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Die Presse- und Wissenschaftsfreiheit ist ein hohes Gut. Demonstration gegen die Mediengesetze der ungarischen Regierung Orbán vor dem Budapester Parlament (Archivbild).

Hochschulrektorenkonferenz

Freie Forschung in Gefahr

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Peter-André Alt, der neue Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, warnt vor einer wachsenden irrationalen Wissenschaftsfeindlichkeit.

Herr Alt, wie positionieren sich die deutschen Hochschulen vor der Europawahl?
Als Brückenbildnerin ist die Wissenschaft wichtiger denn je – gerade dann, wenn Europa in der Krise steckt. Wir müssen den gemeinsamen Wissenschaftsraum Europa weiter ausbauen. Unsere Kernforderung ist, dass man Horizont 2020, das Forschungsförderprogramm der EU, mit mehr als 100 Milliarden umfänglicher als bisher ausstattet. Deutschland hat ein großes Interesse daran, dass nicht nur die technologieaffine Forschung, sondern auch die exzellente Grundlagenforschung unterstützt und mit ihr das gesamte Fächerspektrum, einschließlich der in Deutschland traditionell starken Geisteswissenschaften, angemessen berücksichtigt wird. Zudem wollen wir die wissenschaftliche Zusammenarbeit und den Austausch unter Studierenden in Europa weiterentwickeln. Daher begrüßen wir Emmanuel Macrons Idee, Netzwerke europäischer Universitäten zu schaffen. Das daraus hervorgegangene Programm fördert die EU in der Pilotphase mit 30 Millionen Euro.

Wie erfolgreich agiert denn die Wissenschaft bislang als Brückenbildnerin?
Dort, wo die Politik an ihre Grenzen stößt, wo es Konflikte gibt, kann eine gut angebahnte Wissenschaftskooperation über gewachsenes persönliches Vertrauen Verbindungen aufrechterhalten, die ansonsten gefährdet sind. Wir haben gezeigt, dass wir Europa als einen gemeinsamen Wissenschaftsraum gestalten können. Gerade weil es vielerorts unerfreuliche Tendenzen gibt, die Freiheit der Forschung einzuschränken, muss sich die Wissenschaft als Schutzzone für Offenheit und Liberalität behaupten.

Die Europawahl nutzen Rechtspopulisten zur Stimmungsmache gegen die EU. Sollten deutschen Hochschulen dem etwas entgegensetzen und eine Vorreiterrolle bei der Verteidigung der Demokratie einnehmen?
Die Hochschulen haben hier eine sehr wichtige Funktion. Aber leider steht keineswegs alles zum Besten. Obwohl die Wissenschaftsfreiheit zu den grundlegenden Werten eines gemeinsamen Europa gehört, wird sie in einigen Ländern eingeschränkt und bedroht. Es gibt staatliche Regulative, Hochschulleitungen werden politisch bestimmt statt autonom gewählt, und zunehmend entsteht eine Atmosphäre der Einschüchterung. Wir sehen das besonders eklatant in Ungarn. Dem müssen wir uns auch als Hochschulrektorenkonferenz couragiert entgegenstellen. Wir möchten, dass die jungen Menschen im Mai Europa wählen, und werden uns dafür auch öffentlich engagieren. Wir wollen ein Studium ohne Grenzen in Europa.

Was tun, wenn Politik Einfluss auf die Wissenschaft nimmt?
Wehret den Anfängen! Wenn ein nicht frei gewählter Universitätspräsident installiert ist, ist die Wissenschaftsfreiheit unmittelbar betroffen, dann wird Regierungspolitik vollzogen – sei es durch vorauseilenden Gehorsam oder durch direkte Unterdrückung. Die Folge ist, dass in Fächern wie den Geschichts- und Politikwissenschaften vielfach schon diktiert wird, was erforscht werden darf und was nicht.

Wie schätzen Sie die Lage in Osteuropa ein?
Sie ist erschreckend, wie wir bei einem Treffen mit osteuropäischen Vertretern im Dezember erfahren haben. Wenige Länder sind dort frei von Repressionen. Die meist in der Verfassung verankerte Wissenschaftsfreiheit wird umgangen, Studierendenvertreter geraten unter massiven Druck. Sehr gefährlich ist, dass sich die nationalistischen Bewegungen der neuen Rechten immer stärker an den Hochschulen etablieren. Wir haben nach diesem Treffen in der Deklaration ,Universities for Enlightment‘ ein klares Signal für die Bewahrung des Aufklärungsgedankens Eu-ropas gesendet.

Wie können sich Hochschulen wehren, wenn die Unabhängigkeit der Wissenschaft in Gefahr ist?
Wir können nur Fehlentwicklungen öffentlich zur Sprache bringen und berichten, wo Wissenschaftler oder Forschungsprojekte behindert werden. Außerdem pflegen wir enge bilaterale Kontakte. Wenn es ganz schlimm läuft und Forscher verfolgt werden wie in Syrien oder der Türkei, kooperieren wir eng mit dem weltweiten Netzwerk ,Scholars at risk‘, das auf Verfolgung aufmerksam macht und Betroffene an freie Hochschulen vermittelt, wo sie ihre Arbeit fortführen können. Ich habe das Netzwerk selbst als Präsident der Freien Universität Berlin unterstützt. Die Philipp-Schwartz-Initiative der Alexander-von-Humboldt-Stiftung bietet deutschen Hochschulen außerdem die Möglichkeit, Stipendien zu vergeben.

Sollen sich Professoren und Studierende auch in Deutschland stärker in gesellschaftliche Debatten einmischen?
Alle Bürger sollten sich politisch engagieren und für ein freies Europa eintreten. Das gilt natürlich auch für Wissenschaftler und Studierende. Hochschulen müssen parteipolitisch unabhängig sein, das gehört auf der Pflichtenseite zur Wissenschaftsfreiheit. Sie sollten aber im Blick haben, was politisch geschieht und gesellschaftlich debattiert wird. Wissenschaftler müssen ihre Risikoanalysen und Lösungsoptionen in politische Debatten einbringen.

Viele Wissenschaftler sind verunsichert, wie sie mit rechten Studierenden oder Kollegen umgehen sollen. Soll man mit diesen Leuten reden oder ihnen besser keine Bühne bieten?
Der Unsicherheit, wie man damit umgehen soll, begegnen wir weltweit. Eine amerikanische Kollegin etwa berichtete mir kürzlich von Problemen mit rechten „Breitbart“-Aktivisten auf dem Campus. Free Speech ist eine wichtige Errungenschaft, die wir nicht preisgeben dürfen. Aber wir wollen Demagogen natürlich keine Bühne für Werbung bieten. Die Grenze ist oft schmal. Für politische Veranstaltungen an Hochschulen gilt, dass sie eine wissenschaftliche Basis benötigen, etwa die Einbettung in ein Seminar oder eine Vorlesung. Damit schafft man einen Rahmen, um eine Diskussion zu ermöglichen. Redeverbote sind keine Lösung, stattdessen müssen wir Populisten argumentativ in ihre Schranken weisen.

Fake News entfalten nun auch in den sozialen Medien großen Einfluss. Wie reagieren Hochschulen darauf?
Soziale Medien sind für Hochschulen sehr wichtig, um Wissenschaftsskeptiker zu erreichen. Mit klassischen Formaten sprechen wir vor allem diejenigen an, die ohnehin überzeugt sind, dass Wissenschaft wichtig ist für eine freie Gesellschaft von morgen. Wir tun sehr viel, um die sozialen Medien nicht den Demagogen zu überlassen. Nicht nur in der virtuellen Welt orientieren wir uns auch am breiten Publikum. Kurze knappe Formate wie die Berliner Science Week oder Science Slams erfreuen sich großer Beliebtheit.

Warum zweifeln so viele Menschen den Wahrheitsgehalt wissenschaftlicher Erkenntnisse an?
Hinter dem Phänomen der Wissenschaftsfeindlichkeit steckt eine sozialpsychologisch begründete Verunsicherung. Der irrationalen Angst vor Veränderung, die Wissenschaft oft mit sich bringt, kann man kaum mit rationalen Argumenten begegnen. Es gibt belastbare Statistiken, denen zufolge die Zahl derer wächst, die grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse wie den Klimawandel leugnen. Trotzdem müssen wir alles tun, um die zu erreichen, die etwa glauben, es sei falsch, sich gegen die Masern zu impfen. Festzuhalten bleibt, dass die Wissenschaft nicht immer klare, eindeutige Fakten liefert. Es gibt meist große Interpretationsspielräume, die die Gesellschaft aushalten muss. Und auch in der Wissenschaft existieren kontroverse Meinungen: Sie ist keine Heilsbringerin, keine Religion.

Vor der Europawahl macht das Brexit-Chaos viele nervös. Vor welchen Herausforderungen stehen aktuell die deutschen Hochschulen?
Der Brexit hat auch für die Hochschulen überwiegend negative Konsequenzen. Ungeklärt ist nach wie vor, ob deutsche Studierende ab dem 1. April höhere Studiengebühren in Großbritannien zahlen müssen. Das dürfte so sein, wenn keine andere Vereinbarung abgeschlossen wird. In allen von der EU finanzierten Forschungsprojekten, an denen England beteiligt ist, fällt die Millionenförderung nach dem 29. März weg. Ohne Deal sind die laufenden Projekte tot, das ist dramatisch. Im Fall eines Deals wird es wohl Nachverhandlungen geben, bislang bestehen aber noch keine Regelungen; wir wissen gar nichts. Auch der künftige arbeitsrechtliche Status der deutschen Wissenschaftler in Großbritannien ist unklar. Und ob hochqualifizierte Arbeitskräfte nach dem Brexit, wie manche glauben, in Scharen aus England zu uns kommen, muss sich erst noch zeigen.

Stichwort Digitalisierung: Wie wird die Hochschule 4.0 aussehen?
Die Digitalisierung wird Lehre und Forschung revolutionieren. Jeder Forscher muss eine digitale Kernkompetenz in seinem Fach entwickeln. Es wird aber weiterhin einen zentralen Bereich der Präsenzlehre geben, da der direkte Austausch zwischen Forschenden und Studierenden wichtig ist.

Die Studierenden werden also künftig deutlich flexibler entscheiden können, wie und wo sie lernen?
So ist es. Gerade für Studierende mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen ist es von Vorteil, wenn sie nicht mehr von 11 bis 13 Uhr im Hörsaal bei einer Vorlesung zur Einführung in die Erziehungswissenschaft anwesend sein müssen. Die Vorlesung können sie sich auch noch um 21 Uhr anschauen, nachdem sie ihr Kind ins Bett gebracht haben. Zudem können sie über Links erklärungsbedürftige Schlüsselbegriffe nachschlagen. Und wenn es etwas zu schnell ging, können sie die Vorlesung jederzeit anhalten.

Rund 2,9 Millionen Menschen studieren aktuell in Deutschland – das ist ein Höchstwert. Wie gut gerüstet sind die Hochschulen dafür?
Die Hochschulen haben diese Situation über Jahre so gut wie möglich bewältigt. Aber der Punkt ist gekommen, an dem sie eine verlässliche, also dauerhafte Zusatzfinanzierung in der Nachfolge des laufenden Hochschulpakts, die gerade verhandelt wird, benötigen. Die Studierendenzahlen werden in den kommenden Jahren auf einem hohen Niveau bleiben, weil ein Studium hervorragende Voraussetzungen für eine qualifizierte Berufstätigkeit bietet. Die Hochschulen haben sehr viel für eine gute Lehre getan, Deutschland ist trotz der hohen Studierendenzahlen ein hochattraktiver Studienort, noch dazu ohne Studiengebühren. Der Zudrang ausländischer Studierender bleibt folgerichtig hoch.

Wie stehen die deutschen Hochschulen im internationalen Vergleich da?
Die deutschen Hochschulen zeichnen sich durch eine herausragende Grundlagenforschung und ein breites Fächerspektrum von den Natur- bis zu den Geisteswissenschaften aus. Es gibt kein deutsches Yale, Cambridge oder Harvard. Allerdings haben sich durch die Exzellenzinitiative mehr Universitäten in den weltweiten Rankings verbessert. Unsere Stärke liegt darin, dass die Exzellenz in Deutschland gut verteilt ist; wir haben viele Spitzenuniversitäten, aber keine „Ivy League“ wie in den USA. Und wir können international renommierte außeruniversitäre Forschungsinstitute der Max-Planck-Gesellschaft wie auch der Helmholtz- oder Leibniz-Gemeinschaft vorweisen.

Peter-André Alt - Zur Person

Peter-André Alt, 58 Jahre, ist seit August Präsident der Hochschulrektorenkonferenz und löste damit Horst Hippler in diesem Amt ab. Zuvor war er von 2010 bis 2018 Präsident der Freien Universität Berlin, wo er eine Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft innehat.

Außerdem ist Alt Präsident der Deutschen Schillergesellschaft, zu der das Deutsche Literaturarchiv in Marbach (Baden-Württemberg) gehört. (isk)

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