Turiner Grabtuch

Wissenschaftskrimi um ein Stück Stoff

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Das Grabtuch von Turin beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten. Neu ist die Theorie, der Körper des Gekreuzigten könnte mittels eines Hohlspiegels übertragen worden sein. Von Karl-Heinz Karisch

Drei Millionen Pilger strömten im Jahr 2000 nach Turin. Dort wurde einer der wertvollsten Schätze des Christentums gezeigt: Das umstrittene Leichentuch, in dem einst Jesus Christus nach der Kreuzigung gelegen haben soll. Es hätte erst 2025 wieder gezeigt werden sollen.

Aber so lange wollte oder kann Papst Benedikt XVI. realistischerweise nicht warten. Er wird am 16. April 82 Jahre alt. Deshalb erlaubte er jetzt, dass das Grabtuch bereits im Frühjahr 2010 erneut ausgestellt werden darf. "Wenn der Herr mir Leben und Gesundheit gibt, hoffe ich, selbst dabei sein zu können", sagte er jüngst Pilgern aus der norditalienischen Stadt. Er wolle sich in dieses "geheimnisvolle Gesicht versenken, das still zu den Herzen der Menschen spreche und sie einlade, darin Gottes Antlitz zu entdecken".

Ist es möglich, dass das im Johannes-Evangelium beschriebene Leinentuch zwei Jahrtausende überdauert hat? Seit 1578 wird das geheimnisvolle Grabtuch - es ist 4,35 Meter lang und 1,1 Meter breit - in Turin aufbewahrt, inzwischen in der Basilika San Giovanni (Kathedrale des Heiligen Johannes). Und seit Jahrhunderten streiten die Gelehrten, ob es sich um eine geniale Fälschung, ein bewundernswertes Kunstwerk handelt - oder tatsächlich um ein Leichentuch aus der Zeit Christi. Die von Brand- und Wasserspuren stark beschädigte Ikone - von Reliquie mag der Vatikan nicht sprechen - wird in Seide und feuerfestes Asbest verpackt in einem Silberschrein verwahrt.

Erstmals ausgestellt wurde das Tuch 1357 in Frankreich. In die Stiftskirche von Lirey bei Troyes strömten schon bald immer mehr Gläubige. Wütend schrieb der damals zuständige Bischof Peter von Arcis an den Gegenpapst Clemens VII.: "Der Dekan von Lirey hat, von Habsucht verzehrt, ein mit Schlauheit gemaltes Grabtuch angeschafft, wobei er mit Vorsatz fälschlich erklärt und vorgibt, dies sei das wahre und echte Grabtuch unseres Heilands Jesus Christus."

Doch der Gegenpapst reagierte vorsichtig. Clemens VII. verbot zwar die Bezeichnung Reliquie, erlaubte aber die Ausstellung des Tuches. Seine Entscheidung gilt bis heute. Über Umwege gelangte das Tuch schließlich in den Besitz der Herzöge von Savoyen und damit nach Turin. Als das Tuch 1898 wieder einmal gezeigt wurde, veröffentlichte der Vatikan die alten Dokumente. Das das Tuch eine Fälschung ist, schien damit besiegelt.

Kurz vor dem Ende der Ausstellung gab es jedoch eine dramatische Wende. Der Turiner Ratsherr Secondo Pia durfte ein Foto machen. Als er beim Entwickeln die 50 mal 60 Zentimeter große Fotoplatte betrachtete, sei ihm schwindelig geworden, berichtete er später. Denn das fotografische Negativ zeigte das Positivbild eines gekreuzigten Mannes in überraschender Detailgenauigkeit.

Pia wurde der Fälschung bezichtigt, denn auf dem Originaltuch ist die Gestalt nur schemenhaft zu sehen. Erst 1931 durften erneut Fotos gemacht werden - dieses Mal zeigte sich auf dem besseren Filmmaterial noch deutlicher ein Gekreuzigter.

Seitdem haben sich Wissenschaftler immer wieder intensiv mit dem Tuch beschäftigt. Dabei stand nicht so sehr die Frage im Mittelpunkt, ob tatsächlich der gekreuzigte Jesus drin gelegen hat. Die Forscher waren vielmehr verblüfft, dass sie einen Gegenstand vor sich hatten, der völlig aus dem Rahmen der Mittelalterlichen Kunst und Technologie herausfiel. Es gibt kein vergleichbares Fundstück. Vor einem Jahr entstand dann das erste digitale höchstauflösende Foto vom Tuch.

Auch diese Aufnahme zeigt einen 1,81 Meter großen nackten Mann mit Bart und langem Haar. Die Figur zeigt Folterspuren, die erst durch die jüngere Forschung als typisch für die Zeit vor 2000 Jahren belegt werden konnten. Die Nägel zur Kreuzigung befanden sich nicht - wie in mittelalterlichen Darstellungen - in der Mitte des Handrückens, sondern waren, wie in römischer Zeit üblich, durch die Handgelenke getrieben. Der Mann trug auch keinen Dornenkranz, sondern eine aus Dornen geformte Haube.

Auch die 120 Hiebe der Geißelung mit einem von den Römern benutzten, sogenannten Flagrum sind zu sehen. Das war eine Peitsche mit mehreren Lederschnüren, an denen Bleikugeln oder Widerhaken befestigt waren.

Doch wie kam das Bild auf das Tuch? Darüber gibt es die abenteuerlichsten Vermutungen. Da Malerei ausgeschlossen wird, haben sich zwei Hauptdeutungen herausgeschält. Zum einen könnte das Bild als Kontaktabdruck von einem Gekreuzigten entstanden sein. Dabei wäre es aber zu Verzerrungen gekommen.

Das Bild auf dem Turiner Tuch wirkt jedoch, als sei es mittels fotografischer Techniken erzeugt worden. Diese These wird von dem Kunsthistoriker Nicholas P. L. Allen vertreten, der darin die älteste Fotografie der Welt sieht. Er erzeugte mit einer einfachen Linse und mit Höllenstein (Silbernitrat) getränkten Tüchern - nach mehrtägiger Belichtung in einer Box ähnlich der Camera obscura - Bilder von Statuen, die dem Turiner Tuch ähneln. Beide Techniken gab es bereits im Mittelalter. Hochwertige Linsen aus Quarz sind aus dem 11. Jahrhundert bekannt (Visby-Linsen). Allerdings dürften sie nicht ausgereicht haben, um ein Tuch von 4,36 Metern Länge zu belichten - nicht einmal abschnittsweise.

Für dieses Problem hat jetzt der Nürnberger Optikexperte Anatoliy Podolskiy eine verblüffend einfache Lösung beschrieben. Er benutzte einen Hohlspiegel (konkaver sphärischer Spiegel), der ungleich lichtstärkere Projektionen ermöglicht. Damit gelangen auch ihm Belichtungen von mit Silberjodid getränkten Leinentüchern. "Wenn man den Stoff in Regenwasser kocht, löst sich das Silbernitrat auf und die Abbildung wird sichtbar fixiert", berichtet er der Frankfurter Rundschau. Sein Porträt eines Gipskopfes auf Leinen zeigt, dass das Verfahren funktioniert. Es erzeugt ein bräunlich gefärbtes Negativbild auf dem Stoff.

Solche Hohlspiegel aus Silber gab es bereits im Altertum. So soll Archimedes 213/212 v. Ch. mit Hohlspiegeln die Strahlen der Sonne gebündelt und die römische Flotte bei einem Angriff auf Syrakus in Brand gesetzt haben. Silbernitrat entsteht aus Silber und Salpetersäure. Es konnte aber wohl erst um 900 herum hergestellt werden. Allerdings sind auch andere Stoffe lichtempfindlich.

Bis heute umstritten ist das Alter des Tuches. Das hängt vor allem mit einem Brand im Jahr 1532 zusammen, bei dem das Tuch erheblich beschädigt von Nonnen gerettet wurde. Dadurch kamen große Mengen Ruß auf den Stoff, zudem webten die Nonnen anschließend neue Fasern ein, um das Tuch zu stabilisieren, flickten es und nähten es zur Befestigung auf einen "Holland-Gewebe" genannten Stoff.

Mittels der Radiokarbon-Methode bestimmtem 1988 drei Forschergruppen aus Zürich, Oxford und Arizona das Alter des Tuchs auf die Zeit zwischen 1260 und 1390 (Nature, Bd. 337). Das stimmt mit den ersten Erwähnungen im 14. Jahrhundert überein. Doch die Bestimmung wird angezweifelt. Man habe an der falschen Stelle Proben genommen, die mit neuerem Material kontaminiert worden seien, heißt es.

Hauptkritiker ist der US-Chemiker Raymond N. Rogers von der Universität von Kalifornien. Er bestimmte den Vanillin-Anteil verschiedener Proben. Je älter Leinenfasern sind, umso geringer ist der Gehalt. Und er kam zu überraschenden Ergebnissen. Sowohl das Holland-Gewebe als auch die 1988 verwendeten Proben enthielten Vanillin; eine Probe des Originaltuchs jedoch nicht (Thermochimica acta, Bd. 425).

Rogers hatte zudem als Vergleichsstoff Leinen, das zusammen mit den Schriftrollen vom Toten Meer gefunden worden war. Diese enthielten kein Vanillin. "Die Kinetik der Abbaurate von Vanillin deutet darauf hin, dass das Turiner Tuch zwischen 1300 und 3000 Jahre alt ist", sagt er. Selbst wenn es durch Lagerungsbedingungen und äußere Einflüsse Unterschiede im Vanillin-Abbau gebe, hält es Rogers für ausgeschlossen, dass das Tuch erst im Mittelalter entstanden ist.

Israelische Botaniker kamen sogar zu dem Schluss, dass das Tuch mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Jerusalem stammt. Avincam Danin und Kollegen der Hebräischen Universität wiesen die Pollen von Pflanzen nach, die typisch für die Blütezeit um Ostern im Raum Jerusalem sind. Offenbar sei der Tote mit Blumen umkränzt worden. Daneben fanden sich auch viele Pollen der Distel Gundelia tournefortii, aus der möglicherweise die Dornenkrone bestand.

Kein anderer Mensch hat das Turiner Grabtuch öfter in den Händen gehalten als die Schweizer Textilexpertin Mechthild Flury-Lemberg. Sie nahm die Restaurierungsarbeiten im Jahr 2002 vor, um das Tuch von den Flicken und von Ruß zu befreien. Das Tuch sei von besonders edler Machart, berichtete sie anschließend, es sei perfektionistisch gearbeitet.

Das Leinen ist in einer seltenen zickzackförmigen Webart (Fischgratmuster, Köper 1:3) hergestellt. Da kein vergleichbarer Stoff aus dem Altertum bekannt war, reiste Mechthild Flury-Lemberg im Jahr 2000 nach Israel. Unter den Stoff-Funden aus der Festung Massada aus dem Jahr 73 fand sie eine vergleichbare Naht und Webkante. Und bei einem Wollstoff vom Roten Meer aus dem ersten Jahrhundert entdeckte sie die gleiche seltene Webart.

Mit anderen Worten: Eine solche Webart war zur Zeit Jesu schon bekannt. Hält die Textilexpertin das Tuch für echt? "Ich kenne zumindest keinen Grund, der dagegen spricht", sagt sie.

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