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Samuel und Carsten Waldeck (von links) sind die Gründer von Shiftphone.

Smartphones

Zwei Geht-schon-Typen bringen High-Tech aufs Dorf

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Keine Einkaufsmöglichkeit, kein schnelles Internet - und dann Hightech? Na klar! Carsten und Samuel Waldeck bauen mit ihrer Firma Shift in der nordhessischen Provinz Smartphones -  und die auch noch nachhaltig. Besuch bei zwei Geht-schon-Typen.

Fachwerk, eine Dorfgaststätte, die für ihre halben Hähnchen bekannt ist, ein Autohaus, der Fußballverein, ein paar mehr als 750 Einwohner. Das war’s. Kann man hier, in der nordhessischen Provinz, ein Hochtechnologieunternehmen führen?

Man kann. Carsten und Samuel Waldeck haben hier zusammen mit ihrem Vater die Shift GmbH gegründet. Schon die Geschäftsadresse klingt nach Landleben: Am Gänsemarkt 6, 34590 Falkenberg. Ein Ortsteil der Gemeinde Wabern im Schwalm-Eder-Kreis. Warum gerade hier? Eine Antwort lautet: Weil die beiden Brüder zwischen Wiesen und Weiden eine sehr schöne Kindheit erlebt haben. Die andere heißt: Weil es funktioniert.

Shift baut Smartphones. Nachhaltige Smartphones, die man selbst reparieren kann, nachhaltig produziert, zu fairen Löhnen. Nicht gerade billig, keine Wegwerfprodukte eben.

„Die Anfänge waren schwer“, räumt Samuel Waldeck ein. 2014 gab es in Falkenberg, das 20 Kilometer Luftlinie südlich von Kassel liegt, keine Breitbandanbindung. „Schnelles Internet war nur per Funk verfügbar, das Datenvolumen war auf 60 Gigabyte begrenzt“, erinnert er sich. War das Kontingent aufgebraucht, brach die Verbindung zur Außenwelt ab. Jeweils eine Viertelstunde dauerte es, bis die Nachbuchung beim Anbieter registriert war und die Kommunikation mit Kunden, Geschäftspartnern und den Mitarbeitern im Homeoffice wieder lief. „Eine Katastrophe“, sagt Waldeck.

Shift profitiert von günstigen Immobilien in Falkenberg

Anderes dagegen lief wunderbar. Die junge Firma konnte schon bald in einem ziemlich neuen Bürogebäude eineinhalb Etagen beziehen, die gerade frei geworden waren. Für eine Monatsmiete, die in Frankfurt oder Darmstadt knapp für eine Studentenbude reichen würde. „Ein mittlerer dreistelliger Betrag war das“, sagt Waldeck. Inzwischen hat Shift das Gebäude gekauft.

Die Verkehrsanbindung ist besser, als die Postleitzahl vermuten lässt. Die ICE-Strecken Frankfurt–Kassel und Kassel–Würzburg liegen vor der Tür, nach Berlin braucht der Zug von Kassel aus drei Stunden. Die Autobahn 7 verläuft ganz in der Nähe.

Mittlerweile gibt es auch eine Breitbandanbindung. Die Netcom aus Kassel hat Glasfaserkabel verlegt, durch die auch die dicken Datenpakete passen, die vom Shift-Firmensitz in Falkenberg aus in alle Welt hinausgehen und von dort hereinkommen. Eine Grundvoraussetzung dafür, dass auch außerhalb von Ballungsräumen wie dem Rhein-Main-Gebiet Hightech-Firmen prosperieren können.

Produziert wird in China. Entwicklung, Design, Marketing, Vertrieb und Support aber werden von Falkenberg aus betrieben. 24 Mitarbeiter hat die Firma zurzeit, 16 davon sitzen in der Zentrale. Die anderen sind überall in Europa unterwegs oder haben ihr Office zu Hause. Videokonferenzen gehören bei Shift zum Arbeitsalltag.

Manuel Suhre hat Informatik studiert. Seit zwei Jahren arbeitet der 40-Jährige bei Shift. Das Hunsrückdorf Kastellaun, in das er zusammen mit seiner Frau und den mittlerweile drei Kindern im Jahr 2010 gezogen ist, muss er dafür nicht verlassen. „Wir haben die alte Dorfschule gekauft, das Haus ist über 100 Jahre alt, so Stück für Stück bauen wir es für uns aus“, erzählt er.

Die Shift-Mitarbeiter arbeiten auch mobil

Von hier aus managt Suhre die Unternehmenskommunikation von Shift, versendet Info-Mails und Newsletter, betreut den Social-Media-Auftritt und die Firmen-Blogs. Seine Frau arbeitet ebenfalls in der Kommunikationsabteilung eines Unternehmens. Ihr Arbeitgeber sitzt in Köln. Einmal im Monat pendelt sie dorthin.

Die Firma Shift stellt Smartphones her , die vergleichsweise einfach repariert werden können und deren einzelne Module austauschbar sind. Das Unternehmen achtet darauf, dass die Geräte unter weitestgehend fairen und nachhaltigen Bedingungen gefertigt werden. Shift lässt in China produzieren.

Das Unternehmen hat seinen Sitz in Falkenberg, einem Ortsteil von Wabern im Schwalm-Eder-Kreis. Der Familienbetrieb wurde 2014 von Carsten, Samuel und Rolf Waldeck gegründet. Er beschäftigt zurzeit 24 Mitarbeiter in Entwicklung, Design, Support und Vertrieb.

Alle Projekte werden über Crowdfunding oder Eigenkapital finanziert. pgh

Den Hunsrück wieder verlassen? „Kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Suhre. Warum auch? Das Haus bietet Platz genug für die ganze Familie, das 2000 Quadratmeter große Grundstück ist ein Paradies für Kinder. Sogar einen kleinen Bach gibt es dort. „Für das gleiche Geld hätten wir auch ein Mittelklasseauto bekommen“, berichtet der 40-Jährige. Die Schulen sind mit dem Bus gut erreichbar, das Auto wird vor allem gebraucht, um Einkäufe zu machen oder Nachmittagsangebote der Kinder zu erreichen.

Manuel Suhre und seine Frau nutzen ihre Notebooks als ultramobiles Büro. „Wir arbeiten im Wohnzimmer, im Esszimmer, auf der Terrasse, wo es eben gerade passt“, sagt Suhre. In die Zentrale nach Falkenberg fährt er genau einmal im Jahr – zum Shift-Sommerfest in der ehemaligen Jugendherberge. Das war im August.

Matthis Scheil ist 24 und vor knapp einem halben Jahr nach Nordhessen gekommen, aus Leipzig. „Ich hatte nie vor, aufs Land zu ziehen“, erzählt Scheil, der Medien- und Informationswesen studiert hat. Nach einem Praktikum bei Shift aber war für ihn klar: „So eine spannende Firma finde ich nie wieder.“

Seit April arbeitet er als Softwareentwickler und IT-Administrator in Frankenberg. Mit seiner Frau hat er eine kleine Bleibe in Homberg/Efze bezogen, vorübergehend. Sie hat eine Anstellung als Hebamme im nahen Schwalmstadt gefunden, nun sucht das frisch verheiratete Paar nach einer Wohnung „mit einem großen Garten“, sagt Scheil. „Ich freue mich schon auf den Umzug.“

Was ihn stört, sind die dürftigen Angebote des öffentlichen Nahverkehrs. „Zur Arbeit kann ich prima mit dem Rad fahren, durch die Landschaft, das gefällt mir sehr. Aber wenn wir Freunde oder die Familie besuchen wollen, braucht man hier ein Auto.“ Auch seine Frau pendelt mit dem Wagen zur Arbeit. Gekauft haben sie sich einen zwölf Jahre alten Audi, das reicht fürs Erste. Was sie vermissen? Natürlich, die Nähe zur Familie und den alten Freunden. „Und das Ausgehen, die kulturellen Angebote, das ist hier schon weniger als in der Stadt.“

Shift investiert in die Gemeinschaft in Falkenberg

Dennoch: Die beiden können sich vorstellen, in der nordhessischen Provinz Wurzeln zu schlagen. „Wir wurden hier sehr gut aufgenommen, es gibt eine Gemeinschaft, persönliche Bindungen“, berichtet Scheil.

Shift funktioniert auch, weil es den Mitarbeitern beim Arbeitsort weitgehend die Wahl lässt. Wer es einrichten kann, darf seinen Job auch aus der eigenen Küche oder dem Wohnzimmer erledigen. Vom Erfolg des Unternehmens und dem Engagement seiner Gründer profitiert auch der Ort.

Dort gibt es seit Jahren keine Einkaufsmöglichkeit mehr. Nun entsteht ein neuer Dorfladen. Shift hat ein leerstehendes Fachwerkhaus gekauft, in das der neue Laden samt Café einziehen soll. Betreiber wird der gemeinnützige Verein Shift e.V. sein. Dessen Mitglieder wollen Café und Laden ehrenamtlich betreuen. Die Eröffnung ist für nächstes Jahr geplant. Ohne Shift wäre das Projekt wohl nicht entstanden.

Gründer von Shift fühlen sich der Heimat verbunden

Und als jetzt der Uniper-Konzern den Singliser See bei Borken – ein paar Kilometer von Falkenberg gelegen – zum Kauf angeboten hat, hat sich Shift mit fünf Landwirten an einer Bietergemeinschaft beteiligt und den Zuschlag erhalten. Stadt und Anwohner hatten Sorge, das als Freizeitgelände beliebte Gewässer könnte in Hände geraten, die es der Öffentlichkeit entziehen. Mit dem Kauf durch die Bietergemeinschaft ist das abgewendet.

„Wir sind froh und dankbar für innovative Firmen“, sagt Waberns Bürgermeister Claus Steinmetz (parteilos). Nicht allein wegen der Gewerbesteuer, sondern vor allem auch dann, wenn sie im ländlichen Raum, abseits der Zentren, hochwertige Arbeitsplätze schaffen.

„Wir sind hier aufgewachsen, das Land ist unglaublich schön“, sagt Samuel Waldeck über seine Heimat. Der 42-Jährige und seine Familie sind hiergeblieben – und eröffnen damit anderen die Möglichkeit, bei ihrem Arbeitsplatz zwischen Stadtleben und Landerleben wählen zu können.

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