Anita Lasker-Wallfisch bei der Auszeichnung mit dem Nationalpreis im Herbst 2019. epd
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Anita Lasker-Wallfisch bei der Auszeichnung mit dem Nationalpreis im Herbst 2019. 

Holocaust

Zeitzeugen-Dialog per Video

Digitale Erinnerung an den Holocaust: Aktuell läuft im Berliner Technikmuseum eine spannende Testphase mit Schülern.

Nichts kann jüngeren Generationen den Holocaust besser begreiflich machen als Menschen, die ihn erlebt haben. Zeitzeugen – wie die Cellistin und Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch – gibt es jedoch immer weniger. Eine neue Technik soll nun einen Dialog ermöglichen, selbst wenn die Zeitzeugen nicht (mehr) da sind.

Die Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch hat bereits vielen Schülern Fragen zum Holocaust beantwortet. Sie kann diese Antworten nun auch geben, ohne selbst anwesend zu sein. Das Deutsche Technikmuseum in Berlin hat in Zusammenarbeit mit der „USC Shoah Foundation“ (ein Teil der University of Southern California) des Regisseurs Steven Spielberg das erste deutsche Zeitzeugnis vorgestellt, das es mittels bereits aufgezeichneter Videoaufnahmen ermöglicht, Antworten von Holocaust-Überlebenden zu bekommen.

In einem Londoner Green-Screen-Studio hat die 94-jährige Lasker-Wallfisch dafür zuvor etwa 1000 Fragen beantwortet und wurde dabei von Spezialkameras gefilmt. Im Museum kann man „ihr“ nun ebenfalls Fragen stellen. Die Antworten stammen aus dem Pool der Aufzeichnungen und werden von der Videoversion Lasker-Wallfischs gegeben, die in lebensgroßer Darstellung auf einem Monitor zu sehen ist.

Das Ziel: Die Auseinandersetzung mit Zeitzeugen des Holocaust auch über deren Tod hinaus zu ermöglichen. Das Projekt, das mithilfe einer Spracherkennung arbeitet, läuft im Rahmen der Biografiereihe „Dimensions in Testimony“. Finanziert wurde es von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ).

Aktuell läuft im Technikmuseum die Testphase. Möglichst viele Schüler sollen Lasker-Wallfisch bis Juni ihre Fragen stellen, um dem System eine breite Fragenvielfalt beizubringen. Karen Jungblut, Direktorin der Globalen Initiativen der „USC Shoah Foundation“, hat das Projekt federführend mit ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterin Sanna Stegmaier vorangetrieben.

Stegmaier stellte Lasker-Wallfisch Fragen, die zuvor mit Schülern aus Konstanz und Bremen erarbeitet wurden. Dies sei eine sehr persönliche Erfahrung gewesen, da Kinder oft ungehemmter seien in ihrer Art, Fragen zu stellen, und nicht jede Frage immer gut angekommen sei. Eine Woche lang nahm sich die Auschwitz-Überlebende für die Aufnahmen täglich mehrere Stunden Zeit.

Lasker-Wallfisch sagte dazu in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland aus dem Jahr 2018: „Sie setzen dich in einen Käfig mit Hunderten Kameras. Ich musste immer in derselben Position bleiben. Ich wurde alles gefragt, was irgendjemand jemals fragen könnte. Fünf Stunden lang. Ein bisschen verrückt, wirklich.“

Die Software soll nun lernen, aus den vielen einzelnen Gesprächsteilen den richtigen auszuspielen, auch wenn die passende Frage dazu anders formuliert wird als ursprünglich im Interview. Will jemand etwa wissen: „Wo sind Sie geboren?“, soll Lasker-Wallfisch die gleiche Antwort geben wie auf die Fragen: „In welcher Stadt sind Sie geboren“ oder „Wo kommst du her?“.

Jungblut erläuterte das technische Prozedere: „Sobald eine Frage gestellt wird, transkribiert die Software diese in Suchbegriffe und analysiert die passendste Antwort.“ Dazu müsse eine gute Internetverbindung vorhanden sein und das System mit möglichst vielen Frage-Varianten gefüttert werden. Die Software protokolliert daher jede gestellte Frage und die darauf ausgespielte Antwort. Überprüft wird diese Verknüpfung von geschulten Mitarbeitern der Shoah Foundation. So soll der Eindruck, tatsächlich mit der Zeitzeugin zu sprechen, immer besser werden.

Seit dem Start des Projekts vor zehn Jahren sind bereits 22 interaktive Zeitzeugnisse entstanden. Bislang waren die Gespräche unter anderem auf Englisch, Hebräisch, Russisch und Spanisch geführt worden. Das Interview mit Lasker-Wallfisch ist das erste deutschsprachige.

„Die Installation kommt zum richtigen Zeitpunkt“, sagte Joseph Hoppe, stellvertretender Direktor des Technikmuseums. „Berlin war neben München die Hauptstadt des Nationalsozialismus und Berlin muss seit einiger Zeit auch als die Hauptstadt eines neuen Antisemitismus angesprochen werden.“

Für die Testphase sei das Technikmuseum der ideale Ort, betonte Hoppe. „Wir haben hier ein Publikum, das so divers, so breit aufgestellt und zum Teil auch international ist, wie man sich das nur wünschen kann.“ Die Aufarbeitung der Vergangenheit dürfe nicht weitab des Mainstreams, sondern müsse vielmehr im öffentlichen Raum geschehen – wie dem Museum. „Und wir sind ein Mainstream, in dem sich ganz viele – auch problematische – Gedanken oder Thesen unter unseren Besuchern finden lassen“, sagte Hoppe.

Marianna Matzer von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ betonte die Besonderheit solcher interaktiven Gespräche: „Sie sollen die Zeitzeugen nicht ersetzen. Wir haben aber eine historische Verantwortung. Auch in 20 Jahren wollen wir die Erinnerung wachhalten.“ Die Kosten des Projekts bewegten sich im sechsstelligen Bereich, sagte Jungblut.

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