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Etwa eines von 30 Kindern tut sich schwer mit dem Rechnen.  

Lernen

Wenn Zahlen Angst machen

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Was man über Rechenschwäche wissen muss - ein Gastbeitrag von Peter Struck.

Die Rechenschwäche (auch Dyskalkulie oder Arithmasthenie genannt) ist wie auch die Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) keine Krankheit, sondern eine Teilleistungsschwäche, die nur selten mit der allgemeinen Intelligenz des Kindes zu tun hat, aber schon mit einer gewissen genetischen Prädisposition; denn über mehrere Generationen hinweg betrachtet, gibt es Familien, in denen so etwas nie vorkommt, und solche, in denen es häufiger auftritt. Etwa eines von 30 Kindern ist von dieser numerischen Schwäche betroffen.

Die Ursachen sind vielfältig und liegen in einem ungünstigen Zusammenspiel mehrerer Hirnpartien. Je früher sie erkannt wird, umso leichter ist sie zu therapieren. Wenn Kinder schon im Vorschulalter Probleme mit Zahlen haben, also nicht gut Viel von Wenig unterscheiden können, wenn sie nicht gut Links und Rechts unterscheiden können, wenn sie auch Schwierigkeiten haben, die Uhr zu lesen oder Geld abzuzählen, sollten Eltern und ErzieherInnen schon mal genauer hingucken, denn sonst wachsen zahlreiche andere Probleme im Kind wie die Furcht vor dem Fach Mathematik, Minderwertigkeitsgefühle und Versagensängste und sogar Schuldgefühle. Diese können zunächst zum sozialen Rückzug und dann zu psychosomatischen Erkrankungen wie Kopfweh, Bauchschmerzen, Übelkeit, zu Depressionen und auch zu Todessehnsucht führen.

Selbst wenn Dyskalkulie in einer Familie häufiger vorkommt, lässt sie sich beim einzelnen Kind vorbeugend vermeiden, wenn es früh und reichlich Bewegungserfahrungen im dreidimensionalen Raum sammeln darf, wenn es früh und häufig mit verschiedenen Materialien (Holz, Stein, Glas, Metall, Knetmasse, Wasser, Sand, Lehm, Gras, Matsch, Ton, Plastik), mit allen Farben und Formen umgehen darf, wenn es oft Zahligkeiten artikulieren darf (viel, wenig, mehr, einer, zwei, drei, ...) und wenn jede Chance zum Aussprechen einer Zahligkeit genutzt wird und per Wiederholung eingeübt wird.

Erziehungswissenschaftler Peter Struck.

Ständiges Training ist das beste Rezept gegen Rechenschwäche, vor allem mit dem Älterwerden des Kindes. Von einer Rechenschwäche sind insbesondere Kinder bedroht, die zu wenig mit anderen draußen spielen, die mit einem Mangel an Gehen, Laufen, Rutschen, Schaukeln, Rückwärtsgehen, Balancieren, Klettern, Springen, Hüpfen und Rollen aufwachsen, so dass ihr Gleichgewichtssinn, ihr Raumvorstellungsvermögen und ihre Muskelkoordinationsfähigkeit unterentwickelt geblieben sind. Ein Symptom für die Rechenschwäche ist übrigens, wenn das Kind nicht rückwärts an einem Seil entlang gehen kann, ohne die Augen nach hinten zu richten; deshalb wird das oft bei Schulreifetests gemacht.

Eine erst später auftretende Rechenschwäche kann aber auch anders verursacht sein: Die Rechenlehrerin war dem Kind von Anfang an unsympathisch, und auch umgekehrt konnte die Lehrerin nicht verbergen, dass sie dieses Kind nicht mag; sie hat stets zu rasch und zu häufig mit dem Kind geschimpft und seine Leistungen immer wieder schlecht bewertet, erst mit Worten, dann mit Noten. Eventuell kam das Kind aber auch nicht mit der Methode klar, die die Lehrerin im Unterricht wählte.

So ein Kind neigt dann dazu, das Fach Mathe innerlich als unlustbetont abzuwählen und sich fortan lieber dem Lesen, Schreiben, Reden, Malen und Basteln sowie dem Sport zuzuwenden. Wenn die Eltern dann nicht aufpassen, kann ihr Kind recht schnell in den Teufelskreis geraten, dass Mitschüler im Rechnen größere Fortschritte machen, so dass dessen Rechenunlust erst recht steigt und die Versagenserlebnisse in Bezug auf Zahligkeiten weiter anwachsen.

Wird die Dyskalkulie dann irgendwann zu spät bemerkt, ist ein mehrfach höherer therapeutischer Aufwand erforderlich, um nachzureichen, was schon immer fehlte. Zum Glück schaffen das inzwischen die vielen Institute für mathematisches Lernen und für Rechenschwäche (allein in Hamburg gibt es davon sieben) insbesondere mit einer sehr lustbetonter Software, die zum spielerischen Umgang mit Zahligkeiten verleitet. Mit psychomotorischen Übungen, mit dem Trainieren des Rückwärtsgehens, mit Drücken und Boxen auf den Körper des Kindes durch einen Schlafsack hindurch, mit Sinnespfaden, über deren verschiedene Pflanzendecken und Materialien (Sand, Stein, Metall, Wasser, Gras, ...) das Kind kriechen muss und den aus den Niederlanden kommenden Snoezelen-Räumen, die alle Sinne zugleich ansprechen (Geruch, Gehör, Augen, Hautsinne, Gleichgewichtssinn, Tastsinn und Muskelkoordinationssinn) sowie mit Bewegungs-, Sport, Watt-, Wald- und Strandkindergärten wachsen dann langsam nachgereicht das Zahlenverständnis sowie das Raumvorstellungsvermögen.

Danach lassen sich auch wieder Erfolge beim Subtrahieren, beim Dividieren und beim Einschätzen von Größen (vorher waren 1000 und 10 000 einfach nur undifferenziert viel) aufbauen, vor allem wenn es bei sämtlichen Versuchen in Richtung auf dieses Ziel keine Niederlagen mehr gibt; deshalb darf man rechenschwache Kinder im Fach Mathematik ziemlich lange überhaupt nicht benoten, wenn sie besser werden sollen.

Die Krönung aller therapeutischer Bemühungen ist dann, wenn der junge Mensch keine Schwierigkeiten mehr hat, beim Schnelllesen 34 und 43 zu unterscheiden, was in der deutschen Sprache ohnehin nicht so einfach ist, weil man beim Aussprechen solcher Zahlen nicht wie in anderen Sprachen vorne, sondern hinten beginnt, denn man spricht ja nicht etwa dreißigundvier, sondern vierunddreißig.

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Primus Verlag, Darmstadt, ist sein Buch „Die 15 Gebote des Lernens“ erschienen.

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