„Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“ - dieses Zitat des bei dem Anschlag getöteten Ferhat Unvar ist zur Leitlinie des Buches geworden.
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„Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“ - dieses Zitat des bei dem Anschlag getöteten Ferhat Unvar ist zur Leitlinie des Buches geworden.

Neue Perspektiven

Rechter Terror in Hanau: Den Trauernden eine Stimme geben

  • Isabella Caldart
    VonIsabella Caldart
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Der neue Verlag Stolze Augen Books will die Verlagswelt für mehr Perspektiven öffnen. Das erste Buch „Texte nach Hanau“ sammelt Beiträge von People of Color zu dem rechtsterroristischen Anschlag.

Mit Stolze Augen Books aus Köln gibt es erstmals einen Verlag von und für BPoC, also Schwarze Menschen und People of Color, der vor gut einem Jahr von engagierten Mitarbeiterinnen des Zentrums Holla in Köln gegründet wurde. „Texte nach Hanau“ heißt das erste Buch, das unterschiedliche Texte, die im Zuge des rassistischen Attentats vom 19. Februar 2020 entstanden sind, als Anthologie vereint. Was macht den Verlag so besonders? Die Mitgründerinnen Jamilah Bagdach und Viviane Fatoumata Camara erzählen.

Zäumen wir das Pferd mal von hinten auf: Was hat es denn mit dem ungewöhnlichen Verlagsnamen Stolze Augen auf sich?

Jamilah Bagdach: Stolze Augen sind die Augen derjenigen, die mit Stolz im Blick und erhobenem Kopf durch das Leben schreiten – und das trotz unterdrückender Strukturen. Traditionell bietet dieses Amulett, Nazar genannt, Schutz vor dem bösen Blick, also vor Neid und Missgunst. Viele von uns hat es zum Beispiel als Armband schon in der Kindheit begleitet. Wenn man sich mit Rassismus beschäftigt, wird man oft von Menschen blöd angeschaut, die unsere Arbeit nicht verstehen oder ihre Notwendigkeit aberkennen wollen. Wir aber sind und bleiben stolz.

Textauszug: „Integration“ von Keça Filankes

Ihr habt den Verlag von und für Menschen mit Rassismuserfahrung vergangenes Jahr gegründet. Was war der Grund für diesen Fokus?

Bagdach: Ein wichtiger Punkt war, dass wir von vielen Menschen mitbekommen haben, dass in Verlagen mit weißen Strukturen die Perspektive von rassifizierten Menschen nicht gesehen wird. Das ist besonders in Büchern fatal. Ich schreibe schließlich, weil ich was zu sagen habe. Doch wenn meine Perspektive verfälscht wird, was bringt das dann? Bei Holla arbeiten wir vor allem mit jungen Menschen zusammen, die über Intersektionalitätserfahrung auf der Achse Sexismus und Rassismus verfügen. Viele dieser Menschen haben das starke Bedürfnis, sich auszudrücken, gerade wenn die eigene Perspektive nirgendwo repräsentiert ist.

Und wie kam es zur Gründung eines Buchverlags?

Bagdach: Eins der Projekte war eine Schreibwerkstatt, bei der es darum ging, Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen. Und genau da fiel uns auf, wie groß das Bedürfnis ist, sich mitzuteilen.

Viviane Fatoumata Camara: Wir haben dann 2019 den „With and For Girls“-Award für unsere Arbeit bekommen und hatten dadurch das Budget, um Anfang 2020 den Verlag starten zu können.

Das Team hinter dem Verlag Stolze Augen (von oben links): Jamilah Bagdach, Viviane Fatoumata Camara, Wandi Wrede, Oz/Özlem Sakalkesen, Balizi Kashindi Wayloki, Souzan AlSabah und Nour Bagdach.

Anschlag von Hanau war „ausschlaggebend“ für erstes Projekt des Stolze Augen Verlags

Das heißt, das rassistische Attentat von Hanau war nicht der Auslöser?

Bagdach: Hanau war ausschlaggebend für unser erstes Projekt, und nicht nur das Attentat selbst, sondern auch die Tatsache, wie der gesamtgesellschaftliche Umgang damit war, dass zum Beispiel wenige Tage danach Karneval gefeiert wurde. Dadurch wurden die gesamtgesellschaftliche Zerrissenheit und eine grundsätzlich unsolidarische Haltung deutlich. Deswegen möchten wir Menschen, die durch Rassismus diskriminiert werden, eine Stimme geben. Dabei ist auch wichtig zu verstehen, dass es einen Unterschied gibt zwischen rassistischer Diskriminierung und offener rechter Gewalt. Deswegen haben wir in unserem ersten Buch „Texte nach Hanau“ auch eine Definition veröffentlicht.

Textauszug: „#Hanau Monologe“ von Nadire Biskin

Texte der People of Color zum rechtsterroristischen Anschlag von Hanau: „Heftig und zutiefst berührend“

Am 8. Mai habt ihr auf Instagram den Aufruf gepostet, euch von Hanau inspirierte Texte zu schicken. Wie war die Resonanz? Und wie habt ihr die 63 Texte, die am Ende im Buch gelandet sind, ausgewählt?

Bagdach: Wir haben durch die Texte gemerkt, wie krass es ist, dass wir zusammenstehen, denn alle haben unterschiedliche Rassismuserfahrungen gemacht. Die Hintergründe und Lebensrealitäten sind verschieden. Die einen sind erst seit Kurzem in Deutschland, andere bereits in der dritten Generation, aber die Trauer um die Opfer von Hanau drückt einen gemeinsamen Schmerz aus.

Camara: Wir haben fast alle Texte, die wir von BPoCs bekommen haben, veröffentlicht. Jeder Text ist heftig und zutiefst berührend, selbst wenn er nur wenige Zeilen hat.

Bagdach: Als erstes Buch einen Sammelband zu machen war toll, aber auch stressig, weil man mit unglaublich vielen Menschen in Kontakt steht und damit umgehen muss, was sie mit dir teilen, dir Dinge anvertrauen, in die sie ihr Herzblut gesteckt haben.

AKTIV WERDEN

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

WAS TUN: Die „Initiative 19. Februar“ hat in Hanau einen „Raum gegen das Vergessen“ geschaffen. Wer ihre Arbeit mit Spenden unterstützen möchte, findet Informationen unter www.19feb-hanau.org/spenden

WEITERLESEN: Die FR hat seit dem Terroranschlag sämtliche Ereignisse rund um Hanau dokumentiert. Die gesammelten Texte finden Sie online in unserem Dossier auf www.fr.de/terror

Vorwort des Buches „Texte nach Hanau“ von Mutter des ermordeten Ferhat Unvar

Textauszug: „Wie Bettlaken über die Augen“ von Ozan Zakariya Keskikılıç

Das Vorwort hat Serpil Temiz-Unvar, die Mutter des ermordeten Ferhat Unvar, verfasst. Ferhat Unvar liefert mit „Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“ außerdem das vorangestellte Motto.

Bagdach: Wir haben durch den Anschlag in Hanau auch sehr viel Schmerz empfunden, aber am Ende waren es nicht wir, nicht unser Bruder, unser Kind, die ermordet wurden. Wir haben über eine der Autorinnen im Buch Kontakt zu Serpil aufnehmen können und sie gefragt, ob wir ein Gedicht von Ferhat Unvar zitieren dürfen.

Camara: Es war uns wichtig, nicht etwas zu veröffentlichen, ohne mit den Angehörigen vorher Kontakt aufzunehmen. Als wir dann die Antwort bekamen, dass Serpil Temiz-Unvar unser Projekt unterstützt, war das etwas ganz Besonderes für uns. Und auch dass wir Ferhats Zitat abdrucken durften – es ist schließlich ein Buch gegen das Vergessen.

Texte nach Hanau. Sammelband mit Vorwort von Serpil Temiz-Unvar. Stolze Augen Books, Köln 2020. 132 S., 25 Euro.

Verlag Stolze Augen bringt Kinderbuch mit einer Hauptperson of Color auf den Markt

Wohin soll es mit Stolze Augen in Zukunft gehen?

Camara: Das nächste Buch wird ein Kinderbuch mit einer Hauptperson of Color, was richtig toll ist. Sowas hatte ich in meiner Kindheit nicht. Ich dachte bei den weißen Figuren in meinen Büchern immer: Oh, so will ich auch sein, und hatte nie das Erlebnis: Die sieht aus wie ich!

Bagdach: Es gibt inzwischen einige BPoC-Kinderbücher, aber wir haben, da wir bei Holla auch Aufklärungsarbeit machen, zudem einen intersektionalen, sexualpädagogischen Ansatz. Deswegen ist „Samira und die Sache mit den Babys“ ein Aufklärungsbuch. Allgemein ist unser Anspruch, in den Büchern, die wir veröffentlichen, so viele Perspektiven wie möglich zu zeigen. Uns ist wichtig, weißen Menschen begreiflich zu machen, dass ihre Sicht nicht die einzig wahre ist, und dass auf der anderen Seite Menschen, die diskriminiert werden, erkennen, dass richtig und wichtig ist, wer wir sind.

Interview: Isabella Caldart