+
Einheitliche Abiturprüfungen sind umstritten. 

Interview

„Wir müssen das Abitur retten“

  • schließen

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, über Noteninflation, Lehrermangel und Integration

Heinz-Peter Meidinger ist seit 2017 Präsident des Dachvrbandes Deutscher Lehrerverband.

Herr Meidinger, die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann hat ein bundesweites Zentralabitur innerhalb von fünf bis zehn Jahren gefordert. Hat sie das überrascht?
Ja, die Länder verteidigen ja eigentlich sonst sehr rigoros ihre Kompetenzen. Ein solcher Vorstoß wäre früher kaum denkbar gewesen. Frau Eisenmann hat offenbar eines verstanden: Wenn die Bundesländer das Abitur als Hochschulzugangsberechtigung erhalten wollen, muss sich gewaltig etwas ändern. Wir müssen das Abitur retten.

Was fordern Sie?
Komplett einheitliche Prüfungen sind auch unter Lehrern umstritten – nicht wenige fürchten, das Niveau könnte nach unten angepasst werden. Das darf natürlich nicht sein. Klar ist: Die Länder müssen sich auf einen Staatsvertrag einigen, der klare Regeln zum Abitur enthält und die Qualität und Vergleichbarkeit des Abiturs deutlich erhöht. Es ist doch ungerecht, dass es zum Beispiel in Thüringen signifikant bessere Noten im Abitur gibt als in Niedersachsen. Es muss Schluss sein mit einer Politik des Kuhhandels in der Kultusministerkonferenz: also einer Politik, bei der das eine Land sagt, wenn ich machen darf, was ich will, schaue ich dafür bei den anderen auch nicht so genau hin.

Das klingt einleuchtend. Warum ändert sich nichts?
In zwölf von 16 Bundesländern gibt es jetzt über einen längeren Zeitraum eine Noteninflation. Die Zensuren dort werden immer besser, die Leistungen aber eher nicht. Zeigen Sie mir den Ministerpräsidenten, der sich trauen würde, den Menschen in seinem Land zu sagen: „Beim Abitur waren wir bislang zu nachlässig. Eure Kinder werden sich auf höhere Leistungsanforderungen einstellen müssen.“

Die Bundesländer haben einen gemeinsamen Aufgabenpool, aus dem sie sich bedienen können. Reicht das nicht aus, um Vergleichbarkeit herzustellen?
Nein. Das Mathe-Abitur-Chaos in diesem Jahr belegt doch, dass der gemeinsame Aufgabenpool gescheitert ist. Die einen Länder entnehmen mehrere Aufgaben, andere nur wenige, manche gar keine. Ausgerechnet Länder, die beim Mathe-Abitur Aufgaben aus dem Pool genutzt haben, haben dann im Nachhinein die Noten heraufgesetzt. Ich habe einen bösen Verdacht. Als die Kultusminister sich seinerzeit auf den Aufgabenpool geeinigt haben, da haben sie nach dem altbekannten Motto gehandelt: Es muss was geschehen, aber es darf nichts passieren. Das war eine Placebo-Pille für die Öffentlichkeit.

Was ist, wenn es nicht gelingt, das Abitur zu reformieren?
Wenn wir es nicht schaffen, das Abitur wenn nicht ganz gleich dann doch in Teilen gleich und deutlich besser vergleichbar zu machen, sind Hochschuleingangsprüfungen früher oder später die logische Folge. Das würde zu noch größerer Ungerechtigkeit führen.

Warum?
Mit Hochschuleingangsprüfungen bekämen wir dann – wie in den USA – einige Universitäten, die sich handverlesen nur die besten Studenten heraussuchen können. In anderen Hochschulen würde die Qualität stark abfallen. Hochschuleingangsprüfungen führen außerdem zu einer sozialen Schieflage: Sie geben denen, die aus bildungsnahen Familien kommen, die besten Chancen. Denn diese jungen Menschen wissen sich besser in den dann verlangten Motivationsschreiben und Auswahlgesprächen zu präsentieren. Zudem würde das die in der Schule vermittelte Bildung massiv abwerten.

Heinz-Peter Meidinger

Wo sehen Sie – jenseits der Frage nach der Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern – die größte Baustelle für das Bildungssystem, auf der sich derzeit zu wenig bewegt?
Bei der großen Herausforderung einer gelungenen Integration von Flüchtlingskindern und der Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund generell hat die Politik leider in ihren Anstrengungen nachgelassen. Bei den Willkommensklassen für Flüchtlingskinder haben wir einen guten Job gemacht. Die entscheidende Phase hat aber gerade erst begonnen: Die Kinder aus den Willkommensklassen müssen jetzt in die ganz normalen Klassen integriert und zu erfolgreichen Schulabschlüssen geführt werden. Für sie fehlt es aber dort an sprachlicher Zusatzförderung, die wir allerdings auch für manche Kinder ohne Migrationsgeschichte gut brauchen könnten.

Was muss die Politik hier zusätzlich investieren?
Wir brauchen für die kommenden zehn Jahre insgesamt acht Milliarden Euro zusätzlich für die Sprachförderung von Schülern mit Migrationshintergrund und die dafür erforderlichen Lehrerstellen. Und das ist eher zurückhaltend gerechnet.

Wie kommen Sie auf die Zahl?
Wir haben 40.000 Schulen in Deutschland. Wenn Sie nur an dem Viertel der Schulen, die den höchsten Bedarf für Sprachförderung von Migranten haben, jeweils einen Lehrer zusätzlich einstellen, sind das 10.000 Lehrerstellen. Die kosten im Jahr etwa 800 Millionen Euro, auf zehn Jahre gerechnet sind es acht Milliarden Euro.

Die Landesfinanzminister werden begeistert sein.
Ich weiß: Das ist viel Geld – es wäre aber auch eine wichtige Investition. Denn die Frage, ob Kinder aus Migrationsfamilien gut im deutschen Arbeitsmarkt ankommen, ist letztendlich die Kernfrage gelingender oder scheiternder Integration. Überhaupt nicht erwähnt habe ich an dieser Stelle übrigens, dass die Länder auch jenseits der Bewältigung von Herausforderungen durch Migration mehr Lehrer einstellen müssten. Es fehlen auch Lehrkräfte für Inklusion und eine ausreichende Unterrichtsreserve.

Laut Prognose der Kultusministerkonferenz brauchen die Länder bis 2030 jedes Jahr rund 32.000 neue Lehrkräfte. Wegen fehlender Absolventen können demnach jedes Jahr Hunderte Stellen nicht besetzt werden. Wird in der Ausbildung schon genügend gegengesteuert?
Der Lehrermangel an zahlreichen Grundschulen ist vorrangig ein hausgemachter Fehler der Kultusminister, weil zu spät mit massiver Lehrerwerbung auf den Geburtenanstieg reagiert wurde. Jetzt gibt es einen schockierenden Lehrermangel – und während vorher zu wenig getan wurde, wird jetzt überreagiert. Es gibt aktuelle Prognosen, dass derzeit schon wieder mehr junge Menschen ein Studium für bestimmte Lehrämter beginnen, als in einigen Jahren eingestellt werden können. Denn viele der Stellen, für die Lehramtsstudenten nach dem Ende ihrer Ausbildung in Frage kommen, werden dann schon an Seiteneinsteiger gegangen sein. Die Politik ist leider häufig zu spät dran – und produziert damit das nächste Problem.

Interview: Tobias Peter

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare