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Beim Halten von Ratten sei Vorsicht geboten, warnt der Erstautor der Studie.

Zoonosen

Zuchtratte überträgt ein gefährliches Hantavirus

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Eine Forschungsgruppe der Berliner Charité weist Ansteckung erstmals in Deutschland nach.

Wie das Coronavirus gehört auch das Hantavirus zu jenen Erregern, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden können. In diesem Fall sind es Nager, die das Virus über die Speziesgrenzen hinweg weitergeben. Von Deutschland waren bisher vor allem Hanta-Infektionen bekannt, die auf Mäuse, insbesondere Rötelmäuse, zurückgehen. Eine Forschungsgruppe der Charité Universitätsmedizin Berlin und des Friedrich-Löffler-Instituts in Greifswald hat nun erstmals in Deutschland die Übertragung des gefährlichen Seoulvirus – einer bestimmten Art des Hantavirus - von einem Tier auf den Menschen nachgewiesen.

Es handelt sich dabei um eine junge Frau aus Niedersachsen, die sich bei einer Ratte, die sie als Haustier hält, angesteckt hat. Das könnte Auswirkungen auf den Umgang mit Wild- und Heimratten haben, erklären die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer Mitteilung der Charité. Ihre Erkenntnisse haben sie im Fachmagazin „Emerging Infectious Diseases“ veröffentlicht.

Hantaviren kommen überall auf der Welt vor und lösen unterschiedlich schwere Erkrankungen aus, die wegen des Übertragungsweges vom Tier auf den Menschen zu den Zoonosen zählen. Menschen können sich nur auf diese Weise und nicht bei einem infizierten anderen Menschen anstecken. Je nach Region gibt es verschiedene Arten von Hantaviren. In Mitteleuropa sind vor allem die Puumala- und Dobrava-Belgrad-Viren verbreitet. Sie werden meist von Mäusen übertragen und führen häufig zu fiebrigen Infekten mit grippeähnlichen Beschwerden. In einigen Fällen können sie aber auch ein schweres Hantavirus-Syndrom mit hohem Fieber, Blutdruckabfall, Einblutungen im Auge, Erbrechen und Nierenversagen auslösen.

Das jetzt bei der jungen Patientin entdeckte Seoulvirus kommt hauptsächlich in Asien vor. 2017 wurden erste Fälle aus den USA und Kanada berichtet. Eine Infektion führt häufiger als bei den europäischen Hantaviren zu schweren Verläufen. Bislang können nur die Symptome behandelt werden, eine gezielte antivirale Therapie gegen diesen Erreger steht nicht zur Verfügung. Auch eine Schutzimpfung gibt es nicht.

Die tierischen Wirte sind bei dieser gefährlicheren Variante des Hantavirus ausschließlich Ratten. Als natürliche Wirte gelten laut Weltgesundheitsorganisation WHO die schwarze Ratte oder auch Hausratte und die Wanderratte. Wie es in der Mitteilung der Charité heißt, sei das Seoulvirus „hochvirulent“, man kann sich also leicht damit anstecken. Es sind bereits mehrere Fälle von Übertragungen außerhalb Asiens dokumentiert worden, vor dem aktuellen Fall allerdings noch nicht in Deutschland.

Die junge Frau, bei der das Seoulvirus nachgewiesen wurde, hält sich Zuchtratten als Haustiere. „Dieses Virus kommt ursprünglich aus Asien und ist wahrscheinlich durch infizierte Wildratten auf Schiffen nach Europa gelangt, konnte in Deutschland bisher aber noch nicht beobachtet werden“, sagt Jörg Hofmann, Leiter des Nationalen Konsiliarlabors für Hantaviren am Institut für Virologie der Charité und Erstautor der Studie.

Auch die infizierte Zuchtratte der Patientin sei vermutlich aus einem anderen Land nach Deutschland importiert worden. Die Frau ist durch den Kontakt schwer erkrankt, sie musste laut Charité mehrere Tage lang intensivmedizinisch versorgt werden, nachdem sie Symptome eines akuten Nierenversagens gezeigt hatte. Serologische Untersuchungen im Labor hätten „schnell den Verdacht einer Hantaviurs-Infektion“ bestätigt, mit einer molekularen Spezialdiagnostik fanden die Forscherinnen und Forscher dann auch heraus, mit welchem Virustyp genau sie es zu tun hatten. Das bei der Patientin identifizierte Seoulvirus fand sich auch in ihrer Ratte; für das Team die Bestätigung, dass sich die junge Frau bei ihrem Haustier angesteckt hatte. „Bislang dachte man nur bei Mäusekontakt an Hantavirus-Infektionen“, sagt Virologe Hofmann. Jetzt müsse man die Möglichkeit einer Infektion auch bei Kontakt zu Wild- oder Heimratten in Betracht ziehen.

„Der Nachweis in einer Heimratte bedeutet außerdem, dass über den Verkauf dieser Tiere das Virus praktisch überall hin exportiert werden kann.“ Deshalb sei Vorsicht „bei der Rattenhaltung geboten“.

Anstecken kann man sich relativ leicht, ein direkter körperlicher Kontakt mit einem infizierten Tier ist nicht nötig. Hantaviren finden sich im Kot, Urin und Speichel der Nager, auch noch tagelang, wenn die Ausscheidungen und Körperflüssigkeiten bereits getrocknet sind. Oft werden Hantaviren eingeatmet, zum Beispiel bei der Arbeit im Garten, in der Forst- oder der Landwirtschaft oder beim Zusammenkehren von kontaminiertem Staub in einem Schuppen, Stall oder einer Garage. Die Erreger können aber auch über kleine Verletzungen in der Haut in den Körper gelangen und unter Umständen über Lebensmittel, an denen unbemerkt eine Maus oder Ratte geschnuppert oder geknabbert hat.

Infektionen mit einem Hantavirus sind in Deutschland meldepflichtig.

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