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Johannes Fried nutzt Erkenntnisse aus Psychologie und Hirnforschung für seine Arbeit mit historischen Quellen.
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Johannes Fried nutzt Erkenntnisse aus Psychologie und Hirnforschung für seine Arbeit mit historischen Quellen.

Gedächtnis

Vom Zweifel zur Erkenntnis

  • Franziska Schubert
    VonFranziska Schubert
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Der Mittelalter-Experte Johannes Fried erforscht die Fehlleistungen des menschlichen Gedächtnisses.

Wie in jedem Büro eines Gelehrten finden sich auch bei dem Frankfurter Mediävisten Johannes Fried jede Menge Bücher – aber auch ein Kuscheltier. Ein brauner Affe hockt da im Regal. „Den haben mir meine Mitarbeiter geschenkt, da ich mich so für die Evolution interessiere“, sagt Fried schmunzelnd. Und was hängt denn da an der Garderobe? Ein Hampelmann aus Pappe mit einer Schnur daran – eine augenzwinkernde Hommage an den berühmten Begründer der Psychoanalyse. „Den habe ich geschenkt bekommen, als mir der Sigmund-Freud-Preis verliehen worden ist.“

Mal sehen, was sich seine Kollegen nun einfallen lassen: Schließlich ist Johannes Fried kürzlich in Braunschweig mit der traditionsreichen Gauß-Medaille für seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiet der Gedächtnisforschung ausgezeichnet worden. Auf große Anerkennung stößt seine Forschung vor allem bei Neurowissenschaftlern und Psychologen.

Obwohl Fried als einer der international renommiertesten Mittelalter-Experten gilt, ist er jedoch nicht bei allen seinen Historiker-Kollegen beliebt. Denn Fried hat es gewagt, an den Grundpfeilern seiner Zunft zu rütteln, indem er belegte, dass das menschliche Gedächtnis Ereignisse oft fehlerhaft abspeichert. Diese Erkenntnis habe aber zwangsläufig auch gravierende Auswirkungen auf unsere bislang allgemein anerkannte Geschichtsschreibung: Fried hat an mehreren prominenten Fällen beispielhaft nachweisen können, dass Zeitzeugenberichte auf fehlerhaften Erinnerungen beruhen.

Fried weist den Vorwurf zurück, dass er den Historikern ihre Quellen raube. „Im Gegenteil, ich verdoppele sie“, argumentiert er. Statt die Quellen nur positivistisch als gegebene Fakten auszulegen, unterscheidet Fried zwischen dem, was wirklich geschehen ist und dem, woran sich die Menschen erinnern.

Wenn man bedenkt, „dass 40 Prozent unserer biografischen Erinnerungen nicht stimmen“, wie Fried betont, gibt das unserem Verstand doch zu grübeln, wie verlässlich das Gedächtnis tatsächlich ist. „Selbst die besten Hirnforscher haben noch nicht herausfinden können, wie genau das menschliche Gedächtnis funktioniert und warum es sich so verhält.“

Johannes Fried, der in Heidelberg in den 1960er Jahren Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaften studierte, weiß, wovon er spricht: Zehn Jahre lang befasste er sich intensiv mit neurobiologischen und psychologischen Fragen, bevor er 2004 seinen erinnerungskritischen Ansatz schließlich im Buch „Der Schleier der Erinnerung“ darlegte.

Was Fried als Wissenschaftler auszeichnet, ist aber noch eine andere Fähigkeit: seine Imaginationskraft. „Die Vergangenheit, was vor 1000 Jahren geschah, ist unwiederbringlich weg“, argumentiert dieser. „Wir Historiker müssen daher die Hinterlassenschaften aus dieser vergangenen Zeit souverän nach unseren Vorstellungen ordnen.“ Es gehe ihm darum, „Leben in die Akten reinzubringen“, sich vorzustellen, welche Umstände und menschlichen Schicksale zu einem bestimmten Ereignis führen konnten.

Diese imaginative Gabe nutzte Fried unter anderem für seine viel beachtete Biografie zu „Karl dem Großen“, die rechtzeitig zu dessen 1200. Todestag erschien. Es ist ein Balanceakt, der zuweilen auch kriminalistisches Gespür erfordert – wobei Fried immer von den harten historischen Fakten ausgeht, sofern vorhanden. Im Fall von Karl dem Großen, dessen Wirken er jahrzehntelang erforschte, sei beispielsweise noch nicht mal bekannt, wo genau sich dessen Grab im Aachener Dom befinde. „Denn bevor die Wikinger die Kirche plünderten, wurde der Leichnam in Sicherheit gebracht.“

Es ist schon erstaunlich, wie gut Frieds eigenes Gedächtnis funktioniert: Ohne Zögern hat er die Fakten parat und verknüpft sie spielerisch zu komplexen Gedankengängen. Natürlich gebe es auch Menschen mit gut geschultem Gedächtnis, räumt der 73-Jährige ein. „Manche können sogar den Talmud oder die Veden samt Kommentar auswendig vortragen. Aber auch wenn wir Menschen Milliarden von Neuronen besitzen, ist unser Gehirn zu klein, um all die Sinneseindrücke abzuspeichern, die permanent auf uns einprasseln.“

Ein wichtiger Bezugspunkt für Frieds Forschungen ist Darwins Evolutionstheorie. So erkläre sich etwa das zeitlich schlecht ausgeprägte Erinnerungsvermögen der Menschen damit, „dass unsere Vorfahren in der afrikanischen Savanne wissen mussten, dass ein Löwe gefährlich ist. Keine Rolle spielte für sie aber, wann sie dem Löwen zuletzt begegnet waren.“

Überhaupt sei das Interesse der Menschen an der Vergangenheit erst recht spät erwacht. In der Antike, im 6. und 5. Jahrhundert vor Christus finden sich die ersten Belege dafür: So gilt der Grieche Herodot als Vater der Geschichtsschreibung. „Erstmalig wurde damals die Vergangenheit um ihrer selbst willen niedergeschrieben“, sagt Fried.

Grundsätzlich müsse man sich klarmachen, dass gerade in mündlichen Gesellschaften wie dem Mittelalter die Vergangenheit nicht unbedingt so überliefert wurde, wie sie sich zugetragen hatte. „Die Berichte dienten vor allem dazu, die Gegenwart zu legitimieren.“ Die Augen geöffnet für das Thema der mündlichen Überlieferung im Mittelalter habe ihm Hanna Vollrath, seine frühere Kollegin in Köln, mit ihrer Antrittsvorlesung.

„Im Mittelalter wurden Verträge in der Regel mündlich geschlossen vor Zeugen“, sagt Fried. Im 9. Jahrhundert nach Christus musste beispielsweise die Königin, der Untreue vorgeworfen wurde, „72 Zeugen beschwören lassen, das dem nicht so war“.

Mit der für Fried so typischen Ironie schildert dieser den Anfang seiner wissenschaftlicher Karriere als Mittelalter-Experte. Während seines Studiums hatte er sich zweimal intensiv in den Semesterferien für Aufnahmeklausuren vorbereitet, die zu seiner Zeit für Studierende verpflichtend waren, um an einem Hauptseminar teilnehmen zu können. Doch als es so weit war, habe er die Seminare dann doch aus verschiedenen Gründen nicht besucht. Als es beim dritten Anlauf endlich klappte, hatte er gegenüber seinen Kommilitonen einen gehörigen Wissenvorsprung. Hätte er schon damals so gewagte Methoden ausprobiert, „wäre aus meiner Karriere nix geworden“, ist sich Fried sicher. „Man hätte mich für einen Spinner gehalten.“

Frieds genialer Schachzug ist, dass er in seinem Werk „Der Schleier der Erinnerung“ nicht nur Erinnerungskritik übt, sondern eine Methodik entwickelt hat, um den Zweifel an dem Wahrheitsgehalt der Überlieferung in eine Quelle der Erkenntnis umzumünzen. Insgesamt klassifizierte Fried 20 typische Faktoren, die zu Fehlleistungen beim Abspeichern von Erinnerungen führen.

„Unsere Chance als Wissenschaftler ist, dass wir dadurch auch aus schon bekannten Fakten neue Dinge erkennen können.“ Anhand vier exemplarischer und historisch gut dokumentierter Fälle arbeitete er darin 20 Faktoren auf, die dazu führen, dass die menschliche Erinnerung fehlerhaft ist. „Erleben wir mehrmals dieselbe Situation hintereinander, überlagern sich die Erinnerungen“, erläutert Fried. „Die Ereignisse überlappen sich in der Erinnerung, so dass wir am Ende die beiden Geschehen nicht mehr auseinanderhalten können.“

Fried führt das an einem Beispiel aus: Der Physiker Werner Heisenberg, der im nationalsozialistischen Deutschland an der Entwicklung einer Atombombe mitarbeitete, schilderte in einem Briefwechsel seinen Besuch 1941 bei seinem Freund Niels Bohr in Kopenhagen, den er über die deutschen Pläne unterrichten wollte. „Ich konnte mit Hilfe meiner Methode nachweisen, dass Heisenberg dort nicht nur einmal Bohr traf, sondern mehrmals“, betont Fried.

Fried, der fast sein ganzes Leben in Heidelberg verbrachte, bedauert es, dass er in den 26 Jahren, die er als Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Goethe-Universität tätig war, niemals ganz in Frankfurt angekommen sei. Nach seiner Emeritierung im Jahr 2009 pendelt Fried dennoch wöchentlich zu seiner Studierstube an der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. Bleibt zu hoffen, dass seine Forschungsleistungen dennoch nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Denn auch Pioniere wie Fried brauchen Unterstützer in der Wissenschaftsgemeinde, lokal und international.

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