ über Transfrauen, die insbesondere queere und trans Feministinnen mit Wut und Enttäuschung erfüllt. Dass ausgerechnet diese Alice Schwarzer die Deutungshoheit über den deutschen Feminismus haben soll, ist für viele junge Feministinnen und Feministen deswegen unverständlich. Alice Schwarzer selbst reagiert darauf ihrerseits mit Unverständnis und attackiert die junge Generation. Sie bezeichnet Feministinnen, die sich vorwiegend im Internet aktivistisch engagieren und ihr dort widersprechen, in Anlehnung an den Netzfeminismus als „Hetzfeministinnen.“ In der „Emma“ ist die Rede von „Denkverboten“, die mit einer Würze des klassischen „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ daherkommen.

Feministin Alice Schwarzer: Keine Angst vor unbequemen Debatten - https://t.co/OYiWfVK1ce https://t.co/7bYhyeI4rm Feminismus pic.twitter.com/c7Qtf7NtGB — Margit Bizwal (@bizwal) September 8, 2020

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Alice Schwarzer: Deutscher Feminismus wird neu definiert

Es scheint, als würde sich Schwarzer aus Angst um ihre Deutungshoheit über die feministische Bewegung in immer konservativere Gefilde flüchten. Kein Wunder, dass es da den Mut einer ganzen Generation braucht, um den deutschen Feminismus neu zu definieren.

Stärkende Streitkultur statt Machtkämpfe um vermeintliche Spitzenpositionen. Inklusion, statt Personenkult. Zu bekämpfen gibt es im Patriarchat nämlich noch viel. Zum Beispiel, wenn der „Stern“ unter dem Titelthema Rückenschmerzen mal wieder junge, nackte Frauen auf das Cover druckt.

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