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„Ganz klar: Die Lösung lautet Training, Training, Training“, sagt Marianela Diaz Meyer.

Schule

„Wer eine gute Handschrift erlernt, der schreibt bessere Diktate“

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Eine Befragung unter Lehrern zeigt: Viele Schüler haben Probleme mit der Handschrift. Die Leiterin des Schreibmotorik-Instituts mahnt, das Thema müsse eine größere Rolle in der Lehrerausbildung spielen.

Wie lassen sich die Probleme der Schüler und Schülerinnen beim Handschreiben praktisch angehen? Darüber beraten Wissenschaftler und Schulpraktiker am heutigen Freitag bei einem internationalen Symposium in Berlin. Wir haben mit der Leiterin des Schreibmotorik- Instituts, Marianela Diaz Meyer, über den Forschungstand und Lösungsansätze gesprochen.

Frau Diaz Meyer, müssen wir uns um die Handschrift unserer Schüler Sorgen machen?
Ja, es gibt große Probleme. Gemeinsam mit dem Verband Bildung und Erziehung haben wir zu dem Thema 2000 Lehrerinnen und Lehrer befragt. Das Ergebnis dieser repräsentativen Befragung ist besorgniserregend: Jeder zweite Junge und jedes dritte Mädchen haben spürbare Probleme mit der Handschrift.

Worin genau liegen diese Probleme?
Für die Lehrer ist das größte Problem die fehlende Leserlichkeit. Wie sollen sie etwas bewerten, das sie gar nicht entziffern können? Vielen Schülern fehlt auch die Ausdauer: Sie tun sich oft schon schwer damit, über einen längeren Zeitraum mit der Hand zu schreiben. Es mangelt an der Konzentration, aber eben nicht nur daran.

Wie meinen Sie das?
Es gibt Probleme mit der Motorik. Unsere Kinder üben die Grob-, aber auch die Feinmotorik von früh an zu wenig ein. Sie machen zu wenige Bewegungsspiele. Wer in der Freizeit vor allem vor dem Fernseher und dem Computer sitzt, dem fehlt etwas. Das erschwert es ungemein, Schreiben zu lernen – und auch, damit klar zu kommen, eine halbe Stunde und länger mit der Hand zu schreiben. Das ist eine verheerende Entwicklung.

Ist das wirklich so dramatisch? Die meisten Erwachsenen schreiben doch auch fast alles mittels Tastatur…
Sie dürfen eines nicht unterschätzen: Wir denken mit der Hand. Es gibt eine Verknüpfung zwischen Hand und Gehirn, die Bewegungen spielen dabei eine wichtige Rolle, sie aktivieren sozusagen zahlreiche Gehirnareale. Das Handschreiben hilft den Kindern, sich Dinge tatsächlich zu merken und sie zu durchdringen. Wer eine gute Handschrift erlernt, der schreibt auch bessere Diktate – auch wenn nicht alles, was schön aussieht, gleich fehlerfrei ist.

Bund und Länder wollen die Schulen mit dem Digitalpakt ins Internetzeitalter bringen. Werden die Probleme in Sachen Handschrift damit unweigerlich noch weiter zunehmen?
Das wäre Schwarzmalerei. Wir haben nichts gegen Tablets im Unterricht, sie dürfen nur das eigene Schreiben nicht ersetzen. Wir brauchen die richtige Mischung von analogem und digitalem Lernen – und vor allem die passenden pädagogischen Konzepte für die Digitalisierung. Im Übrigen gilt: Auf die Handbewegung kommt es an – und nicht darauf, mit was für einen Stift auf welcher Oberfläche geschrieben wird. Es spricht also im Prinzip auch nichts dagegen, dass auf einer digitalen Unterlage geschrieben wird. Nur: Dann muss die Technik wirklich sehr, sehr gut sein.

Was können Lehrer tun, damit sich in Sachen Handschrift etwas verbessert?
Ganz klar: Die Lösung lautet Training, Training, Training. Schon eine Unterrichtsstunde pro Woche, in der es nur ums Handschreiben geht, kann große Fortschritte ermöglichen. Dabei muss es um die ganz praktischen Dinge gehen, wie den Kindern zu helfen, die richtige Handhaltung zu finden.

Haben Sie auch eine Forderung an die Politik?
Wie wichtig die Leseförderung ist, hat die Politik erkannt. Beim Thema Schreibförderung gibt es noch Nachholbedarf. Wir brauchen mehr Forschung zu dem Thema. Wichtig ist aber vor allem, dass es besser in den Lehrplänen verankert wird. Dazu kommt: Die Kultusminister müssen dafür sorgen, dass das Thema Handschreiben eine größere Rolle in der Lehrerausbildung spielt. Die Lehrer bringen den Kindern hier nichts Theoretisches bei, sondern eine ganz praktische Fertigkeit. Auf diese Aufgabe fühlen sich die Lehrkräfte nicht gut genug vorbereitet.

Interview: Tobias Peter

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