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Arbeiter bauen eine Windkraftanlage in Sachsen zurück, die im Dezember vergangenen Jahres umgeknickt war.

Windkraft

Wenn der schwarze Schwan da ist

Ende 2016 gab es binnen kurzer Zeit vier schwere Havarien an Windrädern. Trotz der Häufung der Umstürze bewertet der Branchenverband BWE diese noch immer als Einzelfäll.

Von Jörg Staude

Fast stellte sich das Gefühl ein, ein schwarzer Schwan sei eingetroffen, als Ende 2016 in der Bundesrepublik innerhalb kurzer Zeit vier Windkraft-Anlagen havarierten. Bei Hamburg stürzte ein nahezu 100 Meter hohes Windrad um, im Nordosten, in der Uckermark, brach ein Rotorflügel ab, bei Leisnig in Sachsen kickte ein Windrad einige Meter über dem Boden ab und bei Süderholz im Landkreis Vorpommern-Rügen fiel eine Windkraftanlage ebenfalls ziemlich überraschend um. Schwarze Schwäne sind ein Synonym für eigentlich völlig unwahrscheinliche Ereignisse, die aber – wenn sie dennoch eintreten – das Erscheinungsbild einer Branche drastisch verändern können. Bislang kam die Windkraftbranche mit den ein bis zwei größeren Havarien pro Jahr gut zurecht – bei zugleich rasantem Wachstum.

Trotz der Häufung der Umstürze bewertet der Branchenverband BWE diese noch immer als Einzelfälle, wie Sprecher Wolfgang Axthelm betont. Es gelte, die Untersuchungen der Gutachter zu den Ursachen abzuwarten. Die sind bis dato weitgehend unklar. In einem Fall soll das zunehmende Alter der Anlagen eine Rolle gespielt haben. Am Windrad bei Leisnig habe der Überwachungs-Computer einen Rotorblattfehler festgestellt und die Anlage daraufhin abgeschaltet. Noch während des Abbremsens soll eine Unwucht des Rotors die Anlage derart aufgeschaukelt haben, dass der Mast umgerissen wurde.

Woher die Unwucht kam und warum dann gleich der Mast knickte – auf die Fragen hat der Hamburger Geschäftsführer des betroffenen Unternehmens Eurowind Energy, Benjamin Schmitt, noch keine Antworten. Bis die genauen Ursachen feststehen, könnten noch einige Wochen ins Land gehen, sagt er.

Im Bundeswirtschaftsministerium sieht man bisher keinen Grund für zu viel Aufregung. „In Relation zum Anlagenbestand dürften die Havarien bei diesen Anlagen im Bereich von unter einem Promille liegen, ein für Bauwerke völlig normaler Wert“, erklärt das Ministerium wörtlich.

Das könnte sich ändern. Unausweichlich kommen viele der Windkraft-Anlagen in die Jahre. Zwar ist deren Betrieb in der Regel ohne Befristung genehmigt, zu den dabei einzuhaltenden Vorgaben gehört auch eine Mindest-Lebensdauer von 20 Jahren. Ist diese überschritten, wird die Genehmigung zwar nicht hinfällig – der Betreiber muss aber einen weiter gefahrlosen Betrieb nachweisen. Dazu gehören wiederkehrende Prüfungen der Betriebs- und Standsicherheit, die – je älter die Technik ist – in immer kürzeren Abständen attestiert werden müssen. Solange das passiert, kann die Anlage laufen, laufen und laufen.

„Theoretisch kann jede Konstruktion bei einer entsprechenden Instandhaltung auf unbestimmte Zeit betrieben werden, da sich insbesondere gealterte, abgenutzte oder geschädigte Bauteile austauschen lassen“, erklärt denn auch BWE-Sprecher Axthelm. Für ihn lässt die geringe Anzahl der Schadensfälle es bisher auch nicht zu, einen Zusammenhang zum Alter der Windkraft-Anlagen oder zu bestimmten Anlagentypen herzustellen.

Der Branchenverband räumt aber auch ein, dass es zwischen älteren und neueren Windkraftwerken schon deutliche Unterschiede zum Beispiel dabei gibt, wie diese mit starken Winden zurechtkommen. Moderne Anlagen lassen sich durch ein Verdrehen der Rotorblätter leicht aus dem Wind nehmen. Neuere Anlagen können ihre Rotorblätter zudem einzeln verstellen, ältere Systeme nur alle drei Blätter zugleich. Bei noch älteren Windrädern ist ein Verdrehen überhaupt nicht möglich, die Drehzahl des Rotors wird allein dadurch begrenzt, dass bei zu starkem Wind die Strömung an der Hinterkante des Rotorblatts abreißt.

Keine Informationen zur Qualität der Wartung

Ob starke Windböen als Ursache für die Havarien in Frage kommen, müssten ebenfalls die Gutachter klären, sagt BWE-Mann Axthelm. Allerdings hätten die Windstärken im Dezember „deutlich“ unter den Werten gelegen, für die die Windkraftwerke nach internationaler Norm zertifiziert sind. Nicht auszuschließen ist, dass auch die Qualität der Instandhaltung eine Rolle spielt, gerade bei Anlagen, die ins Alter kommen. Die meisten dieser Leistungen werden von den Betreibern nicht nur extern vergeben, sondern in Form so genannter Vollwartungsverträge. Die Zeiten, in denen sich jemand ein Windrad hinstellen ließ und noch selbst daran herumschraubte, sind lange vorbei.

Wie gut Wartung und Instandhaltung aber wirklich sind, dazu ist nicht einmal hinter vorgehaltener Hand etwas zu erfahren. Zwar ergeben sich aus der jüngsten BWE-Serviceumfrage aus dem Herbst 2014 „unterschiedliche Erfahrungen“, meint Axthelm etwas kryptisch, konkreter wird er aber nicht. Ergebnisse aus einer Qualitäts-Umfrage, bei denen ein Wirtschaftsverband seine Mitglieder selbst befragt, sind in der Regel mit aller Vorsicht zu betrachten. Tatsächlich sagen die Bewertungen nicht viel darüber aus, warum manche Betreiber mit ihren externen Dienstleistern sichtlich unzufrieden waren. Rückschlüsse, inwieweit möglicherweise nicht so perfekte Wartungen und Reparaturen Schadensfälle begünstigen können, lassen sich so nicht ziehen.

Möglicherweise verlieren die Betreiber aber langsam das Interesse, die älteren Mühlen weiterlaufen zu lassen. Deren EEG-Förderung läuft nach 20 Jahren aus und das Thema, wie man danach den rentablen Betrieb von Windkraft sichern kann, treibt derzeit die ganze Branche um. Ob sich aufwendig instand zu haltende Anlagen bei Strompreisen an der Börse von wenigen Cent rechnen, bleibt dahingestellt. Vielleicht stürzt die Branche dann doch in eine Krise – aber eher aus ökonomischen Gründen.

Jörg Staude ist Journalist beim Onlinemagazin klimaretter.info, mit dem Frankfurter Rundschau in einer Kooperation die Berichterstattung zu Klima und Umwelt intensiviert.

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