Straßenbauunternehmer Lutz Weiler hat einen klimafreundlichen Asphalt entwickelt.
+
Straßenbauunternehmer Lutz Weiler hat einen klimafreundlichen Asphalt entwickelt.

Bodenversiegelung

Klimafreundlich bauen: Wenn die Straße den Regen aufsaugt

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
    schließen

Ein Straßenbauunternehmer aus Offenbach entwickelt einen durchlässigen Asphalt und will damit überhitzte Städte abkühlen – ein Ortstermin.

Ein Bus, eine Haltestelle, Wartende und Regenwetter – wird Lutz Weilers Idee ein Erfolg, könnte diese Konstellation künftig seltener zu patschnassen Füßen führen.

Der Straßenbau-Unternehmer aus dem hessischen Offenbach hat im vergangenen Sommer die ersten 25 Meter eines Asphalts verlegt, der wasserdurchlässig ist. Wer darauf einen Eimer auskippt, sieht das Wasser augenblicklich im hellen, offenporigen Straßenbelag verschwinden. Klimaphalt nennt Weiler seine Entwicklung.

Der Name soll zeigen: Die Sache ist ihm ernst. Es geht nicht darum, ungewollte Straßenduschen zu verhindern, sondern um den Klimawandel. Mit dem durchlässigen Asphalt will Weiler der Versiegelung der Böden und der daraus folgenden Überhitzung der Städte entgegenwirken. „Früher waren wir dankbar für jeden Sonnenstrahl, den wir abbekommen haben“, sagt der 60-Jährige im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau, „jetzt wird es ein bisschen viel.“

Klimawandel: Die Baubranche hat einen Anteil an der Überhitzung

Und Weilers Gewerbe hat einen Anteil daran. „Die Zunahme versiegelter Flächen ist vor allem auf das stetige Wachstum der Verkehrsflächen zurückzuführen“, informiert das Umweltbundesamt in einem Bericht. Und das habe gravierende Folgen, besonders in Ballungsräumen: „Versiegelte Flächen verlieren ihre Fähigkeit zur Regulierung des Mikroklimas und können im Sommer keinen Beitrag zur Milderung der Überhitzung in Städten leisten.“

Ein Beispiel: Im regelmäßig erstellten Umweltatlas beschreibt die Berliner Verwaltung die Hauptstadt „als Insel stark erhöhter Abflüsse“. Im aktuellen Bericht von 2019 heißt es zu den Niederschlägen, dass „das langjährige Mittel des Gesamtabflusses und des Oberflächenabflusses weiter gestiegen [ist] und dafür die Verdunstung abgenommen hat“. Zurückzuführen sei dies auf eine Zunahme der Versiegelung und auf den Ausbau der Kanalisation – ein typisches Problem im sich aufheizenden urbanen Raum.

Rezepte gegen Flächenversiegelung: Alle Städte abreißen?

„Reißen wir alle Städte und Straßen ab“, habe Weiler sich deshalb gedacht, als er sich in das Thema einarbeitete. Warm eingepackt erscheint er Ende Januar zum Ortstermin und erzählt lachend von seinem radikalen Gedanken. Gefütterte Lederjacke, feste Stiefel und, wäre kein Corona, bestimmt ein noch festerer Händedruck. Der Frankfurter, dessen Vater schon Bauunternehmer war, ist ein Macher – folgerichtig will er das Problem mittlerweile nicht mehr destruktiv angehen, sondern konstruktiv.

Er präsentiert die 150 Quadratmeter große Teststrecke auf der Oberen Grenzstraße unweit des Wetterparks, die im Sommer als Teil einer öffentlichen Straße asphaltiert wurde. Ein halbes Jahr ist seither vergangen, bis auf ein wenig Verfärbung zeigt die hellere Oberfläche, die Sonnenlicht reflektieren soll, noch keine großen Abnutzungsspuren – doch im Ernstfall müsste die Straße 30 Jahre durchhalten.

Der Asphalt imitiert die Saugkraft eines Feldes

Über diese Zeit soll der Belag die Saugkraft eines Feldes imitieren und gleichzeitig die Lasten des Stadtverkehrs tragen. 150 Liter pro Quadratmeter könne der Klimaphalt versickern lassen, 80 Liter speichern. Das gespeicherte Wasser soll wiederum unter Sonneneinstrahlung verdunsten und so zur Abkühlung der Umgebung beitragen. Bei den nächsten Flächen will Weiler den Aufbau um ein Vlies erweitern, das versickerndes Mikroplastik unterhalb der Tragschicht filtern soll.

Ein Bus rollt darüber, Autos kommen vorbei. Es handelt sich zwar nicht um eine Hauptverkehrsstraße, aber durchaus um eine vielbefahrene. Vom Offenbacher Stadtservice, der mit Weiler beim Projekt kooperiert, wurde sie wegen des Busverkehrs ausgewählt, „so dass ein Feldversuch unter normalen Bedingungen im innerstädtischen Bereich“ möglich sei. „Ob es zu einer weiteren Verwendung in Offenbach kommt“, teilt der Stadtservice auf Anfrage mit, hänge von einem auf drei Jahre angelegten Test ab. Eine Einschätzung nach einem halben Jahr halte man für „verfrüht“.

Durchlässiger Asphalt: Kunstharz statt Bitumen

Georg Simon ist von Lutz Weiler mit dem dreijährigen Test beauftragt. Der Diplom-Chemiker ist seit 1990 öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Asphaltbauweisen am Baustoffprüfungsinstitut Baucontrol in Bingen. Er begleitete die Verlegung und will nach dem ersten Quartal eine Überprüfung vornehmen. Am Telefon erzählt er: „Die Herausforderung ist nicht die Traglast.“ Vielmehr sei entscheidend, inwieweit sich die Hohlräume nicht schlössen und eine Verstopfung vermieden werden könne. Das ganze System lebe von der Durchlässigkeit der Deckschicht. Reifenabrieb und Staubeintrag könnte jedoch die „Schluckfähigkeiten“ vermindern.

Bei der Entwicklung der Deckschicht war Weiler kreativ: Über Kontakte in die USA ist er auf einen Stoff der Offshore-Industrie gestoßen. Statt auf das Klebemittel Bitumen, das als Abfallprodukt der Erdölindustrie gewöhnlichem Asphalt sein pechschwarzes, undurchdringliches Erscheinungsbild verleiht, setzt er auf ein Kunstharz, das kalt gemischt wird und die Körner der Deckschicht nicht zu einer klobigen Masse mache, sondern lediglich an den Kontaktpunkten verklebe. Das Problem: Der Stoff ist nicht günstig.

Höhere Kosten, konservative Baubranche

Auch der Stadtservice gibt zu bedenken, dass „die Kosten für den Klimaphalt auch wegen des notwendigen und aufwendigen Straßenaufbaus höher sind als für eine normale Straßensanierung an der Oberfläche“. Mit bis zu 200 Euro pro Quadratmeter Klimaphalt rechnet Weiler, in etwa das Doppelte eines herkömmlichen Aufbaus. Gegenrechnen müsse man jedoch die wegfallenden Kosten für die Kanalisierung und den Beitrag zum Hochwasserschutz.

Lesen Sie auch: Schwammstadt Berlin - wie die Hauptstadt der Klimaerwärmung trotzen will

Dass er mit seinem Produkt mehr oder weniger allein auf weiter Flur steht, liegt laut Weiler an der konservativen Baubranche: „Das haben wir immer schon so gemacht, das machen wir so weiter“, laute die Devise. Dass es hier aber auch einen Markt geben könne im Zuge von nachhaltigem Bauen, werde nicht gesehen.

Weilers Vision ist es, Wissenschaft, Verbände und Gewerbe an einen Tisch zu bringen, um über die Überhitzung der Städte und Gegenmaßnahmen wie seinen Klimaphalt zu diskutieren. Sobald es das Virus wieder zulässt, will er auf Messen dafür werben.