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Alexandra Schneider in einem Atelier des Instituts. Das von ihr gemalte Ölbild im Hintergrund ist auch im Original unscharf

Kunstpädagogik

Hessen: An Schulen fehlt es an Kunstlehrern

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Das Lehramtsstudium ist anspruchsvoll und ungemein kreativ, wie ein Besuch am Institut für Kunstpädagogik in Frankfurt zeigt.

Alexandra Schneider, die am Frankfurter Institut für Kunstpädagogik studiert, hat gerade ihre erste eigene Einzelausstellung organisiert. Das Thema ihrer großformatigen Ölgemälde ist Unschärfe, doch die Umsetzung ihrer Arbeiten ist aufwendig: Es kann schon mal mehrere Monate dauern, bis ein Bild fertig ist. Alexandra Schneider spielt dabei mit den Erwartungen des Betrachters: Unscharfe Objekte oder Körperteile nehmen vermeintlich eine Gestalt an und entziehen sich gleich wieder dem Versuch einer klaren Einordnung. Es fasziniert die Kunststudentin, sich mit diesem Changieren auseinanderzusetzen.

Für das Staatsexamen beschäftigt sich die 31-jährige Lehramtsstudentin in ihrer Abschlussarbeit „Die Unschärfe als Thema der zeitgenössischen Kunst ab 1960“ auch theoretisch mit dem Thema ihrer Malerei. So stellt sie beispielsweise Bezüge zu gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Diskursen her.

Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem soziologischen Etcetera-Prinzip, das aus der Ethnomethodologie stammt und das Phänomen beschreibt, dass ein Zuhörer bei einer unvollständigen Information nicht gleich nachhakt, sondern sich auch mit fragmentarischen Inhalten begnügt – in der Erwartung, dass sich offene Fragen noch klären werden. „Unser Gehirn ergänzt oft einfach die fehlenden Elemente“, sagt Schneider. Neben der künstlerischen Arbeit hat auch die Planung, Umsetzung und Dokumentation der Ausstellung viel Zeit in Anspruch genommen.

Grundsätzlich müssen aber alle Studierenden der Kunstpädagogik – Frauen stellen am Institut die Mehrheit – deutlich mehr Creditpoints sammeln als in anderen Fächern. „Außerdem gibt es für das eigene künstlerische Werk keine Anleitung, das habe ich komplett selbst erfunden“, berichtet Schneider. „Man muss bei diesem Entwicklungsprozess auch entscheiden, wie viel man dabei von sich selbst preisgeben möchte.“ Es kommt auch vor, dass „manche Ideen zu nichts führen“.

Wer die anspruchsvolle Aufnahmeprüfung bestanden hat, dem stehen am Institut, das seit 1961 in einem altehrwürdigem Fabrikgebäude in Frankfurt-

Bockenheim beheimatet ist und das in zwei Jahren auf den Campus Westend umziehen soll, viele Optionen offen. Zunächst aber müssen Interessierte ein Mappe einreichen – genau wie an einer Kunsthochschule. „Dafür braucht man ungefähr ein halbes Jahr Vorbereitungszeit“, betont Kerstin Gottschalk, Geschäftsführende Direktorin des Instituts. Als Künstlerin arbeitet die Professorin für Malerei und Grafik raumbezogen, prozessorientiert und mit den verschiedensten Materialien wie Salzteig oder mitteldichten Faserplatten (MDF), die sie etwa wie Papier aufspannt. „Im Postminimalismus sucht sich das Material den Weg“, erläutert Gottschalk ihre Arbeitstechnik.

Die Betreuung und Begleitung durch Lehrende ist in der Kunstpädagogik deutlich intensiver als in anderen Fachbereichen – mit Fortschreiten des Studiums liegt sie in der Fachpraxis nahezu bei eins zu eins. Kunstlehrer werden an allen Schulformen dringend benötigt, insbesondere an Grund- und Sonderschulen, aber auch in der Kunsttherapie, Museumspädagogik, bei Kunstvereinen, Kunstschulen, in der Erwachsenenbildung, im Tourismus oder im Medienbereich können die Absolventen später arbeiten. Die Studierenden können selbst wählen, welcher Schwerpunkt bei der professionellen Kunstvermittlung im Vordergrund stehen soll.

In den ersten Semestern erlernen sie erst einmal die Grundlagen und wesentliche Techniken. Insgesamt fünf Professoren lehren Didaktik, Grafik, Malerei, neue Medien, Plastik und visuelle Kultur. Der kulturgeschichtliche Alltag wie etwa die Mode junger Menschen wird wiederum im Jugendkulturarchiv dokumentiert und erforscht.

Marathon in der Druckerei

Darüber hinaus organisiert Kerstin Gottschalk regelmäßig Künstlergespräche, in der modern eingerichteten Küche des Instituts kochen dann die Studierenden für die Teilnehmenden einen großen Topf Suppe. Die Direktorin sucht den Austausch und will ihr Institut auch anderen Kulturen öffnen „statt nur im europäischen und US-amerikanischen Kanon zu verharren“. Einer ihrer nächsten Gäste wird Leonhard Emmerling vom Goethe-Institut für Südasien mit Standort in Neu-Dehli sein.

Sehr aktiv ist auch die Fachschaft des Instituts, die unter anderem Geld beantragt hat, um in den Semesterferien Kurse anzubieten, damit die Studierenden beispielsweise lernen, selbst ihre Farben herzustellen. Und die angehenden Kunstpädagogen machen regelmäßig bei einem Marathon mit: 42 Stunden wird dann in den Werkstatt alles bedruckt, was sich finden lässt – Vorhänge, T-Shirts und so weiter. Am Ende heißt es dann nochmal zehn Stunden Reinemachen.

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