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Manchmal bedarf es großer Anstrengungen, damit aus einem anspruchsvollen Thema ein lesbares Werk wird.

Gastbeitrag

Wider die Wortungetüme!

Warum das wissenschaftliche Schreiben so oft Probleme macht.

In den mehr als drei Jahrzehnten, die ich mittlerweile im Bereich der Wissenschaftspublikationen tätig bin – als Lektorin, Verlegerin, Schreibtrainerin und Autorin – stolpere ich über zwei grundlegende Stil-Probleme beim wissenschaftlichen Schreiben: das Zuviel und das Zuwenig. Gepaart mit den Schwierigkeiten der unterschiedlich chaotischen Schreibtypen bleibt die Auflösung vor allem eins: viel Arbeit.

Schreibstil-Typen: Beim Zuviel begegnen uns im Text häufig Wortungetüme. Substantive bestimmen den Text, Verben tauchen selten, häufig im Passiv und in untergeordneter Funktion auf. Die Komplexität wird dadurch noch erhöht, dass jeder Satz sich über viele Zeilen erstreckt und mit zahlreichen Ergänzungen gespickt ist. Hinzu kommt eine immense Menge an Wortlautzitaten und Paraphrasen, jeder Gedankenschritt wird belegt, häufig vielfach.

Beim Zuwenig bewegt sich der Text häufig am Rande der Alltagssprache. Es wird tendenziell wenig zitiert und paraphrasiert. Die Sätze sind kurz. „Und“ ist die vorherrschende Konjunktion. Fachsprache fehlt beinahe ganz, wenige Fachtermini werden sehr häufig wiederholt. Als Leser*innen bekommen wir das Gefühl, dass der Text eine Pflichtübung ist, monoton geschrieben, freudlos zu lesen.

Für das Zuviel und das Zuwenig gibt es zahlreiche Ursachen. Es gibt Fachkulturen, die genau die eine oder andere Art der Textproduktion fördern. Doch zumeist tendieren wir als Autor*innen eher in die eine oder andere Richtung. Wenngleich die Reinformen selten sind, können Autor*innen in der Regel leicht ausmachen, an welchem Extrem für sie die größere Gefahr lauert.

Zu diesen beiden Schreibstil-Typen gesellen sich unterschiedliche prozessuale Schreibtypen. Durch die unterschiedlichen Wege, wie Autor*innen in ihre Texte hinein- und hindurchkommen, wird das Ganze noch ein wenig vertrackter.

Prozessuale Schreibtypen: Es gibt Menschen, denen klares und strukturiertes Denken leichtfällt. Und denen es ebenso leichtfällt, diese sortierten Gedanken in strukturierte und gut lesbare Texte zu überführen. Ein Hoch auf diese Autor*innen! Und jetzt zu uns anderen, für die dies ein langer, mühsamer Weg ist.

So entstehen beispielsweise unterschiedliche Versionen des gleichen Textabschnitts, es wird mal hier, mal dort weitergearbeitet. Die Gliederung lebt, entwickelt eine eigene Dynamik, die am Ende zu einem Wunderwerk organischer Textwucherungen führt, durch die nicht einmal die Autor*innen selbst mehr durchsteigen. Dass hier zum Schluss oder auch die ganze Zeit zwischendurch ineffizient wieder und wieder aufgeräumt, neu sortiert und umstrukturiert werden muss, ist völlig klar.

Wie also bekommen unterschiedliche Schreibtypen das Zuviel oder Zuwenig gut in den Griff? Einerseits gibt es zwar keine Patentlösung, andererseits gibt es zahlreiche Praxistipps, von denen ich zwei kurz anreißen möchte.

Eintauchen: Wie finde ich den „richtigen“ Stil? Abgesehen davon, dass wir je nach Zielgruppe und Textsorte verschiedene Anliegen haben, die unterschiedliche Ansprüche an unsere Texte stellen, können wir uns Vorbilder suchen. Wir können gezielt im eigenen Fachbereich Texte jene*r Autor*innen lesen, die uns besonders ansprechen, um herauszufinden, warum sie das tun. Was gefällt uns besonders? Gibt es eine Leichtigkeit, die uns beschwingt? Wie ist die Wortwahl, die Satzstruktur, wie fühle ich mich als Leser*in mitgenommen?

Barbara Budrich ist Autorin, Trainerin und Rednerin, gründete 2004 einen Verlag für Publikationen aus dem Themenspektrum Erziehungs- und Politikwissenschaft, Soziale Arbeit, Soziologie und Gender Studies.

Zum anderen hilft es, regelmäßig anspruchsvolle Literatur zu lesen: Wir können in Wissenschaftstexten nicht in gleicher Weise mit Sprache arbeiten, aber wir können uns inspirieren lassen.

Das Chaos beherrschen: Um das Chaos zu beherrschen, können wir unserem großen Wissensknäuel mit Post-Its zu Leibe rücken. Die Klebezettel werden mit Begriffen versehen und anschließend an einer Wand geclustert.

Das entstehende Bild kann bei der besseren Strukturierung des Stoffes helfen. Die einzelnen Begriffe können als Ausgangspunkte für Kapitel und Unterkapitel dienen (unbedingt ein Foto machen, falls die Zettel irgendwann abfallen!).

Entsteht dessen ungeachtet ein wildes Textmonster, lässt sich jeder Absatz mit einem Schlagwort als eigener Überschrift versehen. Schließlich lässt man sich nur diese Überschriften anzeigen, um zu prüfen, ob die Textstruktur stimmig ist. Die Arbeit des Strukturierens bleibt, sie wird nur leichter.

Fazit: Die Produktion wissenschaftlicher Texte ist in den allermeisten Fällen ein längerer Prozess. Je nach eigenen Vorlieben, Stärken und Schwächen gibt es verschiedene Fallen, in die sich tappen lässt. Nicht

jede*r wird für die Schönheit der eigenen Texte ausgezeichnet werden, aber es gibt handwerkliche Fähigkeiten, die sich erlernen und ausbauen lassen. Arbeit bleibt es auch im besten Falle.

Von Barbara Budrich

Die Autorin ist Trainerin und Rednerin, gründete 2004 einen Verlag für Publikationen aus dem Themenspektrum Erziehungs- und Politikwissenschaft, Soziale Arbeit, Soziologie und Gender Studies.

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