Cleanvest-Gründer Armand Colard.
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Cleanvest-Gründer Armand Colard.

Zukunft hat eine Stimme

Ist das echt nachhaltig?

  • Nadine Graf
    VonNadine Graf
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Nicht in allen Finanzprodukten, auf denen grün steht, ist auch grün drin. Das Start-up Cleanvest will Anlegerinnen und Anlegern helfen, die Angebote besser einzuschätzen.

Immer mehr Menschen ist es wichtig, bei der Geldanlage ethische und ökologische Prinzipien zu berücksichtigen. 147 Milliarden Euro steckten deutsche Anleger:innen im vergangenen Jahr etwa in nachhaltige Investmentfonds. Noch vor vier Jahren war diese Summe erst etwa halb so groß, gibt der Bundesverband für Investment und Asset Management an. Diesen Aufwärtstrend beobachtet Tobias Popovic schon seit über zehn Jahren am gesamten Kapitalmarkt. An der Hochschule für Technik in Stuttgart hält Popovic eine Professur für Sustainable Finance.

Doch um komplexe Finanzprodukte zu verstehen oder gar auf bestimmte Standards zu überprüfen, fehle vielen privaten Anleger:innen die finanzielle Bildung, bemängelt Popovic. Das Verbraucherportal Cleanvest will das vereinfachen: Etwa 3000 Aktien- und Mischfonds und 1500 ETF können hier auf zehn Nachhaltigkeitskriterien überprüft werden. Interessierte können hier gezielt nach bestimmten Kriterien suchen – also etwa nach Anlageprodukten. Die Suche funktioniert über den Produktnamen (ISIN) oder den Anlagetyp und spuckt neben der erwarteten Rendite auch eine Nachhaltigkeitsnote aus.

Zehn von zehn Nachhaltigkeitspunkten erhalten Finanzprodukte, die hohe Investments in grüne Technologien und den Bildungs- und Gesundheitssektor beinhalten. Auch sollen die Produkte frei von Kohle, Atomenergie, Kinderarbeit, Rüstungsgütern, Öl und Gas sein. Die Rechte indigener Völker dürfen nicht verletzt werden, es darf keine Verstöße gegen den Artenschutz geben und die Gleichstellung von Frauen soll gewahrt sein.

Dabei unterscheiden die Analyst:innen Positiv- und Negativkriterien, die nachhaltige Entwicklungen entweder fördern oder verhindern. „Kriterien, die von der Unternehmensberichterstattung abhängen, wie zum Beispiel der Strommix oder die Verwendung von Öl und Gas, können wir nur einmal im Jahr einsehen“, sagt Armand Colard, Gründer von Cleanvest. Andere Kriterien werden laufend überprüft und spätestens alle zwei Monate auf den neusten Stand gebracht.

Im März dieses Jahres ist die mangelnde Gleichstellung von Frauen als negatives Vorfallskriterium hinzugekommen. Wie bei anderen Kriterien arbeiten die Analyst:innen hierfür mit Daten des Schweizer Providers RepRisk. „Die Daten stammen aus zahlreichen Medienberichten, Studien und Datenbanken von NGOs. Bei den Vorwürfen gegen die Unternehmen geht es zum Beispiel um unfaire Arbeitsbedingungen, ungleiche Löhne oder Aufstiegschancen, Sexismus in der Werbung oder sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz“, erklärt Colard.

Pro Jahr, so der Cleanvest-Gründer, validiert sein Team mehrere hundert Vorfälle pro Kriterium. Die Fachleute streichen Doppelzählungen, prüfen die Quellen auf systemische Relevanz und Konkretheit der Vorwürfe. So würden pro Jahr beim Gleichstellungs-Kriterium etwa 300 Vorfälle in die Bewertung einfließen.

Armand Colard gründete ESG Plus, ein österreichisches Sozialunternehmen, dem Cleanvest gehört. Ursprünglich nur für die Beratung ihrer institutionellen Kunden sammelte ESG Plus große Datenmengen über die Nachhaltigkeit von Finanzprodukten. Die Bewertungen wollten Colard und sein Team mit Cleanvest aber auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

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10 000 regelmäßige Nutzer:innen habe die Plattform. Wie Colard angibt sind 30 Prozent davon aus Deutschland, wo die Plattform seit 2020 verfügbar ist. Die Abfragen sind kostenlos und die Plattform werbefrei. Die Aufmerksamkeit, die Cleanvest auf sich zog, habe die Beratungs- und Analyseangebote des Sozialunternehmens vorangebracht. „Fast jede österreichische Fondsgesellschaft hat nach der Anfangsphase von Cleanvest das Gespräch mit uns gesucht, vor allem bei schlechten Bewertungen“, sagt Colard.

Einige Finanzprodukte kassierten von Cleanvest schlechte Nachhaltigkeitsnoten, obwohl sie von den Herausgebern als nachhaltig eingestuft wurden. Das habe meist an der Null-Toleranz-Grenze des Online-Service gelegen, so Colard. „Vieles war aber schnell erklärt. Zum Beispiel bewerten wir nur Unternehmen als ‚kohlefrei‘, die nicht am Kohleabbau beteiligt sind und auch keinen Kohlestrom nutzen.“

Aus dem Service für Privatanleger:innen sei noch eine weitere Angebotsschiene entstanden. „Mit einer Bezahlversion von Cleanvest wollen wir kleine und mittlere Finanzplayer wie Vermögensberater, Family Offices und kleine institutionelle Investoren abholen“, sagt Colard. Diesen Kunden will Cleanvest ermöglichen, die eigenen Finanzprodukte auf noch mehr Nachhaltigkeitskriterien hin zu überprüfen und detaillierte Reportings einzusehen.

„Cleanvest Pro“ soll der Online-Service heißen. Für ein Jahresabo des Software-as-a-Service-Modells könnten die Kunden einen niedrigen vierstelligen Betrag zahlen, kündigt Colard an. Momentan sei Cleanvest Pro in der Beta Testing-Phase und ein Launch im Januar 2022 geplant.

Ein Angebot für Finanzberater:innen, das zur richtigen Zeit kommt, meint Sustainable-Finance-Professor Popovic. Der EU-Aktionsplan zur Finanzierung Nachhaltigen Wachstums verpflichtet nicht nur Unternehmen zukünftig zum verschärften Nachhaltigkeitsreporting. Auch Berater:innen sind in der Auskunftspflicht hinsichtlich der Nachhaltigkeit von Finanzprodukten. „Darauf sind aber zahlreiche Berater:innen noch gar nicht vorbereitet. Im Zweifel kennt sich der nachhaltigkeitsorientierte Kunde besser aus“, sagt Popovic.

Transparenz sei unerlässlich bei nachhaltigen Geldanlagen, um nicht Unternehmen zu fördern, die durch Greenwashing-Methoden Nachhaltigkeit nur vortäuschten, sagt Popovic. Um eine nachhaltige Geldanlage ohne Etikettenschwindel zu finden, lohne der Vergleich auf verschiedenen Internetportalen, ein Blick auf Gütesiegel oder in unabhängige Studien des WWF, von Verbraucherschutzverbänden und anderen NGOs. Der Finanzexperte empfiehlt unerfahrenen Anleger:innen auch Musterportfolios, die nach Nachhaltigkeitskriterien zusammengestellt wurden.

Nachhaltige Investments schließen eine hohe Rendite nicht aus. „Dass man sich zwischen Ökologie und Ökonomie entscheiden muss ist nur ein falsches Vorurteil, das leider aber sehr verbreitet ist. Mittlerweile gibt es viele fundierte Studien, die zeigen, dass das Rendite-Risiko-Verhältnis bei nachhaltigen Geldanlagen nicht schlechter ist als bei herkömmlichen“, sagt Popovic.

Stark vereinfacht ließe sich sagen: Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen sparen Rohstoffe und somit Kosten ein. Bleibt der Umsatz gleich, fällt der Gewinn größer aus. Zudem gingen nachhaltig ausgerichtete Unternehmen bestimmte Risiken möglicherweise gar nicht erst ein.

Im Kampf gegen den Klimawandel zähle jeder nachhaltig angelegte Cent, meint Popovic. Etwa 2,5 Billionen Euro lägen derzeit auf deutschen Sparbüchern. „Blackrock als größte Fondsgesellschaft weltweit verwaltet um die 9,5 Billionen Dollar. Das ist natürlich ein Ungleichgewicht“, gesteht er ein. Trotzdem sollten die deutschen Sparer:innen ihr Geld in die Waagschale werfen, um einen positiven, transformativen Einfluss auf die Wirtschaft zu nehmen.