+
Das Schulklima hat einen großen Einfluss auf den Lernerfolg. Frank Molter/dpa

GASTBEITRAG

Woran erkennt man gute Schulen?

  • schließen

Zum Glück ist das deutsche Bildungssystem so vielfältig. Ein Gastbeitrag von Peter Struck. 

Nach einer ZDF-Umfrage fallen bundesweit sieben Prozent aller Unterrichtsstunden aus; Elternverbände sprechen gar von zehn bis 20 Prozent; in Einzelfällen finden bis zu 30 Prozent der vorgesehenen Stunden nicht statt. Manchmal wird in einer Klasse ein halbes Jahr lang kein Englisch- oder Mathematikunterricht gegeben. Auf der anderen Seite gehen nach Einschätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit in Potsdam rund 70 000 deutsche Kinder und Jugendliche nicht regelmäßig zur Schule, das sind etwa 3,5 Prozent aller Schulpflichtigen.

An guten Schulen sorgen Schulleiter und Lehrkräfte dafür, dass möglichst wenig Unterricht ausfällt, und zwar durch individuelles Engagement (Überstunden) oder durch organisatorisches Geschick, indem sowieso immer zwei Lehrkräfte in jeder Stunde im Raum sind, so dass schon mal jemand ausfallen kann und der andere immer noch da ist (wie es die Alfred-von-Graefe-Oberschule in Berlin-Kreuzberg macht) oder indem im Krankheitsfall zwei Klassen zusammengelegt werden, der Hausmeister einen Film vorführt oder indem die Stundenpläne so gebaut werden, dass immer ein paar Lehrkräfte im Lehrerzimmer zur Verfügung stehen, oder indem Eltern, Referendare oder Lehramtsstudierende einspringen.

Wenn Schulen derart unterschiedlich ihrer Lehrverpflichtung nachkommen, werden sie ebenso wie die zufällig vorhandenen guten und schlechten Lehrer, wie die zufällig gewählten Unterrichtsmethoden, wie die zufällig vorhandenen positiven und negativen Mitschüler, wie die Fachraum- und Ausstattungslage und das besondere Profil der Schule zum Schicksal für den einzelnen Schüler, der unter den jeweiligen Bedingungen scheitern, überleben, gebremst, gefördert oder mitgerissen werden kann.

Wie viel oder wenig Eltern von den Schulen halten, zeigt eine Studie des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung, nach der nur 41 Prozent angeben, dass ihr Kind gern zur Schule geht, und nach der 23 Prozent die Leistungsanforderungen für zu niedrig halten. Nun wissen wir, dass das reiche Deutschland nur rund zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für seine Schulen ausgibt. Im Moment hat Deutschland überdies mit 54,8 Jahren im Schnitt die weltweit ältesten Lehrkräfte.

Zum Glück sind aber Schulen sehr unterschiedlich, und zwar unterschiedlicher als in jedem anderen Land der Erde. Irgendwo wird immer genau das angeboten, was Eltern nachfragen; wobei in großen Städten die Chance, das Gesuchte zu finden, wesentlich größer ist als auf dem Land. Dabei muss vorausgeschickt werden, dass es eine gute Schule an sich gar nicht gibt; denn ob eine Schule gut ist, entscheidet sich am einzelnen Kind. Für einen intelligenten, drahtigen Jungen ist eventuell ein altsprachliches Gymnasium mit Latein und Altgriechisch die richtige Lösung, für ein nicht ganz so begabtes sensibles Mädchen eventuell eine Waldorfschule.

Die 16 deutschen Bundesländer haben schon mal 16 verschiedene Schulsysteme. Während 13 Bundesländer sich auf ähnliche Lehrpläne und Abschlussverfahren geeinigt haben, wollen Bayern und Baden-Württemberg aus Sorge um einen Niveauverlust dabei nicht mitmachen; Sachsen ist noch unentschieden.

In den Bundesländern gibt es staatliche und private Schulen sowie Internate, Halbtags- und Ganztagsschulen, ein Abitur sowohl nach Klasse 12 als auch nach Klasse 13. Es gibt katholische und evangelische Schulen, internationale Schulen, Deutsch-Französische Schulen, Abendgymnasien, Waldorfschulen, Montessorischulen, Freie Schulen, Schülerschulen, Freinet-Schulen, Produktionsschulen, Schulen mit einem doppelqualifizierenden Bildungsgang (Abitur plus Facharbeiterbrief) wie die Hibernia-Schule in Herne, Hochbegabtenschulen, Schwimm-, Tennis- Ski- und Fußballgymnasien, ein Reitergymnasium in Mecklenburg-Vorpommern, ein Gymnasium für Legastheniker sowie Dänische, Friesische und Sorbische Schulen und eine Deutsch-Polnische Schule.

Besonders vielfältig über Englisch und Französisch hinaus sind die Fremdsprachenangebote von Latein, Altgriechisch, Spanisch, Russisch, Chinesisch, Arabisch, Türkisch, Japanisch, Portugiesisch bis zu Italienisch. Und dann sind da noch Schulen mit Z- oder E-Klassen, in denen mehrere Fächer in englischer oder französischer Sprache unterrichtet werden sowie Schulen mit Turbo-Abi-Klassen (Schleswig-Holstein, Hessen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz). Es gibt vier- (vorherrschend) und sechsjährige Grundschulen (Berlin, Brandenburg), erweiterte Vorschulangebote (Hamburg), flexible Eingangsphasen nach dem Prinzip „Einschulung ohne Auslese“ (Sachsen-Anhalt, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Nordrhein-Westfalen), jahrgangsübergreifende Klassen (Hamburg, Nordrhein-Westfalen), Integrationklassen für das gemeinsame Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten (überall außer in Sachsen) und ansonsten eine riesige Vielfalt von Schulformen außerhalb des Gymnasiums, wie Hauptschulen (Nordrhein-Westfalen, Bayern), Realschulen (Hessen, Baden-Württemberg, Bayern), Gemeinschaftsschulen (Schleswig-Holstein, Bayern, Thüringen), Stadtteilschulen (Hamburg), Gesamtschulen (Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz), regionale Schulen (Mecklenburg-Vorpommern), Regelschulen (Thüringen), Sekundarschulen (Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt), Realschulen plus (Rheinland-Pfalz), Oberschulen (Berlin, Brandenburg, Sachsen, Niedersachsen) und erweiterte Realschulen (Saarland).

Während in Bayern das Abitur nach Klasse 13 üblich ist, wird es in den neuen Bundesländern durchweg nach Klasse 12 erreicht, in Rheinland-Pfalz aber nach zwölfeinhalb Jahren. In Hamburg macht man das Abitur an Gymnasien nach Klasse 12, in den Stadtteilschulen aber erst nach Klasse 13. In Schleswig-Holstein gibt es Gymnasien und Gemeinschaftsschulen, an denen das Abitur sowohl nach Klasse 12 als auch nach Klasse 13 erreicht werden kann. Ansonsten heißen die 5. und 6. Klassen in Hessen Förderstufe, in Niedersachsen Orientierungsstufe und in Hamburg Beobachtungsstufe.

Guckt man etwas genauer hin, gibt es an manchen Schulen ein Schulfrühstück oder einen pädagogischen Mittagstisch, „aktive Pausen“ und „psychomotorisches Extraturnen“ im Rahmen des Konzeptes „Bewegte Schule“, außerunterrichtliche Neigungskurse, ein „Lernbüro“ zu Beginn des Tages, einen verspäteten Unterrichtsbeginn um 8.15, 8.30 oder 9 Uhr, Elternstammtische, Elternsprechstunden, Tage der offenen Tür, eine institutionalisierte Schullaufbahnberatung in Klasse 4 und Hausbesuche durch Klassenlehrer.

Manche Schulen haben Snoezelen-Räume nach niederländischem Vorbild und Sinnespfade sowie Kuschelecken zur Förderung der Sinnesentwicklung, oder sie haben Streitschlichter oder Konfliktlotsen. Einige geben nur in den Klassen 1 und 2 Berichtszeugnisse, andere aber auch in den Klassen 3 oder 4 oder sogar bis zur Klasse 6 oder 8.

Eltern sind in der Regel mit diesem überreichlich differenzierten Angebot überfordert. Sie erkundigen sich deshalb bei Freunden, Nachbarn oder Bekannten, die schon ein Kind an einer angepeilten Schule haben, oder sie stellen sich vor Beginn des Unterrichtstags und nach Schulschluss vor die Schultür und sehen sich an, ob die Gesichter der Schüler und Lehrer entspannt, angespannt, glücklich oder unzufrieden sind, oder sie machen ihre Entscheidung schlichtweg nur vom Schulweg oder von der Wahl der Freunde ihres Kindes abhängig. Natürlich gibt es auch die Orientierungsabende, bei denen viele sehr genau zuhören und nachfragen. Einige Eltern misstrauen jedoch grundsätzlich dem deutschen Schulwesen, das bei internationalen Studien nie gut abschneidet. Sie bevorzugen dann englische, schottische, neuseeländische oder kanadische Schulen oder solche in der Schweiz oder in Frankreich. Gerade Eltern, die früher selbst auf einem britischen Internat oder auf einem sehr renommierten in Deutschland wie dem im Schloss Salem (Baden-Württemberg) oder in Louisenlund (Schleswig-Holstein) waren, möchten nicht selten ihrem Kind ein ähnliches Schulklima bieten, zumal wenn sie in der Lage sind, die meist sehr hohen Schulgelder aufzubringen.

Abschließend noch ein paar Anhaltspunkte für die Wahl einer Schule:

- Führt die Grundschule anderthalb Jahre vor der Einschulung einen Sprachtest mit dem Kind durch, wie er etwa in Hamburg vorgeschrieben ist?

- Der Ruf einer Schule hinkt oft bis zu 15 Jahre hinter dem Jetztzustand hinterher. So gibt es gut beleumundete Schulen, die mittlerweile schlecht sind, und umgekehrt.

- Fragen Sie, ob potenzielle Sitzenbleiber über eine Nachprüfung dennoch versetzt werden können!

- Stellen Sie fest, ob es Förderkurse für schwache Schüler gibt, ob Kinder mit Rechen- oder Lese-Rechtschreibschwäche in diesen Leistungsaspekten benotet werden oder nicht und ob die Schule Nachhilfeangebote – etwa durch ältere Schüler – organisiert.

- Fördert die Schule die Lernbereitschaft durch ein besonderes Profil – zum Beispiel mit der Projektmethode, einer Lernwerkstatt, fächerübergreifendem Unterricht, Lernbüro, Partner- und Gruppenarbeit?

- Nimmt die Schule, an Lesewettbewerben, Theaterprojekten, Schachwettkämpfen, Sportfesten und besonderen Musikereignissen teil? Hat sie Partnerschulen im Ausland, nimmt sie an nationalen oder internationalen Leistungsvergleichstudien teil?

- Dürfen die Kinder an dieser Schule auch über unbestraftes Fehlermachen, über Um- und Irrwege lernen?

- Erfasst die Schule den Unterrichtsausfall und bemüht sie sich um Abhilfe?

- Welche Rolle spielt die Lehrerfortbildung an dieser Schule?

- Wie hoch ist der Anteil der Seiteneinsteiger (Lehrkräfte ohne pädagogisches Studium) an dieser Schule?

- Darf man die Lehrer auch zuhause anrufen?

- Vor allem aber: Wie geht die Schule mit besonders leistungsstarken Schülern, solchen mit Schwächen und solchen mit einer Hochbegabung um? Welche Förderkonzepte kommen dabei zum Einsatz?

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare