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Studenten im Hörsaal (Archivbild)

Modellversuch

Per Zeitraffer ins dritte Semester

An der TU München läuft als Experiment das Turbostudium für die doppelten Abiturjahrgänge. Die ersten Klausuren der 1200 Pioniere brachten beste Ergebnisse.

Von Jeannette Goddar

Am 2. Mai das Abitur, am 3. Mai in die Uni – und im August im zweiten Semester? Geht nicht? Geht doch. 1200 Studierende an der Technischen Universität München machen es vor. Während ihre Kommilitonen Ende Juli in die Semesterferien gestartet sind, brüteten sie in eigens mit Tischen und Stühlen ausgestatteten Sporthallen über ihren Klausuren. Nur ein paar Tage später, am 6. August, wechselten sie dann schon ins zweite Semester.

Das wird sie nun so lange beschäftigen, bis die anderen bayerischen Studierenden an ihre Universitäten zurückkehren. Im November beginnt für die Münchner Schnellst-Studenten dann schon das dritte Semester, im Februar, neun Monate nach ihrem Abiball, soll der halbe Bachelor bereits geschafft sein.

„Two-in-One“ heißt das Konzept, das die TU München entwickelt hat, um dem doppelten Abiturjahrgang zu begegnen, der in Bayern bereits in diesem Jahr an die Universitäten drängt. Der Name sagt dabei im Prinzip schon alles: In einem Semester absolvieren die Two-in-One-Studenten zwei samt aller dazugehörigen Prüfungen.

Gelockt werden die Studierenden mit einer Freischussregelung: Nicht bestandene Prüfungen zählen als nicht angetreten; auch Studiengebühren werden erlassen. „Two-in-one soll es besonders begabten Studenten ermöglichen, risikofrei ein ganzes Jahr zu sparen“, erklärt Christian Kredler, der das Modell entwickelt hat. Er ist Sonderbeauftragter für den Doppeljahrgang, eine Stelle, die 2008 geschaffen und in das Büro des Präsidiums der Exzellenzuniversität integriert wurde.

Der immense Erfolg des Münchner Turbostudiums verblüfft Kredler selbst. „Der Ansturm war riesig, die Ergebnisse stimmen auch“, erklärt er. Von 2?700 Studierenden seien rund 1200 genommen worden; studiert werden können acht Fächer, darunter Mathematik und Physik.

Als er in der ersten Augustwoche einen Blick auf die Ergebnisse der Pflichtprüfung Analysis 1 warf, stellte er fest: Drei von vier haben bestanden; das sind ebenso viele wie im herkömmlichen Studium. „Erstaunliche Leistungen“, attestiert Kredler den Studierenden, die er vor allem in zwei Gruppen aufteilt: in solche, die Wunderkindern schon sehr nahe kommen, und besonders Ehrgeizige.

Rufat Badalov dürfte wohl zu der ersten Gruppe gehören. Im Mathe- und Physik-Leistungskurs an der Schule, erzählt er, habe er kaum lernen müssen; folglich sei auch das Abitur nicht besonders anstrengend gewesen. Nun, am Ende eines Semesters mit elf 90-minütigen Veranstaltungen und drei Tutorien pro Woche hält er seine erste bestandene Klausur in der Hand, Note: 1,0.

Am superschnellen Studium gereizt hat den 19-Jährigen, der in der Nähe von Würzburg aufwuchs, vor allem eine ebenso profane wie realistische Erwägung: „Die Wohnungssuche in München ist die Hölle. Und weil ich nicht mit all den anderen jeden Tag beim Studentenwerk um einen Platz im Wohnheim betteln wollte, dachte ich: Ich sehe einfach zu, dass ich vor den anderen da bin.“ Ein Plan, der aufging. Für 150 Euro im Monat ergatterte Rufat Badalov in der vielleicht teuersten Studierstadt Deutschlands ein Privatzimmer, vermittelt vom Studentenwerk. „Das hilft schon sehr“, kommentiert er. Schließlich ist er in einer Lage, in der er kaum auch noch neben dem Studium arbeiten kann.

Vorläufige Zeugnisse verteilt

Um den Studienbeginn im Sommersemester zu ermöglichen, zog auch die Regierung des Freistaats mit. In ganz Bayern wurde das Abitur für die G9-Abiturienten vorgezogen und ihnen ermöglicht, sich bereits mit einem vorläufigen Zeugnis an den Hochschulen des Landes zu bewerben. Bayernweit nahmen im Mai 13?500 Studenten das Studium auf – rund dreimal so viele wie sonst zum Sommer; in rund 300 eigens für sie eingerichteten Studiengängen landesweit.

Einen vorbildlichen Umgang mit dem erwarteten Studentenansturm attestiert den Bayern auch das Bertelsmann Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh. „Als Landesregierung eine zusätzliche Milliarde Euro in die Hand zu nehmen, ist beachtlich“, sagt CHE-Geschäftsführer Christian Berthold, „und es zeigt, dass die Lage richtig eingeschätzt wird. Das ist längst nicht überall so.“ 38.000 zusätzliche Studienplätze will Bayern mit der Milliardeninvestition bis 2013 eingerichtet haben.

Einen ersten Hinweis, ob das ausreicht, wird sich im Wintersemester zeigen, wenn bis zu 70.000 Studienanfänger erwartet werden. Damit diese untergebracht werden können, wird in dem Bundesland allerorten gebaut: Auf dem Forschungsgelände der TU-München in Garching entsteht ein Hörsaal in Holzbauweise nach dem anderen – wie weit die Bauarbeiter sind, können die Studierenden sich sogar auf einer Webcam im Internet anschauen.
In Würzburg wurde auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne ein Hörsaalgebäude mit mehr als 1000 Plätzen und Seminarräume für ebenso viele errichtet. Auch in Bamberg, Augsburg, Ingolstadt und anderswo wird noch gebaut.

Wie weit der Hochschulausbau wo gediehen ist, hält das CHE in einem jüngst vorgestellten Report fest. Insgesamt prognostizieren Berthold und seine Kollegen darin der Republik bis 2015 eine halbe Million zusätzliche Studienanfänger – das wären 200.000 mehr als von Bund und Ländern bisher geschätzt wurden. Konservativ gerechnet, so schätzt Berthold, werde die Zahl der Studierenden frühestens 2025 wieder das Niveau von 2005 erreichen. „Es machen nicht nur immer mehr Abitur, es streben auch immer mehr einen akademischen Abschluss an.“

Mehr Personal gefordert

Grund genug also, an den Hochschulen und Universitäten für die dauerhafte Betreuung von Studierenden auch dauerhaftes Personal einzustellen. Genau das, macht der Bericht Land für Land klar, ist nicht der Fall. Allein von 2007 bis 2010 hat sich die Zahl der Studenten, die jeder Professor in Deutschland im Schnitt betreut, von 51 auf 53,5 erhöht.

Das Verhältnis von Studierenden zu Lehrenden hingegen ist in allen Ländern besser geworden. Die günstige Betreuungsquote, heißt es im CHE-Bericht, sei vor allem der Einstellung von wissenschaftlichen Mitarbeitern und nebenberuflich Beschäftigten zu verdanken.

So sei die Zahl der Hilfskräfte mit Zeitverträgen zwischen 2007 und 2010 um rund 50 Prozent auf rund 28.000 angestiegen. Deutschlandweit wird fast jede fünfte Veranstaltung von Mitgliedern des Mittelbaus angeboten, an vielen Universitäten weit mehr.

„Dem wissenschaftlichen Nachwuchs mangelt es massiv an Zukunftsperspektiven,“ bemängelt Christof Mauersberger, Betreiber einer Website zur Vernetzung des Mittelbaus unter dem Motto „Prekär oder Platzhirsch?“ (www.fu-mittelbau.de). In den Präsidien, moniert der Politikwissenschaftler der Freien Universität Berlin, sei diese Erkenntnis allerdings bis heute noch gar nicht angekommen.

Einen Beweis dafür sieht Mauersberger an seinem eigenen Institut, dem einst durch seine kritischen Politikwissenschaftler bundesweit bekannten Otto-Suhr-Institut. So geht aus der Antwort des Akademischen Senats auf eine Anfrage der Mittelbau-Vertreter hervor, dass jede vierte Lehrveranstaltung von Lehrbeauftragten angeboten wird – von denen jeder zweite nicht einmal dafür bezahlt wird. Diese seien längst nicht mehr etablierte Berufstätige, so Mauersberger, die als Praktiker ein bisschen frischen Wind in den Unibetrieb bringen. „Immer häufiger sind das Wissenschaftler, die sich von einem Vertrag zum anderen hangeln, um so wenigstens einen Fuß in der Tür zu halten,“ erzählt der Berliner.

Professoren würden am OSI auf der anderen Seite nur noch jede vierte Lehrveranstaltung anbieten – in jenem Bundesland, das laut CHE im Vergleich zu den Studierendenzahlen im Rahmen des Hochschulpakts mehr neue Lebenszeit-Professuren geschaffen hat als jedes andere.

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