Marieke van Doorninck dachte lange, es gebe keine Alternative zum aktuellen Wirtschaftsmodell.
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Marieke van Doorninck dachte lange, es gebe keine Alternative zum aktuellen Wirtschaftsmodell.

Stadtentwicklung

Amsterdam: Zeit für einen radikalen Wandel

  • Peter Riesbeck
    VonPeter Riesbeck
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Amsterdam nutzt die Corona-Pandemie und treibt den grünen Umbau voran. Unter Vize-Bürgermeisterin Marieke van Doorninck will die Stadt komplett auf Kreislaufwirtschaft umstellen. Vorbild ist die Idee der Donut-Ökonomie

Jede Krise bietet auch eine Chance. Davon ist Marieke van Doorninck überzeugt. „In schwierigen Zeiten ist es einfacher, sich eine andere Welt vorzustellen“, sagt Amsterdams Vize-Bürgermeisterin über die Pandemie. Dabei sind van Doorninck und ihre Stadt weit über den Status einer Idee hinaus. Mitten im ersten Lockdown verkündete Amsterdam im vergangenen April eine ökonomische Revolution. Bis 2030 will die Stadt ihren Verbrauch an Rohstoffen um die Hälfte verringern, bis 2050 soll Amsterdams Ökonomie komplett auf Kreislaufwirtschaft umgestellt werden.

Stahl, Beton, Glas – es werden keine Ressourcen mehr verbraucht, sondern nur noch recycelte Waren genutzt. Die Pandemie als Signal für den grünen Aufbruch. „Manche Dinge können in einer Krise schneller vorangetrieben werden“, sagt van Doorninck dem Magazin „De Helling“.

Seit drei Jahren ist die Grünen-Politikerin stellvertretende Bürgermeisterin von Amsterdam, zuständig für Raumplanung und Nachhaltigkeit. Knapp 900 000 Einwohner hat Hollands größte Stadt derzeit, bis 2050 werden rund 1,1 Millionen Menschen in Amsterdam leben.

In der Corona-Krise ist der richtige Moment zum Umdenken

Deshalb denkt die Stadt um. Und zwar radikal. „Vielleicht ist jetzt einfach der richtige Moment“, sagt van Doorninck. Die 55-Jährige hat Geschichte studiert und in Museen gearbeitet, ihr Kampf für die Rechte von Sexarbeiter:innen und gegen Menschenschmuggel führte sie in die Politik. „Ich wuchs zu Zeiten von Margret Thatcher und Ronald Reagan in dem Glauben auf, dass es keine Alternative zu unserem Wirtschaftsmodell gibt“, sagt van Doorninck. Den entscheidenden Anstoß für Amsterdams nachhaltige Wende bringt für sie das Buch „Donut-Ökonomie“ der britischen Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth. Die Lektüre war für van Doorninck eine Art ökonomisches Erweckungserlebnis. „Es gibt eine Alternative! Ökonomie ist eine Sozialwissenschaft, keine Naturwissenschaft. Sie wird von Menschen gemacht und kann von Menschen geändert werden.“

Raworth bricht radikal mit der klassischen Ökonomie. „Weltweit beklagen Ökonomiestudenten, dass das Fach zu einseitig, zu dogmatisch, zu wenig pluralistisch gedacht und gelehrt werde“, mahnt die britische Forscherin. Statt die Wirtschaft allein auf Markt und Wachstum auszurichten, setzt Raworth auf zwei andere Faktoren: Umwelt und Gesellschaft. „Der auf Wachstum ausgerichtete Wohlstand dieser Zeit zerstört die Erde, da mehr Ressourcen gebraucht werden, als vorhanden sind. Zudem verschärft sich die Ungleichheit.“

Das Modell der Donut-Ökonomie gab den Anstoß

Raworths Analyse mit Blick auf Artensterben und Klimawandel: Die Menschen leben zu Lasten der Natur. Zugleich fehlt es vielen an elementaren sozialen Grundlagen wie Bildung, bezahlbarem Wohnraum oder gesundem Essen.

Und so krempelt Raworth die Wirtschaft um. Die Frau, die so gern in Bildern denkt, fängt an, ihre Überlegungen in Skizzen zu fassen und landet bei einem Modell ineinander liegender Kreise. Den äußeren Ring bilden die planetaren Grenzen. Das ist vereinfacht gesagt, das, was die Erde durch Klimabelastung, Rohstoffabbau und Energieverbrauch an Umweltbelastung verträgt. Den inneren Ring bilden die sozialen Grundlagen. Sprich das, was die Menschen für ein gerechtes Leben brauchen, orientiert an den UN-Entwicklungszielen. Zwischen dem Maximal-Verträglichen und dem Minimal-Erwartbaren liegt der politische Gestaltungsraum.

Donut-Ökonomie: Soziale Standards und Nachhaltigkeit vereinbaren

Doch dabei gibt es soziale Mindeststandards wie Zugang zu Bildung oder bezahlbaren Wohnraum, die nicht unterschritten werden dürfen. Deshalb klafft in der Mitte der Kreise ein Loch – so wie bei einem Donut. Die Welt als Kreis und Vorstellung, bald heißt das Ganze Donut-Modell. „Jeder Mensch weiß, wie ein Donut aussieht. Es bringt sie zum Lächeln und Fragenstellen. Sie haben einen Zugang“, so Raworth.

Raworth verlässt die linearen Pfade der klassischen Ökonomie. Die kannte bislang vornehmlich Angebot und Nachfrage, den Rest dazwischen regelt der Markt. Raworth klingt das alles zu statisch, als sie Anfang der 1990er-Jahre in Oxford ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften aufnimmt. Sie beginnt nicht nur, die Umwelt in ihre Modelle miteinzubeziehen, sondern auch soziale Faktoren. Das eindimensionale Marktmodell wächst sich aus zur Donut-Ökonomie, das nicht auf Wachstum verzichtet, aber klare Grenzen definiert.

„Im 20. Jahrhundert ist die Wirtschaftswissenschaft davon abgekommen, ihre Ziele klar zu formulieren: Da sie darauf verzichtete, wurde sie vom Bruttoinlandsprodukt in Beschlag genommen“, so Raworth, die inzwischen in Oxford und Cambridge lehrt.

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Kate Raworth: „Die Donut-Ökonomie: Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört“, Carl Hanser Verlag

Von einem „Heureka-Moment“ spricht Vize-Bürgermeisterin van Doorninck mit Blick auf die Donut-Ökonomie. Im Vorjahr haben sie sich in Amsterdam ans Werk gemacht und ihr eigenes Donut-Modell aufgelegt. Alle Bereiche wurden analysiert und sollen bis 2050 auf Nachhaltigkeit umgestellt werden. „Ein Selfie der Stadt“, nennt das van Doorninck.

Schon von 2030 an will die Verwaltung in Amsterdam nur noch zirkuläre Produkte einkaufen, sprich: Alle Waren stammen aus recycelten Grundstoffen. Gebaut werden soll vorrangig mit nachhaltigen Baustoffen wie Lehm und Holz, der energie- und klimaintensive Zement wird bei Abbrucharbeiten aus Beton zurückgewonnen.

Amsterdam: Auch die private Wirtschaft muss umdenken

Auch die private Wirtschaft muss umdenken. Amsterdam ist ein Zentrum der Jeans-Produktion. Gemeinsam mit der Modeindustrie wurde ein Denim-Deal besiegelt. Bis 2023 sollen 20 Prozent der Fasern für Jeans aus recyceltem Material stammen. Auch beim Einkaufen wird grün gedacht. In Supermärkten weisen Preisschilder auch die Umweltkosten der Waren aus. Von Realpreis-Initiative sprechen Fachleute. Die Energie wird auf erneuerbare Quellen wie Sonnenstrom und Windkraft umgestellt. Vom „größten Übergang seit der Industriellen Revolution“, spricht van Doorninck.

Raworths Ideen finden nicht allein in Amsterdam Anklang. Städte wie Brüssel, Kopenhagen und Philadelphia wollen folgen. Der nachhaltige Umschwung kommt aus den Kommunen. Aber van Doorninck weiß, dass die Städte den nachhaltigen Umbau allein nicht schaffen. Sie fordert eine ökologische Steuerreform. „Ich rufe den Staat auf, Arbeit steuerlich zu entlasten und die Abgaben auf Rohstoffe und Energie zu erhöhen“, sagt van Doorninck. Sie ist nicht allein. Gerade hat die EU einen Vorstoß für ein Kreislaufwirtschaftsgesetz vorgelegt. Auch das ehrgeizige Ziel, die EU bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen, ist ausgegeben.

Für ein nachhaltiges Europa

Mitte Februar haben die EU-Abgeordneten den Plänen zu einem Aktionsplan der EU-Kommission zugestimmt, die Staatengemeinschaft nachhaltiger auszurichten. Darin fordern sie die Mitgliedstaaten unter anderem auf, die Kreislaufwirtschaft in ihre jeweiligen Corona-Aufbaupläne mit einzubeziehen.

Konkret wollen die Abgeordneten etwa verbindliche Ziele sehen, um den Materialverbrauch bis 2030 entscheidend zu senken. Innerhalb der nächsten 30 Jahre soll zudem der Übergang von einer linearen zu einer vollständigen Kreislaufwirtschaft geschafft werden. Dabei sollen Abfälle auf ein Minimum reduziert und weniger Primärressourcen genutzt werden.

Neben dem Abfallmanagement wollen die EU-Abgeordneten vor allem auch den Designprozess in den Blick nehmen, damit kaputte Einzelteile einfacher ausgetauscht werden können und Produkte gar nicht erst zu Wegwerfobjekten werden. dpa

Für die Umsetzung des europäischen Grünen Deals sind in Brüssel zwei Niederländer verantwortlich: Vize-Kommissionspräsident Frans Timmermans und sein Klimavordenker Diederik Samsom. Der Mann war einst nicht nur Partei- und Fraktionschef der Sozialdemokraten in den Niederlanden, sondern auch Greenpeace-Aktivist.

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Im 17. Jahrhundert haben sie in Amsterdam die Aktiengesellschaft erfunden – und damit eine neue Spielart des Kapitalismus. Nun sind die Niederlande wieder Vorreiter in Europa und haben Corona als Chance für die Donut-Ökonomie ausgemacht. „Es ist eine strukturelle Veränderung“, sagt van Doorninck. Ihre Überzeugung lautet: der Neustart „ist gerade jetzt in der Krise einfacher“.