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Das Berliner Start-up Tier gehört dabei zu den international führenden Firmen. Gründer Lawrence Leuschner spricht im Interview über die vielfältige Kritik, die es an dem neuen Mobilitätsangebot gibt und nennt die Debatte teilweise polemisch.

E-Scooter

Trotz Kritik an E-Rollern: Start-up-Gründer zieht positive Bilanz 

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Elektro-Tretroller haben auf einen Schlag das Straßenbild in Frankfurt verändert. Im Interview nimmt Start-up-Gründer Lawrence Leuschner Stellung zur vielfältigen Kritik.

Auf einen Schlag haben sie das Straßenbild verändert: Elektro-Tretroller. Seit Mitte Mai dürfen Anbieter sie in deutschen Städten aufstellen. Das Berliner Start-up Tier gehört dabei zu den international führenden Firmen. Gründer Lawrence Leuschner spricht im Interview über die vielfältige Kritik, die es an dem neuen Mobilitätsangebot gibt und nennt die Debatte teilweise polemisch. Doch der gebürtige Hesse verspricht auch Verbesserungen. Zum Interview erscheint er mit einbandagierter Hand. Kein Sturz mit dem Tretroller, beruhigt er. „Basketball.“

Herr Leuschner, haben Sie schon einen Kurs in Krisenkommunikation gemacht?
Nein, weil wir aktuell keine Krise haben, sondern sehr große Bestätigung unserer Kunden erfahren, dass sie total happy sind, auf das Auto verzichten und stattdessen mit dem Scooter fahren zu können. Klar, es wird viel Kritisches geschrieben, aber die Konsumenten sind davon ziemlich unbeeindruckt.

Beschweren sich Bürger bei Ihnen persönlich?
Ich habe mal eine E-Mail bekommen von einer aufgeregten Bürgerin, weil ein Scooter vor ihrer Tür stand. Wir haben die Dame dann kontaktiert und ihr bestätigt, dass wir versuchen, dass das nicht nochmal passiert. Aber ansonsten: Wir reden über zehn Millionen Fahrten, die unsere Kunden gemacht haben, seitdem wir gestartet sind. Das heißt, im letzten Monat waren das ungefähr eine Million in der Woche. Die Carsharing-Unternehmen haben für solche Zahlen mehrere Jahre gebraucht und dementsprechend sind wir hochzufrieden mit der Entwicklung. Läuft schon alles perfekt? Natürlich nicht. Bei einer Disruption braucht es immer ein bisschen Zeit, bis sich alle Parteien an die neue Situation gewöhnt haben. Aber wir haben wenig Unfälle und wenig Beschwerden.

Können Sie genau erfassen, wie viele Unfälle es gibt?
Wir haben natürlich eine Statistik von unserer Versicherung, weil wir ja alle unsere Kunden versichern für den Fall, dass ihnen etwas passiert oder sie haften müssen. Aktuell haben wir bei uns knapp 250 registrierte Unfälle bei zehn Millionen Fahrten. Das ist eine extrem niedrige Quote. Und die Leute lernen ja auch erst gerade, wie man die Scooter fährt. Dementsprechend sind wir froh, dass das alles so gut funktioniert.

Wie viele Nutzer haben Sie denn, die nicht nur mal aus Neugierde eine Fahrt machen, sondern die tatsächlich täglich mit dem E-Tretroller unterwegs sind.
Wir haben sehr viele Kunden, die mehrmals in der Woche fahren. Das sind Leute, die in Großstädten leben und dann von der Bahn zum Office fahren oder von der Arbeit zum Mittagessen, weil sie nicht im Stau stehen wollen. Uns nutzen sehr viel mehr Geschäftsleute als Touristen. Es wird ja erzählt, dass das immer alles Touristen seien, aber wir sehen anhand der Abrechnungsdaten unserer Kunden, dass das nicht so ist. 90 Prozent unserer Kunden nutzen den E-Tretroller als Alternative zu den aktuellen Verkehrsoptionen.

Gehen wir – neben den Unfällen – die gängigen Kritikpunkte mal durch. Sie empfehlen, dass man einen Helm tragen sollte. Aber an den Scootern gibt es keine, und wenn man sich spontan entscheidet, einen zu leihen, hat man auch keinen Helm dabei. Wie soll das funktionieren?
Wer regelmäßig fährt, eben zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit, kann sich auch einen eigenen Helm besorgen. Aber wir arbeiten auch an einer Lösung, damit wir einen Helm anbieten können.

Das Berliner Start-up Tier gehört dabei zu den international führenden Firmen. Gründer Lawrence Leuschner spricht im Interview über die vielfältige Kritik, die es an dem neuen Mobilitätsangebot gibt und nennt die Debatte teilweise polemisch.


Zweitens: Im Verkehr gibt man üblicherweise ein Zeichen, wenn man links oder rechts abbiegen will. Mit dem E-Tretroller ist das fast unmöglich, weil man das Gleichgewicht verliert, wenn man die Hände vom Lenker nimmt.
Da gebe ich Ihnen recht. Wir arbeiten an einer Lösung dafür. Das heißt, ein Blinker ist auf jeden Fall auch von unserer Seite aus wünschenswert.

Drittens: Das Licht der Roller ist weit oben platziert. Das blendet entgegenkommende Personen.
Interessant, das ist mir so noch nie aufgefallen. Die Vorschriften für das Licht sind extrem streng – und wir haben sie erfüllt. Und wenn es blendet, dann zeigt das doch auch, dass die E-Roller-Fahrer gesehen werden.

Tier ist ja erst im August vor einem Jahr gestartet. Seitdem ist das Unternehmen extrem schnell und auch international gewachsen. Fehlte die Zeit, um sich um Themen wie Helm oder Blinker zu kümmern?
Klar war viel zu tun, aber für uns hat Sicherheit oberste Priorität. Ich habe persönlich auch mit meinem Team sehr viel Zeit investiert und wir haben zum Beispiel entschieden, dass wir nicht zwei, sondern drei Bremsen haben wollen. Dadurch ist unser Bremsweg kürzer als der der Konkurrenz. Wir haben auch eine Federung an der Vorderachse eingebaut. Das Thema Helm ist nicht einfach, da gibt es viele Punkte, die man beachten muss. Da muss man gute Qualität haben, der muss gut sitzen und er darf nicht gestohlen werden. Wir geben unser Bestes, das zu lösen, aber man muss uns auch etwas Zeit geben.

Sprechen wir über die Preise. Alle Anbieter verlangen derzeit fast gleich viel. Warum?
Weil das ungefähr im Bereich der Kosten für den ÖPNV liegt. Das ist die Vergleichsgröße.

Zur Person

Lawrence Leuschner ist Geschäfts-führer des Berliner Elektro-Tretroller-Anbieters Tier. Er hat das Unternehmen im August 2019 gemeinsam mit Matthias Laug und Julian Blessin gegründet. Davor hat der gebürtige Hesse Rebuy aufgebaut, den größten europäischen Händler für gebrauchte und wiederaufbereitete Elektro-Geräte. Das Unternehmen entwickelte sich aus einem Geschäft mit gebrauchten Video-Spielen heraus, das

Leuschner bereits zu Schulzeiten gestartet hatte. Leuschner verließ Rebuy 2017 für ein Sabbatical und kehrte von Reisen durch Süd- und

Zentralamerika mit der E-Tretroller-Idee nach Deutschland zurück.

Das Unternehmen Tier wächst rasant. Gut ein Jahr nach der Gründung ist

es nach eigenen Angaben in mehr als

40 Städten in zwölf Ländern präsent, beschäftigt über 350 Menschen und hat bereits mehr als zehn Millionen Fahrten auf dem Konto. Anfang

Oktober hat das Unternehmen

60 Millionen US-Dollar von Investoren eingesammelt.

Also keine Preisabsprache?
Nein.

Heiß diskutiert wird auch die Umweltbilanz der E-Tretroller. Ausländische Städte, die schon mehr Erfahrung haben, berichten, dass die Geräte nur ein paar Dutzend Tage hielten. Wegwerf-Roller quasi, was alles andere als nachhaltig ist. Zudem ist die Frage, welche Fahrten durch E-Tretroller ersetzt werden – Auto oder ÖPNV. Das Umweltbundesamt kam zu dem Schluss, dass es so, wie es momentan läuft, nicht umweltfreundlich ist.
Sprechen wir mal nur über Tier und nicht über alle Anbieter. Wir machen vieles anders. Unser Scooter hat aktuell eine voraussichtliche Lebenszeit von mindestens 18 Monaten. Wir glauben sogar, dass er mehrere Jahre halten kann. Denn es gibt nichts an dem Scooter, was wir nicht reparieren könnten. Dementsprechend sehe ich das als eine nachhaltige Lösung. Gerade wenn man jeden Tag repariert. Wir stellen jetzt auch auf erneuerbare Energien um und machen damit jede Fahrt CO2 frei. Als nächstes werden wir neue Transporter und Lastenräder, die mit Ökostrom fahren, zum Einsammeln der E-Tretroller kaufen. Außerdem führen wir E-Scooter mit austauschbaren Batterien ein, so dass sie zum Aufladen nicht mehr in die Lagerhäuser gebracht werden müssen. Und dann ist mein Ziel, nächstes Jahr die ganze Firma CO2 frei zu haben. Dann sind wir die erste CO2-freie Mobilitätsfirma.

Trotzdem nochmal zurück zur Frage, welche Fahrten ersetzt werden.
Wir haben unsere erste größere Statistik dazu in Frankfurt gemacht und über 35 Prozent der Leute, die gefahren sind, haben entweder das Auto stehen lassen oder auf eine Taxifahrt verzichtet. Das ist schon mal ein Anfang. Und wir wollen diese Zahl auf über 50 Prozent in den nächsten Monaten bekommen, so dass in den nächsten zwei, drei Jahren die Mehrzahl der Leute wirklich ein Auto stehen lässt. Und ich glaube, das ist eine super Lösung für alle, weil wir mehr Platz, weniger Emissionen und weniger Stau in der Stadt haben.

Wie gehen eigentlich die Kunden mit den E-Tretrollern um? Was erleben Sie da, ist das summa summarum ein sorgsamer Umgang?
Wir hatten natürlich ein bisschen Befürchtungen, dass es so kommt wie mit den Leihfahrrädern aus China, aber wir haben extrem wenige negative Fälle. Es gibt immer Leute, die damit Quatsch machen, Graffiti draufsprühen oder sie irgendwo hinschmeißen. Aber da wir jeden Tag die Scooter einsammeln, sorgen wir dafür, dass wir diese Dinge schnell lösen.

Sie sagen, dass Tier in jeder Stadt ein eigenes Team hat. Was sind das für Menschen, die in diesen Teams für Sie arbeiten?
Wir haben sehr viele junge Leute, die ihren ersten oder zweiten Job haben. Sie sind entweder verantwortlich für die Beziehungen zur Stadt, kümmern sich um ökonomische Fragen oder arbeiten in unseren Lagerhallen. Und dann gibt es noch die Partnerunternehmen, die die Scooter einsammeln. Die Leute dort sind zu 95 Prozent fest angestellt und verdienen mindestens Mindestlohn. Wir haben auch darauf geachtet, dass die Arbeitsbedingungen gut sind und niemand bei sich zu Hause die Scooter laden muss wie bei der Konkurrenz. Das ist alles vernünftig kontrolliert.

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Jetzt wird es ja dann Winter und die Öffentlichkeit fragt sich, ob man dann mit den Scootern überhaupt noch fahren kann. Wie geht es weiter?
Wir haben einen Winterplan, aber den kann ich noch nicht verraten. Es wird auf jeden Fall nicht so sein, dass Kunden auf Scooter verzichten müssen.

Sie wollen nicht nur E-Tretroller anbieten, Sie wollen die Mobilität in der Stadt verändern. Was heißt das genau?
Wir haben natürlich viele Daten und wissen zum Beispiel, wo viel Stau ist und welche Wege oft genutzt werden. Wir möchten hier mit den Städten zusammenarbeiten und die Stadtplanung unterstützen. Aber im Kern geht es uns darum, Autofahren zu ersetzen.

Gibt es denn schon Städte, die mit Ihnen zusammenarbeiten?
Ich kann keine Details verraten, aber wir haben sehr viel enge Kooperationen. Die Berliner Verkehrsbetriebe haben uns als Partner in ihre neue App für intermodulare Verkehrsangebote aufgenommen. Wir sind mit sehr vielen öffentlichen Nahverkehrsunternehmen dabei, das aufzusetzen.

Interview: Daniel Baumann

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