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Die Geschäftsidee kam James Rogers, Geschäftsführer von Apeel Sciences, beim Schreiben seiner Doktorarbeit.

James Rogers

Krasse Früchtchen

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Bananen, Spargel oder Erdbeeren: Was zu lange rumliegt, verdirbt und wird weggeworfen. James Rogers, Gründer von Apeel Sciences, hat eine Technologie entwickelt, mit der Obst und Gemüse faszinierend lang frisch bleibt. Jetzt kommt sie in die Läden.

Bei Erdbeeren ist es am schlimmsten. Schon zwei, drei Tage nach dem Pflücken werden sie gammelig, der Geschmack ist dann ohnehin perdu, und bestenfalls taugen sie noch für Marmelade. Wenn sie nicht ohnehin im Mülleimer oder auf dem Kompost landen. Aber auch andere Obst- oder Gemüsesorten haben nach der Ernte nur eine begrenzte Haltbarkeit, das weiß jeder Konsument. Ob Gurke, Banane oder Avocado – oft kommen sie nicht ans Ziel, in die Verbrauchermägen, weil sie schon im Supermarkt wegen zu langer Lagerung aussortiert werden oder zu Hause verderben.

Lebensmittel-Abfälle: In der EU werden 88 Millionen Tonnen pro Jahr weggeworfen

Die Verluste an Lebensmitteln, die unter anderem dadurch entstehen, sind gigantisch – in der Europäischen Union werden sie insgesamt auf 88 Millionen Tonnen pro Jahr geschätzt. Die Kosten, die so entstehen, sind ebenfalls riesig: 143 Milliarden Euro, von den vermeidbaren Klima- und Umweltschäden ganz zu schweigen.

Eine neue Technologie könnte helfen, die Lebensmittelverschwendung zumindest im Bereich Obst und Gemüse deutlich zu reduzieren. Es geht dabei um eine dünne, farblose Beschichtung, die aus pflanzlichen Reststoffen produziert wird und die Haltbarkeit und Produktqualität deutlich verbessern soll – vom Erzeuger über den Supermarkt bis hin zum Haushalt. Die Haltbarkeit soll sich dadurch verdoppeln bis verdreifachen.

Edeka verkauft Avocados, die mit Apeel-Technologie behandelt sind

Das amerikanische Biotech-Unternehmen Apeel Sciences hat die Technologie entwickelt, und nach der Markteinführung in den USA ist nun Deutschland als europäischer Testmarkt dran. Seit Montag verkauft die Supermarktkette Edeka mit Avocados ein erstes Gemüse, das entsprechend behandelt ist. Auch andere Unternehmen und Forschergruppen arbeiten an solchen Verfahren, die andere Methoden der Nutzungsverlängerung – Kühlung, Einschweißen in Plastik oder Wachsüberzug – unnötig machen können. Die US-Firma aber kann bereits die offizielle Zulassung in den USA und nun auch in der Europäischen Union vorweisen.

Das Verfahren beruht darauf, dass die Beschichtung bei den Früchten oder Gemüsen das Wasser im Produkt hält und das Eindringen von Sauerstoff bremst. „Das sind die beiden Hauptfaktoren, die die Frische der Produkte bestimmen“, erläutert Apeel-Geschäftsführer James Rogers. Er betont, dass es sich bei dem Überzug um ein natürliches Produkt handele. „Wir nutzen Nahrungsmittel, um Nahrungsmittel zu schützen“, sagt er.

Als Rohstoffe nutzt die Firma Abfälle aus der Lebensmittelproduktion, zum Beispiel Trester aus der Weinherstellung, Samen oder Schalen von Früchten. Daraus extrahiert das Unternehmen Lipide – fettähnliche Substanzen, die getrocknet und zu einem Pulver zermahlen werden. Um die frisch geernteten Früchte oder Gemüse zu schützen, wird das Pulver dann vor Ort mit Wasser angerührt und maschinell oder per Hand auf die Produkte gesprüht.

So sehen Bananen nach zehn Tagen aus: Links ohne, rechts mit der Beschichtung von Apeel Sciences

Das klingt allerdings einfacher, als es ist. „Man kann nicht überall dasselbe Pulver nehmen“, sagt Rogers. Für jede Obst- oder Gemüsesorte muss die Rezeptur etwas angepasst werden. Bisher hat seine Firma Beschichtungen für rund 30 Sorten entwickelt.

In den USA hat das Biotech-Unternehmen bereits zwei große Lebensmittelketten mit seinem Verfahren überzeugen können, Kroger und Costco. Seit September werden dort, wie beim deutschen Testlauf, Avocados haltbarer gemacht, neuerdings auch Gurken. Die tropische Frucht wurde ausgewählt, weil sie relativ teuer verkauft wird, eine kleine Oberfläche hat und ressourcenintensiv angebaut wird – die finanziellen und ökologischen Einsparungen durch die längere Haltbarkeit also relativ groß sind.

Supermärkte konnten ihre Lebensmittel-Abfälle bei Avocados halbieren

Es zeigte sich, dass die Supermärkte ihre vorher üblichen Verluste bei den Avocados halbieren konnten. Dadurch konnten sie Mehrkosten für den Überzug finanzieren. „Das haltbarere Produkt kostet den Verbraucher nicht mehr“, sagt Rogers. Dazu, wie viel weniger die Kunden zu Hause wegschmeißen, gibt es noch keine Zahlen. Hier dürfte der Effekt jedoch am größten sein, denn ein Viertel der produzierten Produkte wird bisher in den Haushalten ungenutzt „entsorgt“, beim Vertrieb zwischen Acker und Supermarkt sind es bis zu vier Prozent und im Laden bis zu zehn Prozent.

Die Idee zu dem Projekt hatte Rogers, der an der Uni von Santa Barbara in Kalifornien Materialwissenschaftten studiert hat, als er seine Doktorarbeit schrieb. Ihm wurde damals klar, dass der Großteil der Nahrungsmittelverluste in den Entwicklungsländern nicht von schlechten Ernten herrührt, sondern dadurch entsteht, dass die Produkte auf dem Weg zwischen Ernte und Verkauf verderben. „In Kenia gehen 60 Prozent der Mangoernte verloren, in Nigeria sind es bei den Tomaten sogar bis zu 90 Prozent.“

Die Apeel-Methode könnte auch hier helfen. Das war mit ein Grund dafür, dass die Bill-und- Melinda-Gates-Stiftung anno 2012 eine Startfinanzierung für die Entwicklung gab. Inzwischen haben sich unter anderem auch die Rockefeller-Stiftung und das britische Entwicklungsministerium beteiligt. Umgerechnet fast 100 Millionen Euro sind insgesamt in Forschung und Entwicklung geflossen. Rogers betont aber, dass seine Firma kein Non-Profit-Unternehmen ist. „Ganz im Gegenteil. Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, die zwar viele Probleme verursacht, aber auch die Instrumente liefert, um sie anzugehen“, sagt er. Sein Unternehmen hat inzwischen 180 Mitarbeiter. Der Hauptsitz ist in Santa Barbara, Büros gibt es in Mexiko, Peru, Südafrika und Spanien.

Apeel Sciences bekommt Konkurrenz durch Agricoat Natureseal oder Bacoat

Apeel ist allerdings nicht alleine mit seiner Idee – und könnte auf dem deutschen Markt bald Konkurrenz bekommen. Das britische Unternehmen Agricoat Natureseal hat eine Beschichtung aus Resten der Zuckerherstellung entwickelt, die Obst und Gemüse ebenfalls vor dem Verderben schützen soll. In Deutschland experimentiert die Supermarktkette Rewe derzeit damit, allerdings noch „rein intern“, wie eine Sprecherin auf Anfrage mitteilte. Die Tests laufen mit Limetten, Avocados und Mangos. Ob und wann Rewe einsteigt, ist noch offen. Der britische Hersteller betont, das „Coating“ sei essbar und „gut verträglich“.

Ein ähnliches Verfahren zum Schutz von Obst und Gemüse hat ein Team junger indonesischer Forscher vom Bandung Institute of Technology entwickelt, genannt Bacoat. Hier lag der Fokus von vorneherein auf der Situation in Entwicklungsländern. Ausgangspunkt für die Experten war, dass viele Bauern Schwierigkeiten haben, ihre Ware an Supermärkte zu verkaufen, weil sie keine Möglichkeit haben, sie etwa durch Kühlfahrzeuge frisch zu halten.

Auch das Bacoat-Team hat ein Konzept für essbare Schutzhüllen entwickelt. „Wir sind in der Lage, die Gewinnspanne für Lieferanten und Supermärkte durch längere Haltbarkeit des Frischprodukts von zwei Tagen um zehn bis 15 Prozent zu erhöhen“, sagt Umar Hilmi Fadhilah, der Chef des Entwicklerteams.

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Die Gruppe hat übrigens in diesem Jahr eine Auszeichnung im Wettbewerb „Carbon Footprint Challenge 2019“ erhalten, der von der Schweizer „Unitech International Society“ veranstaltet wurde, die sich um die Ausbildung von Ingenieuren kümmert. Dabei geht es um Projekte, die den „CO2- Fußabdruck“ verringern.

Die spannende Frage für Apeel ist natürlich, wie die kritischen deutschen Verbraucher auf die beschichteten Produkte reagieren werden. In den USA habe es keine Probleme gegeben, berichtet Rogers, 86 Prozent der Kunden fänden das neue Verfahren zur Haltbarmachung gut. Auch hierzulande soll der Testlauf mit den Avocados offensiv angegangen werden: Die Produkte werden gekennzeichnet. Die Schutzschicht sei farblos, geruchlos und geschmacksneutral, sie erfülle alle Erfordernisse des EU-Lebensmittelrechts, Allergiker hätten nichts zu befürchten, und Gentechnik werde auch nicht eingesetzt, sagt Rogers. „Wir verwenden nur Materialien, die sicher sind.“

Plastik ist out

Landwirte und der Handel versuchen, Obst und Gemüse möglichst frisch und ansehnlich zum Kunden zu bringen und die Haltbarkeit zu erhöhen – unter anderem durch gute Logistik, Kühlung, Wachsen (etwa bei Äpfeln) oder das Einschweißen in Plastikfolien. Besonders letztere Methode ist in Verruf gekommen, seitdem die Verbraucher wegen der Kunststoffmüllfluten in den Weltmeeren für das Thema sensibilisiert wurden.

Eingeschweißte Gurken oder Bananen gibt es inzwischen in Supermärkten und Discountern viel seltener und in Biomärkten gar nicht mehr. Das erscheint logisch, haben diese Produkte doch selbst eine Schale, die sie schützt. Doch besonders bei den Salatgurken, die außerhalb der hiesigen Saison zumeist auf einem langen Transportweg aus Spanien importiert werden, hat das offenbar auch negative Folgen – ihre Haltbarkeit sinkt. Tonnenweise endeten Gurken auf dem Müll, heißt es aus der Branche. Die wässrigen Produkte schrumpelten, würden gelb und ließen sich nicht mehr absetzen. Die „Lebensmittel-Zeitung“ zitiert einen Experten, pro Lkw-Ladung könne der Schaden 25 000 Euro betragen.

Diese Verluste lassen sich durch eine bessere Logistik – kürzere Transportzeiten, weniger Zwischenlagerung, optimierte Kühlketten – verringern. Daran arbeiten einige Lebensmittelketten bereits. Eine Rückkehr zur Plastik-Gurke auf breiter Front dürfte mit dem deutschen Kunden nicht zu machen sein. jw