Schwerkranke werden oft nicht als vollwertige Menschen behandelt, sagt Charlotte Link.
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Schwerkranke werden oft nicht als vollwertige Menschen behandelt, sagt Charlotte Link.

Charlotte Link über Ärzte

„Widerstand kann Wunder bewirken“

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Die Schriftstellerin Charlotte Link spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Krankheit ihrer Schwester und ihre Erfahrungen mit Ärzten.

In ihrem Buch „Sechs Jahre“ zeigt sich die Schriftstellerin Charlotte Link von einer Seite, die ihrer Leserschaft bislang unbekannt war: Die erfolgreiche Romanautorin schildert in ihrem ersten nicht-belletristischen Werk die Krankheit und das Sterben ihrer Schwester Franziska und gibt darin tiefe Einblicke nicht nur in ihr eigenes Seelenleben, sondern auch in den Alltag an deutschen Kliniken; mit oft schwer zu ertragenden Beschreibungen. Franziska starb 2012 mit 46 Jahren an Lungenfibrose – eine Spätfolge der Strahlentherapie, die sie als junge Frau erhalten hatte, nachdem sie an Morbus Hodgkin, einer Form von Lymphdrüsenkrebs, erkrankt war. Ihre zweite Leidensgeschichte begann 2006 mit der Diagnose Darmkrebs, auch das eine Auswirkung der aggressiven Therapie. Es folgten sechs Jahre voller Hochs und Tiefs. Und: mit einer erschreckenden Fülle an ärztlichen Fehleinschätzungen – angefangen mit dem lange nicht erkannten. Morbus Hodgkin bis zu vermeintlichen Herzmetastasen und Bauchfellkrebs, was sich beides als falsch herausstellte. So wie Franziska am Ende gar nicht der Krebs das Leben kostete; der hatte sich die letzten Jahre nicht mehr gerührt.

Sie beschreiben in „Sechs Jahre“ teils schwer fassbare Erfahrungen, vor allem mit Ärzten. Fehldiagnosen ziehen sich wie ein roter Faden durch Ihr Buch. Welchen Eindruck haben Sie: Ist das eine unglückliche Häufung oder sind unsere Mediziner in Deutschland so schlecht?
Wir haben sehr gute, wirklich großartige Ärzte kennengelernt, aber auch sehr schlechte. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht: Je hochkarätiger ein Mediziner ist, desto weniger anmaßend ist er in Bezug auf die absolute Richtigkeit seiner Diagnose. Diese Ärzte kennen ihre Grenzen. Andere, die weniger wissen, kompensieren das mit großem Gehabe. Ich gehe im Übrigen davon aus, dass unsere Erlebnisse insgesamt höchst durchschnittlich waren. Den vielen Briefen, die mich zu dem Buch erreichen, kann ich entnehmen, dass andere Menschen genau dasselbe erleben.

Insgesamt zeichnen Sie ein doch ein eher deprimierendes Bild des Alltags in deutschen Kliniken, mit nur einigen Ausnahmen. Das Personal ist häufig genervt, in einem Krankenhaus ließ man Ihre Schwester fast verhungern. Eine zwangsläufige Folge des unter ökonomischen Zwängen stehenden Klinikbetriebs?
Auch diese Erfahrungen haben mir viele Menschen bestätigt. Ich glaube, dass bei solchen Verhaltensweisen mehrere Komponenten eine Rolle spielen. Insbesondere beim Personal hat es vermutlich oft einfach mit Überforderung zu tun. Vielleicht ist man an diesem Tag der tausendste Mensch, der etwas von einer Schwester will – und dann reagiert sie eben unfreundlich. Man muss auch bedenken, dass diese Berufsgruppen nicht sehr gut bezahlt, dafür aber mit viel Leid konfrontiert werden.

Ärzte haben Ihrer Schwester nicht nur falsche Diagnosen gestellt, sie zeigten sich häufig auch herzlos und ohne Mitgefühl. Sie finden harte Worte dafür: „menschenverachtend, rücksichtslos, fast feindselig gegenüber Menschen, die sich in einer wehrlosen Situation befinden“. Sind diese Mediziner zu überlastet, zu oberflächlich oder zu abgestumpft?
Auch bei den Medizinern gibt es solche, die völlig überlastet sind. Es ist jedoch schlimm, wenn die Patienten dann die Leidtragenden in dieser Situation sind. Wir hatten aber auch den Fall, dass ein Arzt den Ärger, den er zuvor mit seiner Chefin hatte, an meiner Schwester ausließ, was natürlich unmöglich ist. Und manche Ärzte treten mit einer solchen Überheblichkeit auf, dass man sich fragt, aus welchen Motiven heraus dieser Mensch eigentlich Medizin studiert hat. Früher bin ich davon ausgegangen, dass dem Medizinstudium grundsätzlich der Antrieb, Menschen helfen zu wollen, vorausgeht, aber da war ich eindeutig zu blauäugig. Absolut nicht alle, aber doch etliche Ärzte behandeln gerade schwerkranke Patienten so, als hätten sie es gar nicht mehr mit vollwertigen Menschen zu tun. Die normalen Regeln der Höflichkeit, die unseren Umgang miteinander bestimmen, scheinen außer Kraft gesetzt.

Sie schreiben auch, als Angehöriger werde man zum „Duckmäuser“. Wie meinen Sie das?
Wenn man merkt, dass jemand, den man in der Klinik zurücklassen muss, Menschen ausgeliefert ist, die schlecht mit ihm umgehen, möchte man natürlich am liebsten aufbegehren. Gleichzeitig hat man jedoch Sorge, dass der andere es ausbaden muss. Also bin ich immer sehr höflich geblieben, auch wenn mir überhaupt nicht danach zumute war, damit es meine Schwester nicht zu spüren bekommt. Aber das ist ein Fehler, was mir leider erst gegen Ende klargeworden ist. Tatsächlich kann es wahre Wunder wirken, sich eben nicht alles gefallen zu lassen. Patienten werden in der Regel besser behandelt, wenn Angehörige Widerstand leisten.

Ärzte haben Ihre Schwester meist hart mit der – vermeintlichen – Wahrheit konfrontiert; in einigen Fällen hat sie sich ja als Fehldiagnose herausgestellt. Abgesehen davon: Sie bezweifeln, dass es der richtige Weg ist, schonungslos offen zu sein. Sie schreiben vielmehr: „Hoffnung setzt Kräfte frei“. Wie sollten Ärzten mit diesen schwierigen Situationen umgehen?
Mir stellt sich die Frage, ob ein Arzt, der „die Wahrheit“ verkündet, diese Wahrheit überhaupt immer kennen kann. Eine Onkologin hat meiner Schwester gleich am Anfang gesagt, sie werde nur noch einige Monate leben. Zu diesem Zeitpunkt hätte kein Arzt der Welt diese Diagnose stellen können, da wird für mich der Begriff Wahrheit ad absurdum geführt. Ich plädiere nicht dafür, Menschen kurz vor dem Tod zu erklären: „Es wird schon wieder“. Ich finde, dass man auch über den Tod sprechen muss. Aber manchmal kann eben kein Arzt wissen, wann und ob überhaupt jemand an einem Leiden sterben wird, dann wäre es besser, Hoffnung zu vermitteln. So kann ja Krebs manchmal auch zu einer chronischen, aber letztlich nicht tödlich verlaufenden Krankheit werden.

Sie haben während dieser sechs Jahre viel recherchiert. Auf diese Weise fanden Sie über das Internet auch einen Arzt in Coswig, der damals als einziger in Deutschland Lungenmetastasen mit einem Lasergerät entfernte. Von den Ärzten hat Sie niemand auf diese Möglichkeit hingewiesen, im Gegenteil hieß es, die Lungenmetastasen seien inoperabel. Ist es lebenswichtig, sich selbst zu kundig zu machen?
Wer das nicht tut, ist seinen jeweiligen Ärzten total ausgeliefert und kann unter Umständen großes Pech haben. Manche Menschen haben extrem viel Ehrfurcht vor jemandem, der „das schließlich studiert hat“ und würden niemals die Diagnose eines Arztes anzweifeln. Diese Haltung kann fatal werden. Im Gegenzug heißt es freilich nicht, dass man alles, was im Internet steht, glauben darf. Das ist mit großer Vorsicht zu genießen, man muss sorgfältig auswählen. Für uns war es in dieser Situation lebenswichtig, dass wir uns informiert haben. Sonst wären die Lungenmetastasen meiner Schwester nie entfernt worden.

In Ihrer Not wenden sich Todkranke oder Ihre Angehörigen häufig an Alternativmediziner. Sie haben das ebenfalls getan, doch auch hier waren Ihre Erfahrung nicht gut…
Wir dachten uns, eine ergänzende Therapie ist eine gute Sache. Die Misteltherapie und die Ganzkörpererhitzung, die dieser Arzt angeboten hat, sind ja auch grundsätzlich als begleitende Behandlung bei Krebs anerkannt. Doch leider sind wir an jemand geraten, der das nicht sorgfältig gehandhabt hat und für den vor allem das Geld im Vordergrund stand. So machte er von der Tatsache, ob sein Honorar pünktlich eingegangen ist, abhängig, ob die Therapie am nächsten Tag überhaupt weitergeht. Leider gibt es viele, die mit dem Leid Geschäfte machen. Deshalb sollte man auch bei einem Alternativmediziner genau hinsehen.

Wie hat die Krebserkrankung das Leben in Ihrer Familie verändert? Sie schreiben: „Alles läuft im Krebs-Modus“ oder „Der Schrecken lässt sich nie wieder ganz vertreiben“.
Der Krebs war allgegenwärtig, auch bei uns Angehörigen. Immer, wenn bei meiner Schwester etwas auftrat, zum Beispiel eine langwierige Bronchitis, stellte sich das bohrende Gefühl ein: Ist es nur eine Bronchitis oder vielleicht doch wieder ein Tumor auf der Lunge? Krebs verändert das gesamte Umfeld und betrifft die ganze Familie.

Sie selbst haben in diesen sechs Jahren drei neue Romane herausgebracht. Hat Ihnen das Schreiben geholfen, diese Zeit durchstehen zu können?
Das Schreiben war meine Rettung. Ich musste eintauchen in eine andere Welt und mich darauf konzentrieren. Die Gedanken fokussierten sich auf etwas anderes. Ich habe das Schreiben wie eine Insel empfunden, als einen Rückzugsort, an dem ich meine Batterien aufladen und neue Kraft tanken konnte.

Sie geben in „Sechs Jahre“ sehr tiefe persönliche und berührende Einblicke. Ist es Ihnen schwer gefallen, sich einer breiten Leserschaft so zu öffnen?
Ich habe mir sehr genau überlegt, wie weit ich gehen kann. Mir war klar, dass ich bei diesem Thema sehr ehrlich bleiben muss, um etwas zu erreichen. Aber ich habe natürlich auch bei weitem nicht alles preisgegeben. Und zudem trifft das, was ich über mich geschrieben habe, auf viele Menschen in ähnlichen Situationen zu. Deshalb war es eigentlich gar nicht so intim.

Wollten Sie mit diesem Buch gezielt auch Missstände aufdecken?
Ich finde es wichtig, darüber zu sprechen, was wir in den verschiedenen Kliniken erlebt haben. Das war viel Gutes, aber auch viel Schlimmes. Überraschend ist für mich, wie viele Rückmeldungen ich auch von Ärzten bekomme. Viele haben sich in Briefen für dieses Buch bedankt, weil sie selbst unter diesen Zuständen und unter dem zerstörten Vertrauen der Patienten leiden. Es gibt durchaus eine große Zahl an Medizinern, die diese von mir beschriebenen Missstände auch selbst sehen. Das ist für mich ein Hoffnungsschimmer.

Interview: Pamela Dörhöfer

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