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Das Franz Sales Haus in Essen war eines der größten Kinderheim in Deutschland.

Psychopharmaka

Wer nicht parierte, bekam die chemische Keule

  • Joachim Frank
    vonJoachim Frank
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Eine Studie arbeitet den Einsatz von Psychopharmaka als Erziehungsmittel in den 1950er und 1960er Jahren auf.

Und irgendwann diese Tabletten, die haben mich, ich weiß nicht, betäubt. Ich war nicht mehr ich selber. Ich kann es nicht erklären, wie, aber der Kopf war zu.“ Was die heute 60 Jahre alte Jolinde Erwin (Name geändert) über ihre Zeit im Essener „Franz Sales Haus“, einem der größten deutschen Heime für schwer erziehbare oder geistig behinderte Kinder und Jugendliche beschreibt, klingt bisweilen wie ein fortgesetzter Horrortrip. Und das war es wohl auch – für Erwin und viele andere Bewohner des Heims.

Die Geschichte von Demütigungen insbesondere durch Nonnen vom katholischen Orden der „Barmherzigen Schwestern von der hl. Elisabeth“, von allen Formen seelischer und körperlicher Gewalt, sexuellen Missbrauch eingeschlossen, ist inzwischen breit dokumentiert. Dass auch systematischer Medikamentenmissbrauch zum Repertoire gehörte, zeigt nun eine Studie des Historikers Uwe Kaminsky und der Ethikerin Katharina Klöcker. Das Franz Sales Haus hat mit einer eigenen finanzieller Förderung und der kompletten Öffnung seines Archivs zur kritischen Erhellung einer dunklen Historie beigetragen.

Die beiden Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum werteten dafür Hunderte Personalakten und Entschädigungsanträge von Betroffenen an einen eigens dafür eingerichteten Stiftungsfonds des Franz Sales Hauses aus. Überdies führten sie eine Reihe von Interviews mit ehemaligen Bewohnern. Wie ihre Studie zeigt, diente die Verabreichung von Psychopharmaka und Neuroleptika einem mehrfachen Zweck. Diese sollten zum Beispiel besonders aggressive Kinder so weit ruhigstellen, dass sie für erzieherische Maßnahmen überhaupt erst empfänglich waren. Dieses Vorgehen entsprach nach Auskunft der Autoren sowohl den psychiatrischen als auch den pädagogischen Standards der 1950er und 1960er Jahre.

Völlig selbstverständlich war der Einsatz von Medikamenten zur Arbeitsentlastung. Aus den Akten geht hervor, dass die Betreuerinnen und Betreuer zu Tabletten griffen, wenn sie der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen nicht mehr Herr wurden. Darüber hinaus wurden die Medikamente aber explizit auch als Strafe eingesetzt. Ausdrücke wie die „Kotzspritze“ sprechen eine eindeutige Sprache: Wer nicht parierte, bekam die chemische Keule. Diese Methoden seien bis in die 1970er Jahre durchaus zeittypisch gewesen. In kirchlichen Häusern habe aber konservatives Verständnis von Autorität und Strafe („Wer sein Kind liebt, der züchtigt es“, heißt es etwa in einer berühmt-berüchtigten Bibelstelle) problemverschärfend gewirkt, urteilen die Autoren.

In einer rechtlichen und moralischen Grauzone fand die Erprobung mindestens eines neuen Medikaments vor seiner Markteinführung statt. Dafür kooperierte der langjährige Heimarzt des Franz Sales Hauses, Waldemar Strehl, mit dem Darmstädter Pharma-Unternehmen Merck. Dessen Vertreter stellten Strehl bestimmte Präparate zur Verfügung und ließen sich von der Wirkung berichten. Strehl verstand sich dabei als eine Art „forschender Mediziner“. Ausdrücklich verboten war das nicht. Aber Strehl ging in seinem „Erkenntnisdrang“ so weit, dass er empfohlene Dosierungen teils so massiv überschritt, dass ihn die Merck-Vertreter ausdrücklich dafür tadelten. Strehls Rechtfertigung: In niedrigerer Dosierung hätten die Mittel nichts gebracht. Heftigste Nebenwirkungen wie Schreikrämpfe, Benommenheit und Lähmungen bis zum physischen Zusammenbruch schienen den Arzt nicht weiter gestört zu haben. Nach Ansicht der Ethikerin Klöcker ist das ein klares Argument für einen Missbrauch, den der Mediziner auch unter den damaligen Bedingungen als solchen hätte erkennen müssen.

Dass die Verschreibung und Vergabe der Präparate gegen den Willen der Kinder geschah, berichten diese selbst eindrucksvoll. „Es war einfach so, du musstest die Tablette nehmen, ist was Gutes, Gesundes und fertig“, berichtet der ehemalige Bewohner Klaus Turm (Name geändert), der von 1955 bis 1968 im Sales-Haus war. Bisweilen wurden die Tabletten den Kindern auch in pulverisierter Form auf dem Marmeladenbrot zum Frühstück untergejubelt.

Die Erziehungsberechtigten dürften nach Lage der Dinge ebenso wenig um ihre Zustimmung zum Einsatz von Medikamenten – geschweige denn, solchen in der Erprobungsphase – gefragt worden sein. Hier tut sich ein garstiger Graben auf zwischen den schon damals gültigen berufsethischen Standards und der ärztlichen Praxis. Eine Tabuisierung des Totalversagens während der NS-Herrschaft verhinderte bei den Medizinern nach 1945 lange eine selbstkritische Reflexion der eigenen Rolle.

Kaminsky und Klöcker arbeiten die zeitgeschichtlichen Kontexte sorgfältig und präzise heraus, vermeiden aber jede falsche moralische Entlastung der Täter oder eine Relativierung des Leids Betroffener nach dem Motto, „so war das halt damals“. Ebenso entziehen sie einem – nahe liegenden – Empörungs- und Überhebungsgestus aus heutiger Sicht den Boden. Im Gegenteil: Angesichts des nach wie vor möglichen Einsatzes von Psychopharmaka in Heimen oder in der stationären Pflege werfen sie mit einem Prüfkatalog auch die Frage auf, wie später einmal über die Gegenwart geurteilt werden – und ob deren Praxis vor dem dann erreichten Erkenntnisniveau in Medizin, Pädagogik und Ethik Bestand haben wird. Der amtierende Direktor des Franz Sales Hauses, Hubert Vornholt, spricht neben „bedrückenden Erkenntnissen“ und der notwendigen Anerkennung des Leids der Betroffenen auch von wichtigen Lehren aus der Geschichte. Nicht zuletzt das macht den besonderen Wert der Bochumer Studie aus.

Uwe Kaminsky/Katharina Klöcker: Medikamente und Heimerziehung am Beispiel des Franz Sales Hauses. Historische Klärungen – Ethische Perspektiven, Aschendorff-Verlag Münster, 270 Seiten, 36 Euro.

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