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Martin Elwert praktiziert bei seinem Start Up Direct trade statt Fairtrade.

Coffee Circle

"Was wir machen, ist das Gegenteil von Charity"

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Gutes tun und dafür Geld kassieren - das findet der Berliner Sozialunternehmer Martin Elwert nur richtig. Mit Coffee Circle investiert er in äthiopische Kaffeebauern. Warum er vom Gedanken eines solidarischen Gebens nicht viel hält, erklärt Elwert im Interview. 

Das Gespräch mit Martin Elwert ist eine durchrüttelnde Erfahrung. Zum Interview bittet der Chef des Berliner Sozialunternehmens Coffee Circle in einen Offroad-Wagen. Im Südwesten Äthiopiens führt der Weg mehr als eine Stunde lang über schlammige Schlagloch-Pisten zur Kooperative Bila Kumo. Das letzte Stück zur Plantage legen wir zu Fuß zurück. Elwert, in Shorts und Wanderschuhen, will sich die neue, rund 50 000 Euro teure Washing Station anschauen, die Coffee Circle der Genossenschaft zur nassen Aufbereitung der Kaffeekirschen finanziert hat.

Herr Elwert, Sie sind gerade in Äthiopien auf der Jagd nach Spezialitäten-Kaffees für Ihr Unternehmen Coffee Circle. Wie findet man die besten Bohnen?
Wir brauchen vor allem viel Zeit, um lokal ein Netzwerk aufzubauen. Es gehört viel Wissen über die Region dazu und wir müssen mehrfach im Jahr vor Ort sein, in engem Kontakt mit den Kooperativen. Wir kaufen die Bohnen nicht an den Börsen, sondern gehen dorthin, wo sie wachsen. Uns geht es um einen Handel auf Augenhöhe mit den Kaffeebauern. 

Was ist das Besondere an äthiopischem Kaffee?
Äthiopien ist das Ursprungsland des Kaffees. Der Genpool liegt dort im Südwesten, es gibt immens viele Varietäten. Und die Anbaubedingungen sind perfekt. Bohnen aus dieser Region gehören zu den weltbesten. 

War das schon genug Grund für Sie, mit ihrem Kaffee-Start-up vor acht Jahren in Äthiopien loszulegen?
Da brauchte es schon noch mehr. Ausschlaggebend war die Erfahrung, dass trotz jahrzehntelanger Entwicklungshilfe, Live-Aid-Benefizkonzerten und der Arbeit von Hilfsorganisationen wie „Menschen für Menschen“ für viele Äthiopier nichts besser geworden ist. Wir haben uns gesagt, wir müssen hier Jobs schaffen, etwas produzieren und handeln, damit die Menschen Einkommen erwirtschaften und investieren können.

Sie haben jetzt Kaffees mit Geschmacksnoten wie Praline oder Bergamotte im Sortiment – im Ernst, wer schätzt so etwas überhaupt und ist bereit, fast zwölf Euro für das Pfund zu zahlen?
Das sind Menschen, die bewusst konsumieren, einen hohen Anspruch an Lebensmittel stellen und dann auch Kaffee kaufen, der besondere Noten hat.

Wie entwickelt sich Ihr Absatz?
Kaffee war viele Jahre lang ein standardisiertes Produkt, das die meisten Menschen nur im Supermarkt gekauft haben. Doch seit ein paar Jahren wächst der Markt für Spezialitäten stark. Wir haben in den vergangenen Jahren jeweils 30 Prozent beim Absatz zugelegt. Zu unseren Kunden, die online bestellen, gehören rund 30 000 Private, aber auch große Unternehmen wie Zalando oder Trivago, die ihren Mitarbeitern etwas Besonderes gönnen und dabei den Corporate-Social-Responsibility-Effekt schätzen.

Ihr Unternehmen macht gute Geschäfte mit teurem Kaffee – was bitte ist daran sozial?
Wir verkaufen einen sehr hochwertigen Kaffee. Und ja, man muss dafür etwas mehr bezahlen. Und das ist auch richtig so, schließlich wollen wir in allen Schritten der Wertschöpfungskette – von der Pflanze bis zur Tasse – eine besondere Qualität bieten.

Noch einmal, was ist dabei die besondere soziale Qualität, die Sie betonen?
Unsere Preisgestaltung ermöglicht es uns, dass genug Geld in der Wertschöpfungskette drin ist, um jeden angemessen daran teilhaben zu lassen – vor allem auch die Farmer. Man muss sich einmal überlegen, was am Ende bei einem Pfund Supermarkt-Kaffee für vier Euro – wovon noch 1,10 Euro Kaffee- und dann noch die Mehrwertsteuer abgehen – übrig bleibt. Dafür muss er angebaut, geerntet, um die halbe Welt geschickt, geröstet, verpackt und vermarktet werden. Unser Preis ermöglicht es, jedem das zu geben, was seiner Arbeit entspricht und gerecht ist.

Ein großes Wort. Was ist denn fair oder gerecht?
Der Weltmarktpreis für Rohkaffee lag 2018 zeitweise unter einem Dollar für das Pfund. Wir haben in den vergangenen Jahren stets 3,50 bis 4,50 Dollar gezahlt – je nach Land, Kooperative und Qualität. Da sprechen wir also von dem Vierfachen. Das ist lebensverändernd. Aber wir sind immer noch dabei, herauszufinden, wie hoch die Produktionskosten der Kleinbauern tatsächlich sind. Das wissen die nämlich selbst nicht, es handelt sich ja nicht um professionell betriebene Riesenplantagen wie in Brasilien, wo alle Daten dokumentiert sind. Wir untersuchen jetzt, wie hoch der Aufwand der äthiopischen Bauern ist, um am Ende zu sehen, ob vier Dollar tatsächlich angemessen sind. 

Coffee Circle arbeitet nur mit Kooperativen und nicht mit Privatbetrieben. Warum?
Unser Ziel ist es, die Lebensbedingungen der Kaffeebauern zu verbessern, da haben wir über die Kooperativen einen viel größeren Hebel. Auch wenn die Arbeit mit Genossenschaften viel, viel schwieriger ist, weil die Abstimmungsprozesse erheblich länger sind. 

Und warum tragen die Produkte Ihres Hauses bei diesem Anspruch kein Fairtrade-Siegel?
Klar, haben auch wir uns am Anfang gefragt, ob wir uns ein Label auf die Packungen kleben sollen. Wir haben uns angeschaut, wie die verschiedenen Siegel funktionieren und festgestellt, dass es nicht mehr als ein Vermarktungseffekt ist. Ich gebe zu: Ohne die Fairtrade-Bewegung gäbe es uns vielleicht gar nicht, denn die hat in den vergangenen Jahrzehnten viel Bewusstsein für fairen Handel geschaffen. Aber ich halte das System für stark reformbedürftig.

Das müssen Sie jetzt genauer erklären.
Nehmen Sie beispielsweise den Mindestpreis von 1,40 Dollar für ein Pfund Kaffee, den Fairtrade den Produzenten auch zahlt, wenn der Weltmarktpreis darunter fällt. Das ist an sich super. Doch das heißt noch nicht, dass die Kaffeepflückerinnen fair entlohnt werden. Außerdem hat Fairtrade überall auf der Welt den gleichen Mindestpreis, was überhaupt keinen Sinn macht, weil ein Kolumbianer ganz andere Produktions- und Lebenshaltungskosten hat als ein Äthiopier. Mich stört aber vor allem, dass Fairtrade die falschen Anreize setzt und die Kooperativen dann auch noch dafür bezahlen müssen, um zertifiziert zu werden 

Was ist falsch daran, die Kooperativen für die Einhaltung sozialer, ökologischer und ökonomischer Standards zu belohnen?
Auch wir haben solche Kriterien, die oft sogar noch deutlich über den Fairtrade-Katalog hinausgehen. Aber die Incentivierung sollte meiner Meinung nach vor allem von der Qualität und Wirtschaftlichkeit eines Produktes abhängig sein. Das sind die besseren Anreize, um eine gesunde ökonomische Struktur zu schaffen. Es ist viel nachhaltiger als etwa der Gedanke eines solidarischen Gebens. Wir sind durch unsere intensiven Geschäftsbeziehungen außerdem viel näher dran an den Produzenten als jedes Fairtrade-System. Wir brauchen keine dritte Partei, die sicherstellt, dass das Geld direkt bei den Kleinbauern ankommt. 

Sollte der direkte Handel, wie Coffee Circle ihn betreibt, Fairtrade ablösen?
Direct trade ist für ein qualitativ hochwertiges Segment wie Spezialitäten-Kaffee klar die bessere Alternative. Für den Massenmarkt wird das Fairtrade-System weiterhin von Bedeutung sein, ich würde es nur neu aufsetzen. 

Manches haben Sie aber auch von Fairtrade übernommen – auch Sie zahlen beispielsweise eine Art Sozialprämie an die Kooperativen.
Das stimmt, pro verkauftem Kilogramm Kaffee fließt ein Euro in Projekte, die wir in den Communities unserer Kooperativen aufsetzen – oft mit Partnern wie der Welthungerhilfe. Aktuell erschließen wir Quellen, bauen Brunnen und Wasserkioske, über die wir in einer Gemeinde rund 19 000 Menschen mit sauberem Trinkwasser versorgen. Die Menschen zahlen dann übrigens einen geringen Beitrag für jede Gallone, um die Instandhaltung zu finanzieren. Wir investieren aber auch in Grundschulen oder in Trainingscenter für die Bauern. Denn der Schlüssel zu einem stabilen und höheren Einkommen liegt in einer hohen Kaffeequalität. 

Kaffee-Genießer sollen sich also auch als Wohltäter fühlen?
Eben nicht! Was wir da machen, ist das Gegenteil von Charity, es wird nichts geschenkt, wir verstehen das als Teil der Kompensation für die gute Arbeit, die die Farmer abliefern. Es fließt also etwas zu den Farmern zurück, der Kreis schließt sich – so wie es in unserem Namen „Coffee Circle“ zum Ausdruck kommt. Das ist würdevoll, die Bauern haben es sich selbst verdient und sind stolz drauf. Als wir beispielsweise mit den Gemeinden eine Schule gebaut hatten, sind die zur Regierung gegangen und haben gesagt: Wir haben die Gebäude errichtet, ihr gebt uns jetzt die Lehrer!

Ihr Unternehmen bezieht jetzt auch Kaffee von Kooperativen aus dem Osten der Demokratischen Republik Kongo – einer äußerst instabilen Region. Das klingt sehr riskant.
Es entspricht aber unserer Philosophie, dorthin zu gehen, wo wir mit dem Kauf von Kaffee die größte soziale Wirkung entfalten können und tatsächlich etwas bewegen. Die Bauern bekommen jetzt das Siebenfache, wenn sie ihre Bohnen an uns und andere Spezialitäten-Röster verkaufen.

Wäre es nicht auch konsequent, den Kaffee direkt in Ländern wie Äthiopien weiterzuverarbeiten, um noch mehr Wertschöpfung im Land zu lassen?
Absolut – aber es gibt da ein paar Probleme. Eines ist unser Qualitätsversprechen. Wir verschicken unseren Kaffee zwei Tage nach der Röstung an die Kunden. Frischer geht’s nicht. Die Container aus Äthiopien aber brauchen mehrere Wochen. Es täte den gerösteten Bohnen auch nicht gut, wenn sie tagelang unter sengender Sonne im Hafen von Dschibuti liegen. Wir verkaufen außerdem nicht nur äthiopischen Kaffee. Ich müsste dann für einen Blend auch Kaffee aus Kolumbien nach Äthiopien einführen, um ihn dann nach Deutschland zu verschiffen, das macht wirtschaftlich einfach keinen Sinn. Wenn wir eines Tages auch den lokalen äthiopischen Markt mit Kaffee versorgen sollten, wäre das aber ein Projekt. 

Noch setzen Sie aber vor allem auf weiteres Wachstum in Deutschland. Fürchten Sie nicht, dass Spezialitäten-Kaffee ein Nischen-Produkt bleibt?
Wir sehen die Entwicklung in den USA, die uns da zehn Jahre voraus sind. Das Segment hat dort schon einen Marktanteil von fast 50 Prozent. Auch bei uns sind mindestens 20 Prozent erreichbar. Es gibt immer mehr Menschen, die die faszinierende Kaffee-Welt entdecken und bereit sind, für gute Qualität mehr zu bezahlen. Das Beispiel Wein zeigt, was möglich ist. Vor 30  Jahren haben sie im Supermarkt vielleicht drei Rotweine gefunden, heute können sie in größeren Läden zwischen 100 Sorten wählen. Wein hat 400 Aromen zu bieten, Kaffee sogar 800 – genug Potenzial also, um geschmacklich zu differenzieren. 

Braucht es für die Zubereitung von Spitzenkaffee eigentlich auch eine teure Maschine?
Überhaupt nicht. Ein Filter zum Aufbrühen von selbst gemahlenem Kaffee tut’s schon. Gönnen Sie sich bewusst diese fünf Minuten, das nimmt Geschwindigkeit aus unserer sich immer schneller drehenden Welt. Da können wir viel von der alltäglichen Kaffeezeremonie in Äthiopien lernen. 

Interview: Tobias Schwab

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