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Der „Vater des Giftgaskriegs“, Fritz Haber (links), und Ladislaus Farkas im KWI für physikalische Chemie.

Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft

„Wir bedürfen Anstalten, die nur der Forschung dienen“

Am 11. Januar 1911 wurde die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gegründet ? 100 Jahre Wissenschaft voller Glanz und Ruhm, nicht frei von Verbrechen und Widersprüchen.

Von Rüdiger vom Bruch

Am 11. Januar 1911 fand im Großen Sitzungssaal der Königlichen Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin die konstituierende Sitzung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (KWG) statt. Doch öffentliches Aufsehen hatte genau drei Monate zuvor vor allem der Festakt zu ihrer Gründung in der Neuen Aula der Berliner Universität erregt. Deutschlands Professoren waren sich unschlüssig, was davon zu halten sei.

Beeindruckend war der Festakt gewiss, an den ihr zweiter Präsident, Max Planck (von 1930 bis 1936), im Jahre 1934 erinnerte: „Es war ein Akt von geschichtlicher Bedeutung, als am 11. Oktober 1910 bei der Jahrhundertfeier der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin inmitten einer glänzenden Versammlung von hervorragenden Vertretern aus allen Ständen und Berufsschichten Seine Majestät der Kaiser und König höchstselbst das Wort ergriff und seinem Glückwünsch an die Universität beifügte: Wir bedürfen Anstalten, die über den Rahmen der Hochschulen hinausgehen und unbeeinträchtigt durch Unterrichtszwecke, aber in enger Fühlungnahme mit Universitäten und Akademien lediglich der Forschung dienen.“

Wilhelm II. sprach aus, was ihm in einer Denkschrift 1909 der berühmte evangelische Theologe und glänzende Wissenschaftsorganisator Adolf Harnack (ab 1914 von Harnack) nahegelegt hatte: eine neuartige Forschungsförderungsorganisation, von Privatleuten finanziert, vom Staat verwaltet unter der Leitung berühmter Wissenschaftler, um die herum einzelne, vorwiegend naturwissenschaftliche Forschungsinstitute zu errichten seien.

Harnack und führende preußische Kultusbeamte wie den verstorbenen Friedrich Althoff und Friedrich Schmidt-Ott trieb die Sorge um, das Deutsche Reich könne trotz seines Ansehens in der Welt als eine führende Wissenschaftsnation von Konkurrenten wie England, Frankreich und den USA mittels innovativer Forschungsförderung überflügelt werden. Harnack zielte auf Modernisierung, und er knüpfte listig an Wilhelm von Humboldt an, der bei der Gründung der Berliner Universität 1810 neben Universität und Akademien auch von „Hilfsinstituten“ schrieb, damit allerdings Einrichtungen wie Bibliothek und Sternwarte meinte.

Freilich eben hier witterten viele von Harnacks Kollegen Verrat, beruhte doch das Erfolgsgeheimnis der mit dem Namen Humboldt verknüpften deutschen Forschungsuniversität auf einer um 1800 noch unüblichen Verknüpfung von Wissen (Lehre) und der Erzeugung neuen Wissens (Forschung). Andererseits schien unstrittig, dass in modernen Industriegesellschaften kostspielige Forschung nach neuen Modellen verlangte. Doch schon 1910 wurde in Deutschland gestritten, wie Hochschulforschung und Institutsforschung zu verbinden seien, und der Streit hält bis heute an. An der Berliner Universität selbst wurde das Jubiläumsgeschenk ohnehin mit gemischten Gefühlen aufgenommen.

Zweckfreie Forschung um der Erkenntnis und damit der Wahrheit willen, so hat sich deutsches Forschungsethos im 19. und 20. Jahrhundert gerne stilisiert, und die heutige Max-Planck-Gesellschaft (MPG), seit 1948 Nachfolgerin der KWG, versteht sich als Wahrerin der Grundlagenforschung, im Unterschied etwa zur anwendungsbezogenen, 1949 gegründeten Fraunhofer-Gesellschaft. Doch diese Kennzeichnung lässt sich eigentlich nur mit der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg begründen: Wer für sich Grundlagenforschung reklamierte, schien für die Jahre der NS-Herrschaft einer Kumpanei mit „schmutzigen“ und ideologischen Interessen unverdächtig und schlug gleichzeitig dem alliierten Verbot kriegstauglicher Forschung ein Schnippchen.

Doch die Trennung war konstruiert, nicht nur, weil die Grundlagenforschung von heute die nützliche Praxis von morgen sein kann, wie schon Helmholtz und andere im 19. Jahrhundert feststellten.

Prägend für die KWG war das Prinzip des relativ autonomen Institutsdirektors (das sogenannte Harnack-Prinzip) als überragende Forscherpersönlichkeit und zum anderen eine keineswegs grundlose Spendenbereitschaft vor allem von Industriellen. Ein breites Spektrum konnte die Gesellschaft schon früh vorweisen: von Grundlagenprojekten wie in den ersten Instituten (KWI) 1911 ? Chemie, Biologie sowie physikalische Chemie und Elektrochemie ? bis hin zu unmittelbar praxisrelevanten Arbeiten wie in den KWI für Kohlenforschung, Eisenforschung, Faserstoffchemie, Lederforschung und Silikatforschung.

Die meisten der zwischen 1911 und 1943 errichteten 26 KWI lassen sich hier ansiedeln. Bemerkenswert war dabei bis in den Zweiten Weltkrieg hinein der überragende Anteil von Rohstoffersatzforschung. Abschnürung vom Weltmarkt und Kampf um Autarkie durch Surrogate, das war der deutsche Pfad einer Wiedergewinnung nationaler Größe durch Wissenschaft und Wirtschaft (in dieser Reihenfolge!) nach den traumatisierenden Kriegs- und Nachkriegserfahrungen.

Mit dem Weimarer Parteienstaat freundeten sich nur wenige deutsche Forscher an, aber im Dienst zum nationalen Wohl erblickten die meisten ihre selbstverständliche Verpflichtung, wie zweckfrei oder zweckgebunden sie auch immer forschten. Das begann schon im Ersten Weltkrieg, als der Vater der Ammoniaksynthese, Fritz Haber, zum patriotisch gestimmten Vater des Giftgaskrieges mutierte. Sein Dahlemer KWI war 1915 mit 1500 Mitarbeitern großindustriell organisiert und war bereitwillig dem Militär unterstellt.

Ein aus dem Kaiserreich überkommener autoritärer Habitus unterstrich eine nationalkonservative Gesinnung, in der Gesamtorganisation der KWG mit ihrer Politik der Selbstgleichschaltung 1933/34 stärker als in manch’ einzelnem Institut. Im Interesse des nationalen Wohls erblickten viele im Systemwechsel 1933 nur bedingt eine Zäsur, manche sahen ihre Chance, sehr viele igelten sich eingeschüchtert in ihren Instituten ein. Groß war der Aderlass der Vertreibung aus „rassischen“ Gründen, äußerst gering ein Aufbegehren.

So national sich die Mehrheit empfand, so anerkannt international war ihr wissenschaftlicher Ruf, fast schon ein Nimbus, mit 15 Nobelpreisen. Manche Institute boten auch im totalitären Führerstaat bemerkenswerte Freiräume, und relativ vorurteilsfrei konnten Frauen wissenschaftliche Chancen nutzen, eher als an Universitäten.

Allerdings: Ideologie und Verbrechen hinterließen brutale Spuren auch in der KWG, insbesondere in medizinischen Einrichtungen, in Instituten für Biologie, für Psychiatrie, für Erblehre und Eugenik und für Hirnforschung. Unter den Forschern finden sich überzeugte Nationalsozialisten wie der Agrarökonom Konrad Meyer, der im KWG-Jahrbuch 1942 den genozidalen Charakter seines „Generalplan Ost“ in den eroberten Ostgebieten kaum verschleierte. Ihre „Pflicht“ tat auch die mutmaßliche Mehrheit der eher regimeskeptischen Wissenschaftler: Viele nutzten neue ethische Leerräume für radikale Menschen-Experimente jenseits zivilgesellschaftlicher Verantwortung; Wissenschaft und Politik als Ressourcen füreinander erreichten bislang unbekannte Dimensionen.

Im Unterschied zu den deutschen Wissenschaftsakademien mit ihren vorwiegend geisteswissenschaftlichen Langzeitvorhaben konzentrierte sich die KWG unter dem Logo der helmgerüsteten Wissenschaftsgöttin Minerva auf Naturforschung, einige wenige KWI für Kunstgeschichte oder Rechtswissenschaften ergänzten, aber prägten nicht ihr Profil. Zwar stand ihr mit dem Theologen Adolf von Harnack als erstem Präsidenten 1911 bis 1930 ein klassischer Kultur-Mandarin vor, nicht der zunächst hoch favorisierte Chemiker Emil Fischer. Doch als kühler Pragmatiker akzeptierte Harnack die Schwerpunktsetzung im nationalen Interesse.

Freilich mahnte er vorsichtig: eine vermeintlich „rein-objektive Wissenschaft“ könne es nicht geben, Wissenschaft müsse „human-objektiv“ sein und benötige darum die Geisteswissenschaften. Es blieb bei dem Wunsch, auch wenn als Präsident zunächst der philosophische Physiker Max Planck folgte. 1937 und 1941 übernahmen die Industriellen Carl Bosch und dann Albert Vögler das Amt. Wenn die spätere MPG auch ein ebenfalls naturwissenschaftliches Design prägt, legt sie doch deutlich mehr Gewicht auf die Geistes- und Sozialwissenschaften.

Mit der totalen Niederlage nach einem totalen Krieg lag auch die deutsche Forschung in Trümmern: Insbesondere die KWG sei aufzulösen, ordneten die Alliierten 1945 an. Es folgte – mit britischer Unterstützung – ein schwieriges Lavieren von Göttingen aus. Unter Führung des integren Chemikers Otto Hahn und mit dem neuen Namen „Max-Planck-Gesellschaft“ (MPG) wurde 1946 eine Neugründung eingeleitet und am 26. Februar 1948 vollzogen.

Kontinuität zur alten KWG vermied man rechtlich-moralisch, suchte sie aber materiell und personell. Allerdings warteten vertriebene und emigrierte vormalige KWG-Angehörige in der Regel vergeblich auf ein Rückkehrangebot. Sie sahen sich als Minervas verstoßene Kinder.

Glänzend entwickelte sich die MPG in der Bundesrepublik bis hin zu derzeit 79 Einrichtungen mit einem Jahresbudget von 1,3 Milliarden Euro. Sie wurde ein international renommierter Leuchtturm in der deutschen Forschungslandschaft. Die jüngste Entwicklung deutet auf synergetische Vernetzung mit forschungsstarken Universitäten hin sowie mit Wirtschaft und weiteren Forschungsinstitutionen.

Aber lange lastete der Schatten einer gespaltenen Erinnerungskultur. Man rühmte sich der zu Zeiten der KWG erworbenen Nobelpreise, sparte indes die dunklen Seiten der KWG aus. Die Wende leitete 1997 Präsident Hubert Markl ein; er setzte eine unabhängige Historikerkommission durch, welche schonungslos die NS-Periode der KWG erforschte – Vorbild für zahlreiche andere Wissenschaftsorganisationen. Markl formulierte 2001: „Die ehrlichste Art der Entschuldigung ist daher die Offenlegung der Schuld.“

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