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Mehr als 120 Kunden zählt das Unternehmen Cirplus von Christian Schiller (r.) und Volkan Bilici inzwischen.  

Cirplus

Die Plastikvermittler

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Ozeane ohne Plastik, das ist die Vision von Christian Schiller. Seine Rechnung: Wird alles Plastik wiederverwendet, gelangt nichts in die Umwelt. Dafür tut er mit seinem Start-up Cirplus das Naheliegende: die Recycler und die Kunststoffverarbeiter zusammenbringen.

Papier und Pappe in die Blaue Tonne, Bio-Abfall in die Braune Tonne und Verpackungen in den Gelben Sack: Mülltrennen und Recyceln, das ist ur-deutsch. Gerade bei der Abfallverwertung wird uns schnell mal das Prädikat „Weltmeister“ verliehen. Auf den ersten Blick scheint das System aus Wegwerfen, Trennen und Wiederaufbereiten in Deutschland auch bestens zu funktionieren: Laut Umweltbundesamt (UBA) wird Glas und Papier zu über 80 Prozent wiederverwertet, bei Verpackungsmüll aus Kunststoffen wird immerhin noch knapp die Hälfte recycelt.

Nur: Die Quote des UBA hat einen rechnerischen Haken. Denn Plastikverpackungen gelten in Deutschland bereits ab dem Moment als wiederaufbereitet, in dem sie in einer Sortieranlage ankommen – unabhängig davon, was danach passiert. Tatsächlich wird aber der größte Teil des Kunststoffabfalls verbrannt oder ins Ausland exportiert. Laut dem Plastikatlas der Umweltorganisation BUND liegt die reelle Recyclingquote in Deutschland bei knapp 16 Prozent – kein besonders guter Wert.

Recyceltes Plastik ist oft zu teuer - und qualitativ zu schlecht

Ändern will das Christian Schiller: Er hat das Hamburger Unternehmen Cirplus gegründet, eine Plattform, die Recyclingunternehmen und Kunststoffverarbeiter zusammenbringen will. Das ist laut CEO Schiller auch bitter nötig, denn: „Zwischen der Recyclingindustrie und der kunststoffverarbeitenden Industrie gibt es so gut wie keine Berührungspunkte.“

Die Idee, beruflich etwas für die Umwelt zu tun, kam Schiller auf einer Weltreise - als sein Boot in einen kilometerlangen Müllteppich geriet.

Kunststoffverarbeiter würden eher Neuplastik einkaufen, da recycelte Kunststoffe zu teuer und nicht in guter Qualität verfügbar seien. Hier setzt Cirplus an: Die Plattform soll den Kunststoffmarkt transparenter machen und helfen, Anbieter und Nachfrager zusammenzubringen. Letztendlich mit dem Ziel, Transaktionskosten zu senken, also recyceltes Plastik erschwinglich zu machen.

Schiller, 34, treibt dabei nicht nur der Unternehmergeist an, sondern auch eine gute Portion Weltverbesserer-Esprit. Seine Vision: plastikfreie Ozeane. Nach seiner Zeit beim Mitfahrdienst Blablacar, wo er über vier Jahre gearbeitet und den Standort in Deutschland aufgebaut hatte, ging Schiller für ein Jahr auf Weltreise. Die Idee, ein Unternehmen mit Umweltimpact zu gründen, kam ihm in dieser Zeit während eines einschneidenden Erlebnisses: Auf einem Segeltrip von Kolumbien nach Panama geriet Schillers Boot in einen riesigen, kilometerlangen Müllteppich aus Plastik und Algen.

Ein Markt für Plastik soll Rycecler und Kunststoffverarbeiter zusammenbringen

Geprägt durch das Bild des mit Kunststoffabfall verunreinigten Meeres begann Schiller, sich mit dem Phänomen Plastikmüll auseinanderzusetzen. Die eigentliche Idee für Cirplus entstand später im Rahmen von Entrepreneur First, einer Art „Speeddating für Gründer“, wie Schiller es beschreibt. In dem dreimonatigen Intensivprogramm lernte der Jungunternehmer seinen späteren Mitgründer Volkan Bilici kennen: Bilici, Software- und Codingspezialist mit langjähriger Erfahrung, ergänzte Schillers kaufmännische Expertise.

Die Idee Schillers und Bilicis, eine Plattform zur Vernetzung von Recyclern und Kunststoffverarbeitern zu bauen, überzeugte auch die Investoren von Entrepreneur First: 80 000 Pfund (damals rund 90 000 Euro) bekam Cirplus im Januar 2019 als Startkapital. Heute ist das Start-up über die Gründungsphase hinaus, über 120 Kunden konnte das junge Unternehmen in den vergangenen Monaten gewinnen. Gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Normung entwickelt es zudem Standards für die Recycling- und Kunststoffbranche.

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Schiller und Bilici sehen ihre Aufgabe aber nicht nur darin, Kunststoffverarbeiter und Entsorger zusammenzubringen. Sie haben sich auch das Ziel gesetzt, einen Sektor zu digitalisieren, in dem die IT-Vernetzung noch in den Kinderschuhen steckt: „Wir haben eine Branche, die noch Faxgeräte und den Internetexplorer nutzt“, sagt Schiller. Die Plattform von Cirplus soll helfen, den Handel mit recyceltem Kunststoff ins Digitale zu verlagern.

Bisher geht die Idee von Cirplus auf, das Start-up war für den Next Economy Award nominiert – einen Preis für grüne Gründer und Unternehmen, der vom Rat für Nachhaltige Entwicklung und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag verliehen wird.

Die Rechnung ist einfach: Wenn Plastik zu 100 Prozent wiederverwendet wird, kann es nicht in die Umwelt gelangen

2020 steht laut Schiller nun ein sehr grundsätzlicher Schritt an: Der offizielle Release der Cirplus-Plattform - also die Plattform aus dem Kindheitsstadium zu heben und zur Marktreife zu führen. Daneben will das Gründerduo einen weiteren Standort im Ausland aufbauen, entweder in Europa oder in der Türkei, dem Heimatland von Volkan Bilici.

Langfristig will Schiller mit seinem Start-up aber noch viel mehr erreichen: Cirplus soll zu einem echten Game-Changer werden, der Gründer will zur weltweit ersten Adresse für den Einkauf und Vertrieb von wiederaufbereitetem Plastik werden. Und damit dazu beitragen, den Kunststoffkreislauf zu schließen. Schillers Rechnung ist simpel: Wenn Plastik zu 100 Prozent wiederverwendet wird, kann es nicht mehr in die Umwelt gelangen. Damit hätte Schiller das Ziel erreicht, das ursprünglich der Auslöser für Cirplus war: plastikfreie Ozeane.