Archäologie

Antikes Grab in Kenia: Wie Mtoto die letzte Ruhe fand

Von Pamela Dörhöfer

Mtotos Körper lag auf der Seite, die Beine waren zum Kopf gezogen.

Forschende entdecken in Kenia Spuren der bisher ältesten menschlichen Bestattung in Afrika vor 78.000 Jahren.

Das Kind, das vor rund 78 000 Jahren nahe der Küste im Südosten von Kenia starb, war noch klein, etwa zweieinhalb bis drei Jahre alt. Die Menschen, zu denen es gehörte, haben es nach seinem Tod nicht einfach liegen, den Tieren zum Fraß gelassen, sondern liebevoll beerdigt: Sie begruben es in gebückter Haltung in einem Grab direkt unter einem schützenden Felsüberhang am Eingang der Höhle Panga ya Saidi. Dort fanden es Forschende des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena und des Nationalmuseums Kenia in Nairobi. Sie gaben ihm den Namen „Mtoto“, das ist Suaheli und bedeutet „Kind“. Mtotos Grab stellt nach Einschätzung der Archäologinnen und Archäologen die erste bekannte Bestattung eines Homo sapiens in Afrika dar. Im Fachmagazin „Nature“ berichten sie über ihre Erkenntnisse.

Das Begräbnis des Kindes aus der Mittleren Steinzeit ist das erste entdeckte auf dem afrikanischen Kontinent, aber nicht das einzige aus einer so frühen Epoche der Menschheitsgeschichte. Auch von den Neandertalern (die in Afrika nie vorkamen) weiß man, dass sie ihre Toten begruben. Zeugnisse aus Eurasien reichen sogar bis zu 120 000 Jahre zurück. In Afrika indes fehlten solche fossilen Hinweise bislang, deshalb ist nur wenig darüber bekannt, wie sich Bestattungsrituale auf dem Kontinent entwickelten.

Der Fund ließ sich klar auf einem Homo sapiens zuordnen

Die erst vor einigen Jahren entdeckte archäologische Höhle Panga ya Saidi gilt heute als bedeutender Fundort für die Erforschung der menschlichen Evolution. „Als wir Panga ya Saidi zum ersten Mal besuchten, wussten wir sofort, dass diese Stätte etwas ganz Besonderes ist“, erzählt Projektleiterin Nicole Boivin, Direktorin der Abteilung für Archäologie am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte: „Die Stätte ist wirklich einzigartig.“ Mittlerweile gelte sie für die ostafrikanische Küste als „Schlüsselstätte“. So fand man Mtotos Überreste in archäologischen Schichten, die auch Steinwerkzeuge enthielten.

Werbung
Werbung

Ein Teil der Knochen des Kindes wurden bereits 2013 ausgegraben. Die kleine flache und kreisförmige Grube, in Mtoto bestattet wurde, legte das Forschungsteam aber erst vier Jahre später vollständig frei. Sie befand sich etwa drei Meter unterhalb des heutigen Höhlenbodens. Die Kinderknochen darin waren eng zusammengedrängt. „Zu diesem Zeitpunkt waren wir nicht sicher, was wir gefunden hatten“, berichtet Emmanuel Ndiema von den Nationalmuseen Kenia. „Und die Knochen waren einfach zu empfindlich, um sie vor Ort zu untersuchen.“ Für eine spezielle Behandlung und die Analyse wurden sie deshalb in das Nationale Forschungszentrum für menschliche Evolution (Cenieh) im spanischen Burgos gebracht. Dort wurden in monatelanger Sisyphosarbeit Knochen freigelegt und untersucht. Dazu gehörten Zähne, Schädel, Teile des Gesichts einschließlich des Unterkiefers, der einige noch nicht durchgebrochene Milchzähne barg. „Auch die Verbindung zwischen Wirbelsäule und einigen Rippen, ja sogar die Krümmung des Brustkorbs war auf wundersame Weise erhalten“, sagt Maria Martinón-Torres, Direktorin des Cenieh. Morphologisch ließ sich der Fund klar auf einem Homo sapiens zuordnen. Das Gesamtbild, so Martinón-Torres, deute darauf hin, „dass der Körper unversehrt bestattet wurde“ und die sterblichen Überreste danach direkt in der entdeckten Grube verwesten.

Mtoto war bewusst zu Grabe getragen worden

Die mikroskopische Analyse der Knochen und des sie umgebenden Erdreichs bestätigte diese Vermutung: Andere Menschen hatten Mtoto demnach unmittelbar nach der Bestattung mit Erde bedeckt, das Kind war also kurz nach dem Tod bewusst begraben wurden. Da der Körper auf der rechten Seite lag, als er gefunden wurde und die Knie zur Brust gezogen waren, gehen die Forschenden außerdem davon aus, dass die Menschen das Begräbnis vorbereitet und den Körper umhüllt hatten. „Noch bemerkenswerter ist, dass die Position des Kopfes in der Grube darauf hindeutet, dass eine vergängliche Stütze vorhanden gewesen sein könnte, wie zum Beispiel ein Kissen“, sagt Martinón-Torres. Sie vermutet deshalb, dass die Gemeinschaft eine Art Bestattungsritus hatte. (Pamela Dörhöfer)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Frankfurter Rundschau
Kommentare zu diesem Artikel