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Junge Wölfe in freier Wildbahn in Sachsen-Anhalt. Senckenberg
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Junge Wölfe in freier Wildbahn in Sachsen-Anhalt. Senckenberg

Naturschutz

Wie Wölfe wandern

Mit Hilfe von genetischen Proben erkennen Fachleute, wo sich die Tiere ausbreiten

Wölfe sind anpassungsfähige Tiere und zeigen sich bei ihren Wanderungen offenbar ziemlich unbeeindruckt von wechselnden Umgebungen. So hat ein Forschungsteam des Zentrums für Wildtiergenetik der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung und des Lupus-Instituts für Wolfsforschung herausgefunden, dass Wölfe sich in Mitteleuropa auf die gleiche Weise ausbreiten wie in dünner besiedelten Gebieten. Nachvollziehen ließ sich das anhand von 1341 DNA-Proben aus dem bundesweiten genetischen Wolfsmonitoring, das die frühe Besiedlungsphase der Tiere in Deutschland rekonstruiert. Ihre Ergebnisse haben die Forschenden im Fachmagazin „Heredity“ veröffentlicht.

150 Jahre lang galten Wölfe in Deutschland als ausgerottet, nachdem die Beutegreifer von den Menschen über Jahrhunderte hinweg gefürchtet, gejagt und getötet wurden. Nach Angaben des Naturschutzbundes Nabu verloren sich um 1850 die letzten Spuren von Wolfsrudeln im heutigen Gebiet von Brandenburg. Vereinzelt wanderten von 1990 an dann wieder Wölfe aus Polen in die östlichen Randgebiete Deutschlands ein – bis dann im Jahr 2000 in Sachsen die ersten Welpen in Freiheit geboren wurden. Das konnte nur deshalb gelingen, weil Wölfe in Deutschland und Europa unter strengem Schutz durch internationale und nationale Gesetze stehen und nicht mehr geschossen werden dürfen. Seitdem erobern sich die Tiere ihre früheren Lebensräume in Europa nach und nach zurück. In Deutschland weiß die Senckenberg-Gesellschaft von derzeit 166 Rudeln. Die Gesamtzahl der Wölfe ändert sich laut Nabu wie bei anderen Tierarten ständig. Im Schnitt besteht ein Rudel hierzulande aus etwa acht Tieren. Einzelne Wölfe führen aber auch ein Dasein als Singles, einige von ihnen streifen umher, andere bleiben an einem Ort.

Auf Basis der genetischen Proben konnte das Forschungsteam präzise rekonstruieren, auf welchen Wegen die Wölfe zurückgekommen sind. „Ausgehend von der Lausitz in der sächsisch-polnischen Grenzregion haben sich Wölfe nach einer zunächst eher zögerlichen lokalen Vermehrung sprunghaft über lange Distanzen ausgebreitet und so innerhalb weniger Jahre neue Gebiete wie die Lüneburger Heide besiedelt“, erklärt Anne Jarausch, Hauptautorin der Studie.

Diese Art der Ausbreitung wird in Fachkreisen als „stratified dispersal“ bezeichnet: Rudel erschließen sich schnell auch weit entfernte Gebiete. Anders als es die Fachleute erwarteten, ergab die Analyse, dass sich die Ausbreitung der Wölfe in den Kulturlandschaften Mitteleuropas nicht von der in naturnahen, dünn besiedelten Gebieten Osteuropas, Skandinaviens oder Nordamerikas unterscheidet. Außerdem, so die Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung, hätten die DNA-Analysen gezeigt, „dass in der noch kleinen Wolfs-population anfangs eine Reduzierung der genetischen Vielfalt zu beobachten war.“ Das lasse sich mit einem „Flaschenhalseffekt“ erklären. Denn die ursprüngliche Besiedlung in Deutschland gehe auf nur wenige, aus Ostpolen kommende Wölfe zurück. „Dabei konnte nur ein Teil der genetischen Vielfalt aus der Ursprungspopulation erhalten werden.“ Weil aber immer wieder – meist männliche – Wölfe aus Polen zuwanderten, nehme auch die genetische Vielfalt der Artgenossen in Deutschland allmählich wieder zu.

Trotz der noch relativ geringen genetischen Vielfalt würden Wölfe Inzucht zwischen engen Verwandten aber weitgehend vermeiden, schreiben die Forschenden. Nur in wenigen Fällen wurden Paarungen zwischen Geschwistern oder Eltern und einem ihrer Jungen nachgewiesen. Auch eine Paarung mit einem Haushund sei nur einziges Mal genetisch identifiziert worden; allerdings reichen die untersuchten Proben nur bis zur Saison 2015/2016 zurück.

Bundesländer, in denen dauerhaft Wolfsrudel und Paare leben sind Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Bayern, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Thüringen, wie der Nabu mit Stand April 2020 auflistet. Sesshafte Einzeltiere gibt es demnach in Hessen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg. Und es werden mehr – langsam.

Wann diese Entwicklung endet, lasse sich nicht präzise vorhersagen, meint Anne Jarausch: „Es könnte durchaus sein, dass Wölfe weite Teile Deutschlands besiedeln werden, da die Lebensräume für sie vielerorts günstig sind.“ Nahrung jedenfalls finden sie in der Mitte Europas reichlich: Ihre bevorzugten Beutetiere sind Rehe, Wildschweine und Rothirsche. Die größte Gefahr für Wölfe geht von vielbefahrenen Straßen aus.

Die Wissenschaftlerin geht trotz der steigenden Zahlen aber davon aus, dass Wölfe „immer seltene Wildtiere in unserer Landschaft bleiben“. Ihre „streng territoriale Lebensweise“ lasse selbst in für sie besonders gut geeigneten Lebensräumen keine hohe Siedlungsdichte zu. „Ein Rudel ist eine Familie von meist fünf bis zehn Tieren auf einer Fläche des Stadtgebiets von Frankfurt oder Hannover – viel mehr ist bei Wölfen nicht möglich“, erklärt Carsten Nowak, Leiter des Senckenberg-Zentrums für Wildtiergenetik. So nehme etwa in der Lausitz der Bestand seit Jahren nicht mehr zu, obwohl Menschen nicht gegen die Wölfe vorgehen.

Das nationale Referenzzentrum für genetische Wolfsanalysen am Senckenberg-Standort in Gelnhausen erbringt jährlich bis zu 2000 genetische Nachweise von Wölfen; sie stammen von Kot, Haaren, Urin und Speichelabstrichen an getöteten Beutetieren. DNA-Proben werden weiter gesammelt. Sie sollen auch in Zukunft Aufschluss darüber geben, wie Wölfe sich in Deutschland verbreiten.

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