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Wernher von Braun mit US-Präsident John F. Kennedy.

Raumfahrt

Wernher von Braun: Der Raketen-Ingenieur des Führers

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Wernher von Braun schloss für seinen Traum vom Flug ins All einen faustischen Pakt mit den Nazis.

Seine Ingenieurskunst brachte das erste von Menschen konstruierte Fluggerät ins All. Wernher von Brauns Raketen flogen die ersten US-Astronauten in die Erdumlaufbahn und – als größten Triumph – 1969 auf den Mond.

Doch um zum Kolumbus des Weltalls zu werden, schloss der geniale Ingenieur Wernher von Braun einen faustischen Pakt mit den Herrschenden. Er baute für die Nazis die Vergeltungswaffe V2 und trägt eine Mitschuld am Tod von mindestens 16.000 Häftlingen im Konzentrationslager Mittelbau-Dora im Harz, die seine Raketen zusammenbauen mussten. Rund 5000 Menschen starben durch die Kriegsraketen, vor allem in Großbritannien und Belgien.

Wernher von Braun experimentierte früh mit Raketen

Wernher von Braun wurde am 23. März 1912 in Wirsitz (Wyrzysk) geboren, das heute in Polen liegt. Sein Vater Magnus Freiherr von Braun war Gutsbesitzer. Anfang der 20er-Jahre siedelte die Familie nach Berlin um. Die Nachbarn in der Beethovenstraße im Stadtteil Lichterfelde schickten der Familie mehrfach die Polizei ins Haus. Der junge Wernher hatte mal wieder Raketen gezündet, mit denen er Märklin-Autos lärmend die Straße entlangrasen ließ. „Die Polizei kam gerade noch rechtzeitig zum großen Finale“, erinnerte er sich später an einen solchen Raketenversuch im Berliner Tiergarten. „Sie nahmen mich kurz in Untersuchungshaft. Glücklicherweise war keiner zu Schaden gekommen und so wurde ich dem Landwirtschaftsminister übergeben.“ Und das war Wernher von Brauns Vater Magnus, der Hausarrest verordnete.

Zur Konfirmation schenkte ihm seine Mutter Emmy einen Bausatz für ein einfaches Fernrohr. Anfang der 20er-Jahre wuchs in Deutschland die Raketenbegeisterung. Der Industrielle Fritz von Opel stieg 1923 höchstpersönlich in seinen Wagen „Opel Rak 2“. Presse, Wochenschau und rund 2000 Berliner verfolgten an der Avus, wie der Wagen – angetrieben durch 24 Raketen – auf 230 Kilometer pro Stunde beschleunigte.

Wernher von Braun las „Die Rakete zu den Planetenräumen“

Im Jahr zuvor war das kleine Büchlein „Die Rakete zu den Planetenräumen“ erschienen. Verfasst hatte es der Heidelberger Student Hermann Oberth, der damit die wissenschaftlichen Fundamente für den Flug in den Weltraum legte. Das Buch fiel nicht nur Wernher von Braun in die Hände, auch der angesehene Filmregisseur Fritz Lang (Metropolis) und seine Frau Thea von Harbou lasen es. Es gelang ihnen, Oberth als Berater für ihr Filmprojekt „Die Frau im Mond“ zu gewinnen. Der Theoretiker witterte die Chance, mit Hilfe der UFA eine Flüssigkeitsrakete zu entwickeln, die er zur Premiere des Films 50 Kilometer in die Atmosphäre schicken wollte. Denn die bis dahin verfügbaren Feststoffraketen würden nicht ausreichen, um letztlich den Weltraum zu erreichen.

Das Projekt der UFA-Rakete scheiterte zwar an technischen Schwierigkeiten. Auf einem ausgedienten Schießplatz in Berlin-Reinickendorf unternahmen aber der Ingenieur Klaus Riedel und sein Freund Rudolf Nebel erste Versuche mit kleinen Flüssigraketen, die mit Benzin und flüssigem Sauerstoff betrieben wurden. Wernher von Braun stieß zu ihnen, das Gelände wurde in Raketenflugplatz Berlin umbenannt.

Wernher von Braun und andere Raketenenthusiasten werden von der Reichswehr verpflichtet

Die jungen Raketenenthusiasten erregten die Aufmerksamkeit des Heereswaffenamts. Dort wurde im Frühjahr 1930 Walter Dornberger, der gerade sein Studium an der Technischen Hochschule abgeschlossen hatte, mit der Auswertung der bisherigen Ergebnisse der verschiedenen Raketenbauer-Gruppen beauftragt. „Wir hatten die Nase voll von der fantasievollen Projektmacherei für Weltraumfahrt“, berichtete er später über seinen Auftrag. Statt der genauen Berechnung für einen Flug zur Venus benötigte man zunächst funktionierende Antriebsaggregate. Auf dem Raketenflugplatz lernte Dornberger auch von Braun kennen und lobte dessen theoretisches Wissen: Im Gegensatz zu den anderen führenden Männern auf dem Raketenflugplatz stelle er die Schwierigkeiten klar heraus.

Das Lob blieb nicht ohne Folgen. Im Mai 1931 hob die erste Flüssigkeitsrakete in Reinickendorf ab. Die erreichte Höhe lag bei gerade einmal 60 Metern. Aber schon wenige Monate später wurde der erste Kilometer erreicht. Die Reichswehr beschloss daraufhin, eigene Flüssigkeitsraketen zu entwickeln. Dornberger richtete im Berliner Vorort Kummersdorf die neuen Raketen-Prüfstände ein. Als ersten Mitarbeiter verpflichtete er den Studenten Wernher von Braun.

Wernher von Braun wurde technischer Direktor in Peenemünde

Bereits im Dezember 1934 – inzwischen regierten die Nationalsozialisten mit Adolf Hitler als Reichskanzler – gelang der Abschuss der Flüssigkeitsrakete „Aggregat 2“, die 2,2 Kilometer hoch flog. Auf Befehl Hitlers wurden nun alle privaten Raketeninitiativen verboten. Rudolf Nebel wurde wegen Landesverrats kurzzeitig verhaftet. Seine Unterlagen wurden beschlagnahmt, der Raketenflugplatz in Reinickendorf geräumt. Die Ziele der Raketenträumer wurden nun von den braunen Machthabern bestimmt. Von Brauns Mutter machte den Vorschlag, die geplanten größeren Prüfstände, die nicht mehr in Stadtnähe sein durften, in Peenemünde auf der Insel Usedom zu errichten. Ab 1936 wurde dort ein gewaltiger Versuchsplatz aufgebaut. Kommandeur der Heeresversuchsanstalt wurde Walter Dornberger, Technischer Direktor Wernher von Braun. Zeitweise arbeiteten 15?000 Menschen an dem Projekt. Darunter waren auch KZ-Häftlinge.

Zahllose technische Probleme, Streit innerhalb der Nazi-Partei und der SS und massive Zweifel Hitlers am militärischen Nutzen der Raketen behinderten von Braun. Ob aus Überzeugung oder um seine Arbeit voranzubringen, ist unklar. Im Dezember 1938 trat von Braun der NSDAP bei, am 1. Mai 1940 nahm ihn die SS auf.

Wernher von Braun: Technische Schwierigkeiten beim Raketenstart

Die technischen Schwierigkeiten begleiteten von Braun. Im Juni 1942 misslang ein Start vor hochrangigen Militärs, darunter Rüstungsminister Albert Speer. Ein weiterer im August. Donnerndes Grollen begleitete erst am 3. Oktober den Erfolg der Raketenbauer. Auf einem rotgoldenen Feuerschweif schoss die erste moderne Großrakete – Aggregat 4, später Vergeltungswaffe V2 – 90 Kilometer in die Höhe. Die Rakete war 14 Meter lang und 13 Tonnen schwer, angetrieben durch die Verbrennungsgase von Alkohol und flüssigem Sauerstoff.

Im Juli 1943 fuhren Dornberger und von Braun in die Wolfsschanze, eines der Führerhauptquartiere, das im heutigen Polen lag. Hitler zeigte sich von den Vorträgen tief beeindruckt. Das A-4-Programm erhielt nun die höchste militärische Dringlichkeitsstufe, Hitler verlieh von Braun zudem den Titel eines Professors.

Wernher von Braun grübelt über Raumstation und Großraketen

Zum Entsetzen der SS grübelte von Braun gleichzeitig über der Konstruktion einer Raumstation und berechnete neue Großraketen, so eine A10, die 87 Tonnen wiegen sollte. Wegen Sabotage wurden von Braun und zwei Mitarbeiter von der Gestapo festgenommen. Dornberger gelang es, die drei Mitarbeiter durch Intervention bei Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel wieder freizubekommen. Mit einer Tonne Sprengstoff an Bord startete die erste V2 am 8. September 1944 in Richtung London. Rund 6000 Raketen wurden bis Kriegsende von Konzentrationslager-Häftlingen in den unterirdischen Stollen im Harz gefertigt.

Der Politikwissenschaftler Rainer Eisfeld hat in seinem Buch „Mondsüchtig“ eine bedrückende Bilanz der „barbarischen Schattenseiten“ gezogen: „Fast 3000 Tote in England, noch einmal so viele in Belgien – mindestens 16.000, möglicherweise 20.000 Häftlinge, die ihr Leben im KZ Mittelbau-Dora einbüßten durch Tuberkulose, Lungenentzündung, völlige Auszehrung, erschlagen, gehenkt, erschossen; so und nicht anders sah der Preis aus, den die vielen zahlten für den Traum einiger weniger.“ Von Braun persönlich habe Häftlinge im KZ Buchenwald für eine Spezialaufgabe ausgewählt.

Wernher von Braun ergab sich anrückenden US-Truppen

Kurz vor Kriegsende schlugen sich General Walter Dornberger, Wernher von Braun und rund 500 Raketeningenieure nach Bayern in die Gegend um Oberammergau durch, um sich den anrückenden US-Truppen zu ergeben. Die V2-Produktionsstätten im Harz wurden am 11. April 1945 durch die Amerikaner befreit. Dort hatten die KZ-Bewacher bis zuletzt mit Massenhinrichtungen gewütet. Rund 100 Raketen, Materialien und Konstruktionsunterlagen wurden in mehr als 300 Eisenbahnwaggons verfrachtet.

Beim Wettrennen mit der Sowjetunion um die besten deutschen Rüstungsexperten zeigte der US-Geheimdienst wenig Skrupel. In der Operation Paperclip wurden von Braun und seine Experten in die USA gebracht. In Huntsville (Alabama) entwickelte der Raketenpionier nun Raketen, um Atombomben zu transportieren. Der Kalte Krieg mit der Sowjetunion war im vollen Gange. Und so nutzte er seine Vision einer bemannten Raumstation in einer populären Artikelserie 1952 in Collier’s Weekly, um auch die militärische Nutzung des Weltraums zu propagieren: „Kleine geflügelte Raketengeschosse mit Atomsprengköpfen könnten von der Station so abgefeuert werden, dass sie ihre Ziele mit Überschallgeschwindigkeit erreichen.“ Damit könne genauestens jeder Punkt der Erde erreicht werden.

Wernher von Braun gibt den USA ihr Selbstbewusstsein zurück

Doch noch konnte von Braun nicht richtig loslegen. Seine für die USA entwickelten Redstone- und Jupiter-Atomraketen funktionierten zwar einwandfrei, durften aber nicht für zivile Satelliten verwendet werden. Erst der Sputnik-Schock vom 4. Oktober 1957 – die Sowjetunion hatte den ersten Satelliten in eine Erdumlaufbahn gebracht – ließ die US-Regierung eine Kehrtwende machen. Nun sollte es möglichst schnell gehen.

Am geplanten Starttermin Ende Januar 1958 tobten jedoch schwere Stürme über das Raketengelände auf Cape Canaveral in Florida. Der erlösende Startbefehl „ignition“ (Zündung) kam am 31. Januar um 22.47 Uhr Ortszeit. Donnernd schob sich eine Jupiter-C-Rakete mit dem Satelliten Explorer 1 in den Nachthimmel über Florida. Eine bange Stunde mussten die Raketenbauer um von Braun ausharren. Dann endlich kam die erlösende Nachricht von der Bodenstation in Kalifornien: „Goldstone hat den Vogel.“

Wernher von Braun hatte den Amerikanern ihr Selbstbewusstsein zurückgegeben. Der Wettlauf mit der Sowjetunion ging unvermindert weiter und erreichte seinen Höhepunkt mit der Mission Apollo 11, die 1969 die ersten Menschen auf den Mond brachte. Doch der Triumph leitete auch den Niedergang ein.

Wernher von Braun wird Mitbegründer des National Space Institute

Für den nächsten Schritt, einen Flug zum Mars, gab es kein Geld mehr. Im Gegenteil, das Budget der US-Raumfahrtbehörde Nasa wurde immer weiter gekürzt. Wernher von Braun kündigte verbittert und ging zum Raumfahrtkonzern Fairchild. 1974 wurde er Mitbegründer des National Space Institute, das für Raumfahrtprojekte werben sollte.

Seine ringförmige Raumstation und der Flug zum Mars sind bis heute nur in Filmen Realität geworden. Schwer gezeichnet von einer unheilbaren Darmkrebs-Erkrankung sprach er 1976 in einem Interview erstmals von der „höllischen Welt“ im KZ Mittelbau im Harz, die „absolut grauenvoll“ gewesen sei. Wernher von Braun starb am 16. Juni 1977 in Alexandria (US-Bundesstaat Virginia).

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