Der Zyklon Amphan: In den Küstenregionen Indiens und Bangladeschs mussten mehr als 2,6 Millionen Menschen fliehen.
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Der Zyklon Amphan: In den Küstenregionen Indiens und Bangladeschs mussten mehr als 2,6 Millionen Menschen fliehen.

Zyklon Amphan

Der Zyklon und der Klimawandel

  • vonAnnika Keilen
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Ob die Erderhitzung zu mehr Wirbelstürmen führt, ist umstritten. Es spricht aber viel dafür, dass sie heftiger ausfallen

Es sind gleich zwei akute Krisen, mit denen Küstenbewohner in Indien und Bangladesch derzeit zu kämpfen haben: erst die Corona-Krise und nun noch ein Zyklon. Millionen Menschen in den beiden noch im Lockdown befindlichen Staaten mussten in der vergangenen Woche ihre Häuser verlassen und in Notunterkünften Zuflucht suchen.

Der Zyklon Amphan war einer der heftigsten seit Jahrzehnten. Der indischen Wetterbehörde zufolge fegte er mit Geschwindigkeiten von bis zu 185 Stundenkilometern über das Land. Zyklone sind tropische Wirbelstürme, wie auch Hurrikane und Taifune. Das Gebiet, wo sie auftauchen, bestimmt den Namen. Doch hängen solche Wirbelstürme mit dem Klimawandel zusammen?

Ein Zyklon entsteht, wenn das Meer über die Sommermonate aufgeheizt wird und Meerwasser verdunstet. Die aufsteigende Luft kühlt sich in der Höhe wieder ab und kondensiert. Aus den kleinen Wassertropfen entstehen Wolken, unter denen weiterhin feuchte Luft aufsteigt. Weil die Erde sich dreht, wirkt der sogenannte Coriolis-Effekt und die nachströmende Warmluft beginnt sich wie in einer Spirale zu drehen. Dabei entsteht ein riesiger Wirbel.

Zyklone beziehen ihre Energie also aus dem Oberflächenwasser. Zumindest in der Theorie könnten Zyklone folglich stärker werden, wenn die Wasseroberflächentemperatur ansteigt. Auch im Golf von Bengalen beobachteten Forscher in diesem Jahr extreme Rekordtemperaturen.

Einige der Messbojen im Golf von Bengalen registrierten in den ersten beiden Maiwochen nacheinander maximale Oberflächentemperaturen von 32 bis 34 Grad Celsius. „Das sind Rekordtemperaturen, die durch den Klimawandel bedingt sind – so hohe Werte haben wir bisher noch nie gesehen“, sagte Klimawissenschaftler Roxy Mathew Koll vom Indischen Institut für Tropenmeteorologie, ein Hauptautor des Sonderberichts zu den Ozeanen, den der Weltklimarat IPCC vorgelegt hat.

Zyklone können erst bei Wassertemperaturen von mindestens 26 Grad entstehen. Dass der Klimawandel fortschreitet, lässt sich sehr gut an den Temperaturen der Weltmeere verfolgen. Die Oberflächentemperatur des Wassers ist in allen drei großen Ozeanen in den letzten 10 bis 20 Jahren deutlich angestiegen. Ob das jedoch auch bedeutet, dass starke Stürme häufiger werden, ist unter Wissenschaftlern stark umstritten.

„Im vergangenen Jahr wurden mehrere neue Rekorde für Wirbelstürme im Indischen Ozean aufgestellt. War dies ein Ausreißerjahr oder ein Jahr, das auf zukünftige Trends hindeutet? Das können wir noch nicht wissen“, stellte Klimaforscher Simon Wang von der Utah State University klar. „Aber wir wissen, dass sich der Indische Ozean erwärmt, und wir wissen, dass warmes Ozeanwasser die erste und vielleicht die wichtigste Zutat für die Entstehung tropischer Wirbelstürme ist.“ Auch im vergangenen Jahr beobachtete der Wissenschaftler eine verstärkte Intensität von Wirbelstürmen.

Wangs Einschätzung teilt der Meteorologe Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst. „Zur Häufigkeit von Wirbelstürmen gibt es noch keine gesicherten Ergebnisse“, sagte Friedrich gegenüber der Frankfurter Rundschau. „Allerdings zeigen die Simulationen: Wenn Wirbelstürme auftreten, dann nehmen sie möglicherweise an Heftigkeit zu.“

Auch der IPPC-Bericht geht von einer steigenden Intensität von Wirbelstürmen durch den Klimawandel aus – eine Erkenntnis, die auf der Gesamtbewertung vieler Stürme über Jahrzehnte hinweg beruht. Einen einzelnen Sturm wie Amphan auf den Klimawandel zurückzuführen, wie es bei Hitzewellen bereits gelungen ist, sei jedoch nahezu unmöglich, betont Klimaforscher Amato Evan von der Scripps Institution of Oceanography in San Diego.

Das liege an der sogenannten natürlichen Variabilität, erläuterte Evan im Gespräch mit der FR. „Ohne globale Erwärmung durchläuft die Atmosphäre natürliche Perioden von Dürren, Hitzewellen, Überschwemmungen, intensiven tropischen Wirbelstürmen und so weiter. Als Wissenschaftler müssen wir versuchen, bei dem, was wir beobachten, die Komponente, die auf die natürliche Variabilität zurückzuführen ist, und die Komponente, die auf die globale Erwärmung zurückzuführen ist, voneinander zu trennen.“ Die Klimamodelle und Statistiken könnten nicht jeden relevanten Prozess abbilden.

Auch Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst sagte: „Dass da jetzt ein Wirbelsturm auftritt, hat nichts mit der Klimaerwärmung zu tun. Aber dass er sich jetzt so stark zeigt, kann schon mit der stattfindenden Klimaerwärmung zusammenhängen.“ Die Prognosen, die auf heftigere Stürme hindeuten, seien ein Szenario auf der Grundlage von Klimasimulationen. „Aber ob das dann auch so eintritt, das wird erst die Zukunft zeigen.

Klimawandel: Eine Erderwärmung um vier Grad würde viele Megastädte absaufen lassen. London wäre schon vorher betroffen.

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