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Islamwissenschaftler und Religionspädagoge: Bülent Ucar.

Interview mit Islamexperten

"Wir müssen mehr Studierende anwerben"

Bülent Ucar, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück, über die Lehrer-Ausbildung für den muslimischen Religionsunterricht.

Professor Ucar, der Religionsunterricht für muslimische Kinder hat viele Namen. Was unterscheidet den Islamkunde-Unterricht vom Islamischen Religionsunterricht und was ist „bekenntnisorientierter Unterricht“?

Eigentlich gibt es entweder den bekenntnisgebundenen Religionsunterricht nach den Vorgaben des Grundgesetzes, dessen Inhalte mit einer Religionsgemeinschaft abgesprochen werden müssen. Oder es gibt einen „religionskundlichen“ Unterricht über den Glauben.

Wie bedeuten diese Unterschiede konkret für den Unterricht?

Es lässt so erklären: Im Religionsunterricht wird im Gegensatz zum Religionskundeunterricht nicht nur über das Wasser im Meer gesprochen, sondern zugleich auch darin geschwommen und aus dieser Perspektive und mit dieser Erfahrung über den Glauben reflektiert. Faktisch ist der Unterschied zwischen dem Islamkundeunterricht etwa in Nordrhein-Westfalen und dem Islamischen Religionsunterricht in Niedersachsen minimal. Der Unterricht steht und fällt mit der Einstellung und den Kompetenzen der Lehrer. Ein religiös distanzierter Lehrer wird eher zu Religionskunde neigen, ein gläubiger Lehrer eher zum Religionsunterricht.

Wer kann bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht erteilen?

Nur jene Lehrer, die neben dem staatlichen Auftrag auch von einer Religionsgemeinschaft eine Genehmigung haben – entsprechend der vocatio und missio in den christlichen Kirchen. Im islamischen Bereich gab es allerdings bislang keine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft.

Gibt es Unterschiede in der Ausbildung für religionskundlichen oder bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht?

Die bisher eingerichteten Studiengänge sind nach meiner Einschätzung so konzipiert, dass sie als bekenntnisgebunden gelten können. Die bereits unterrichtenden Pädagogen müssten aber in der Lehre stärker theologisch vorgebildet und ausgerichtet sein. Durch den Ausbau dieser Standorte mit Mitteln des Bundesministerums für Bildung und Forschung wird dies sicherlich in den Entwicklungsplänen der verschiedenen Universitäten berücksichtigt werden. Das heißt: Es wird mehr Fort- und Weiterbildungsangebote für diese Pädagogen geben.

In Niedersachsen haben Schura und Ditib einen Beirat gebildet und sind nun Ansprechpartner für den Islamischen Religionsunterricht. Was bedeutet das für Ihr Institut, an dem islamische Religionspädagogen ausgebildet werden?

Ich hoffe, dass wir Islamische Religionspädagogik nun endlich als Zweitfach anbieten können und damit mehr Studenten anwerben. Denn nur auf dieser Grundlage kann die Zahl der Studierenden steigen, was wiederum Voraussetzung für die flächendeckende Einführung eines islamischen Religionsunterrichts ist. Es sei denn, es werden Lehrer aus dem Ausland geholt oder Seiteneinsteiger in die Schulen geschickt. Wenn man das nicht will, muss man jetzt handeln und die Weichen entsprechend stellen.

Wie viele Lehrer werden für den islamischen Religionsunterricht in Niedersachsen gebraucht ?

Etwa 200 Lehrer. Deutschlandweit geht die Zahl jedoch in die Tausende.

Interview: Canan Topçu

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