Larven für die Fütterung von Tieren.
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Schleimig, aber proteinreich: Picken Hühner bald Larven statt Soja und Fischmehl?

Farminsect

Insekten für die Schweine

  • Thomas Magenheim-Hörmann
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„Ein Drittel des Fischfangs landet in der Tiermast", sagt Thomas Kühn, Mitgründer von Farminsect. Er will diese Proteinquelle durch eine billigere und umweltschonendere Alternative ersetzen: Insekten. Bauern sollen sie künftig tonnenweise auf ihren Höfen züchten.

Appetitlich sieht das Gewürm nicht aus. Aber schmecken müssen die Insektenlarven auch nur Fischen, Hühnern oder Schweinen. „Wir wollen damit Regenwälder und Meere schützen sowie den Kohlendioxidausstoß senken“, erläutert Thomas Kühn. Der 33-Jährige ist Mitgründer des Agritech-Startups Farminsect aus Bergkirchen bei München.

Was er und seine beiden Mitstreiter Wolfgang Westermeier und Andre Kloeckner zum umweltschützenden Geschäft erhoben haben, ist die Zucht der Schwarzen Soldatenfliege. Deren Larven sind proteinreich und sollen Fischmehl sowie Soja als Tierfutter ersetzen. Beide Proteinquellen werden nicht nur immer teurer, was Landwirten und Fischzüchtern finanziell zu schaffen macht. Auch die Umwelt leidet unter ihrer Beschaffung. „Ein Drittel des Fischfangs landet in der Tiermast“, sagt Kühn. Um landwirtschaftliche Masttiere und Zuchtfische zu füttern, werden zunehmend die Meere leergefischt. Soja wiederum wird zu gut 90 Prozent importiert, dem Anbau fallen gerade in Südamerika riesige Waldflächen zum Opfer.

„Jedes Jahr müssen über 30 Millionen Tonnen Soja und Sojaprodukte in die EU eingeführt werden, um unseren immensen Bedarf an Futterprotein zu decken“, erklärt Wilhelm Windisch. Er ist Professor für Tierernährung an der TU München und hält Insekten für die Lösung vieler Probleme in Landwirtschaft oder Umwelt.

Thomas Kühn, Mitgründer des Startups Farminsect, will Umwelt und Ressourcen schonen.

Mast- und Zuchttiere brauchen hochwertiges Protein, um schnell zu wachsen. Das könnten Insekten auf nahezu ideale Weise liefern, schwärmt Windisch. Denn sie lassen sich mit landwirtschaftlichen Reststoffen füttern und könnten nach Bedarf vor Ort gezüchtet werden. Ein lokaler Nährstoffkreislauf komme so in Gang. „Das ist nachhaltig und eine intelligente Nutzung natürlicher Ressourcen“, findet der TU-Professor.

Rechtlich ermöglicht hat das die EU, als sie 2017 sechs Insektenarten als Tierfutter zugelassen hat. Seit die EU-Kommission den „Grünen Deal“ als Fahrplan für eine nachhaltige EU-Wirtschaft ausgerufen hat, ist die Bedeutung des Themas weiter gewachsen, denn zu den Zielen gehört auch, nichts Verwertbares wegzuwerfen und Kreislaufwirtschaften zu schaffen. An Fische, Hühner und Schweine verfütterte Insekten, die ihrerseits Grasabfälle, Fallobst oder Getreidereste vertilgen, sind ein ideales Beispiel dafür.

Farminsect liefert den Bauern automatisierte Systeme für Insektenzucht

In dem Punkt unterscheidet sich Farminsect von Unternehmen wie Ynsect aus Frankreich oder Protix aus den Niederlanden. Beide verkaufen Insektenmehl. Farminsect liefert Anlagen zur Insektenzucht vor Ort, bestehend aus Klimakammer, mit Junglarven gefüllten Plastikkisten, einem Mischtopf für das Insektenfutter und viel Software.

„Das Meiste läuft vollautomatisch“, sagt Kühn. Fischzüchter oder Bauern müssten nur Biomasse in den Mischtopf kippen und die Klimakammer be- und entladen. Acht Stunden Arbeit seien das pro Woche.

Die Anlagen von Farminsect produzieren mindestens 70 Tonnen Larven pro Jahr

„Landwirte müssen keine Insektenzüchter werden“, verspricht Kühn. Das Schwierigste sei, aus Eiern Junglarven zu machen. Den Teil übernimmt Farminsect zentral. Einmal pro Woche würden dann Junglarven beim Abnehmer angeliefert. Den Rest übernehme die von Farminsect entwickelte Zuchtanlage automatisch und ferngesteuert. „Wir garantieren, dass die Produktionsmenge an Futterlarven jede Woche gleich bleibt“, sagt Kühn. Pro Jahr kämen so mindestens 70 Tonnen Insektenlarven zustande oder auch mehr wenn nötig.

Die Schwarze Soldatenfliege hat Farminsect gewählt, weil sie fast alles frisst, anspruchslos und robust ist. Neben ihrem Proteinreichtum sei eine natürliche antibiotische Wirkung nachgewiesen, was damit gefütterte Tiere schütze, sagt Kühn. Weiter entsprechen lebend verfütterte Larven der natürlichen Nahrungsaufnahme pickender Hühner oder wühlender Schweine. Das vermindere Verhaltensstörungen wie Schwanzbeißen bei Schweinen oder Federrupfen bei Hühnern, so der Gründer.

Farminsect will eine Kreislaufwirtschaft auf Bauernhöfen etablieren

„Fische stehen besonders drauf“, bestätigt Windisch. Man müsse endlich weg von Fischmehl als Futter für Fische kommen. Auch bei Hühnern und Schweinen sieht der Professor großes Potenzial, schon weil auf einem Bauernhof jede Menge Biomasse als Larvenfutter anfällt. EU-weit seien es jährlich allein 40 Millionen Tonnen Getreidereste. Die Kreislaufwirtschaft, die Farminvest als Pionier ermögliche, sei ökologisch vorteilhaft und politisch von der EU als globalem Vorreiter in Sachen Bio-Ökonomie gewollt.

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Als potenziellen Markt allein in Deutschland hat Farminsect ein Viertel aller gut 4000 Hühner- und 22 000 Schweinemäster identifiziert. Dazu kommt jeder zehnte der knapp 3000 Fischzüchter. Die Welternährungsorganisation FAO geht davon aus, dass bis 2025 ein Zehntel allen Fischmehls durch Insekten ersetzt werden kann. Der europäische Branchenverband der Insektenproduzenten erwartet bis dahin ein Marktvolumen von 1,2 Milliarden Euro. Bislang sind es keine zehn Millionen.

Bauern sollen mit dem Farminsect-System Geld sparen

Gründer Kühn verspricht auch einen Spareffekt. Insektenfutter koste ein Fünftel weniger als Fischmehl heute. Da Futtermittel im Durchschnitt 60 Prozent der Betriebskosten eines Landwirts ausmachten, amortisiere sich die Larvenzucht binnen drei bis fünf Jahren.

„Eigentlich sollten wir ein so hochwertiges Protein selber essen“, sinniert Windisch. Maikäfersuppe sei schließlich ein altes, wenn auch nicht mehr gebräuchliches Rezept aus Bayern, und Garnelen hätten unsere Großeltern noch nicht gegessen. Heute sei das ganz normal.