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Hyposensibilisierung kann gegen starken Heuschnupfen helfen.

Allergien

Wenn Pollen aggressiv werden

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Die Zahl der Menschen mit Heuschnupfen steigt kontinuierlich – zu den Ursachen gibt es neue wissenschaftliche Erkenntnisse.

Noch erkältet oder ist es schon der Heuschnupfen? Bei manchen Menschen dürfte der Übergang vom Infekt zur Allergie in diesem Jahr nahtlos verlaufen, denn der milde Winter beschert unseren Breiten erneut einen frühen Pollenflug. Bei Erle und Hasel hat die Blütezeit schon begonnen, zur Zeit ist die Birke im Kommen – und alle drei zählen sie zu den häufigsten Auslösern der „allergischen Rhinitis“. Heuschnupfen hat Hochsaison, nicht allein kalendarisch: Das lästige Leiden ist derzeit wieder Gesprächsthema. Immer wieder ist dabei die Vermutung zu hören, dass die verbreitete allergische Erkrankung stark zugenommen habe. Doch entspricht das auch den wissenschaftlichen Fakten oder ist es eher ein subjektiver Eindruck, weil so oft darüber geredet wird? Die Zahl der Patienten mit Heuschnupfen wachse, bestätigt Wolfgang Pfützner, Leitender Oberarzt an der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Universitätsklinikum Marburg und Sprecher des Allergiezentrums Hessen. Er schränkt aber auch ein: Dieser Prozess sei nicht allein ein aktuelles Phänomen, vielmehr gebe es bereits seit etwa hundert Jahren einen „beständigen Anstieg“.

Laut einem im Sommer 2015 veröffentlichten Papier des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland leiden fast 20 Prozent der Bevölkerung unter mindestens einer Allergie, 14,8 Prozent speziell unter Heuschnupfen, der die Betroffenen mit triefender, juckender Nase und tränenden Augen auf die Pollen bestimmter Bäume, Gräser oder Kräuter reagieren lässt. Die Experten gehen davon aus, dass jeder Dritte im Laufe seines Lebens von einer Allergie heimgesucht wird. Eine Sensibilisierung lässt sich sogar bei fast der Hälfte aller Deutschen nachweisen. Bei diesen Menschen haben sich im Blut Antikörper gegen bestimmte Pollen gebildet, die klinischen Beschwerden bleiben aber aus, erklärt Eva Valesky, Oberärztin an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie am Universitätsklinikum Frankfurt.

Dass Städter häufiger betroffen sein sollen als Land-Bewohner und eine Hauptursache von Heuschnupfen in übertriebener Hygiene liege, sei zwar eine gängige Vorstellung, in dieser Schlichtheit aber überholt, sagt die Medizinerin. Zwar gilt als unbestritten, dass es gut ist, wenn das Immunsystem in der Kindheit mit verschiedenen Keimen konfrontiert wird, damit es lernt, zwischen harmlosen und unerwünschten Fremdstoffen zu unterscheiden (was bei einer Allergie nicht funktioniert). Doch ganz so einfach ist es nicht, erklärt Eva Valesky. Über die Einflüsse, die das Entstehen und die Intensität von Heuschnupfen befördern, gebe es mittlerweile weit mehr und teils auch neue Erkenntnisse.

So leisteten Luftschadstoffe – etwa durch Autoabgase – in doppelter Hinsicht einen Beitrag: „Feinstaub greift die Atemwege an, beeinträchtigt die Lungenfunktion und macht Pollen zugleich allergener.“ Vermutet wird, dass sich die Partikel auf der Pollenoberfläche anlagern und so dem Korn verfrüht den Impuls zum Auskeimen geben – wodurch Stoffe freigesetzt werden, die sich auf die Allergenität auswirken.

In einer im Februar im Fachmagazin „Plos One“ veröffentlichten Studie haben sich Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums München speziell mit dem Allergiepotenzial von Birken beschäftigt. Die Forscher untersuchten dafür Pollen aus Regionen in und um München, die unterschiedlich stark mit Ozon belastet waren. Sie fanden heraus, dass hohe Werte an Ozon und Stickstoffoxid in der Luft – beide entstehen unter anderem durch Abgase – die Zahl der Pollen erhöhen, diese vor allem aber aggressiver machen. Ozon befördert als Treibhausgas zudem den Temperaturanstieg und wirkt sich auch über diesen Effekt auf Heuschnupfen aus, denn durch den Klimawandel werden die Winter wärmer, die Blütezeiten verschieben sich nach vorne. Die Folge: Menschen, die auf mehrere Pollen reagieren – das sind viele Heuschnupfenallergiker – werden über einen langen Zeitraum im Jahr geplagt.

Starker Verkehr verwirbelt die Luft

Forscher des Allergie-Centrums an der Charité Berlin hatten bereits 2013 eine Entdeckung gemacht, die ebenfalls auf Autoabgase zielt: Sie maßen die Konzentrationen von Gräserpollen an verschiedenen Stellen innerhalb Berlins – und fanden heraus, dass sich an der Stadtautobahn deutlich mehr tummelten als am Tiergarten mit seinen vielen Pflanzen. Die Wissenschaftler führten das darauf zurück, dass der starke Verkehr an der Stadtautobahn die Luft verwirbele und auf diese Weise Pollen und Partikel, die sich auf dem Boden abgesetzt hätten, wieder aufgewirbelt würden.

Dass Autoabgase sich negativ auf Pollen auswirken können, passt auch zur Beobachtung, dass in der früheren DDR die Allergierate viel niedriger war als in der alten Bundesrepublik – und das trotz der Luftverschmutzung durch die Industrie, wie Wolfgang Pfützner sagt: „In der ehemaligen DDR war aber die Stickoxidbelastung durch Autos noch nicht so hoch. 25 Jahre später haben wir uns auch allergologisch vereinigt, im Osten Deutschlands gibt es heute ebenso viele Menschen mit Heuschnupfen wie im Westen.“

Differenziert seien auch mögliche Unterschiede beim Allergierisiko von Menschen in der Stadt und auf dem Land zu betrachten, sagt Pfützner. Studien hätten gezeigt, „dass bei der Landbevölkerung zwar weniger Pollenallergien zu finden waren, das galt aber insbesondere für Kinder, die auf einem Bauernhof und somit in unmittelbarem Kontakt zu den Stallungen aufwuchsen“. Die Wissenschaft gehe inzwischen davon aus, dass für diesen Effekt nicht die insgesamt höhere Keimbelastung in diesem Umfeld verantwortlich sei, sondern vermutlich eine „bestimmte Spezies von Bakterien mit besonderem Potenzial, das menschliche Immunsystem zu modulieren“, erklärt der Mediziner. Die in den ersten Jahren noch sehr flexible körpereigene Abwehr lerne dann, „gefördert durch diese mikrobiellen Einflüsse“, weniger empfindlich auf potenzielle Allergieauslöser zu reagieren. Ein detaillierteres Wissen um die Wirkung dieser Bakterien könnte möglicherweise auch als Ansatz für die Entwicklung neuer Medikamente dienen.

Eine noch frühere Konfrontation des kindlichen Organismus mit Keimen könnte ebenfalls die Anfälligkeit für Allergien beeinflussen: So sehen Wissenschaftler Hinweise für einen Zusammenhang mit Kaiserschnittgeburten. Diese Kinder, erklärt Wolfgang Pfützner, kämen bei der Entbindung nicht mehr mit dem mütterlichen Mikrobiom – den natürlich im Geburtskanal vorkommenden Bakterien und Pilzen – in Berührung. Auf welche Weise sich dieser fehlende Kontakt genau auswirkt, ist allerdings noch nicht erforscht. Kontrovers diskutiert wird, ob beispielsweise Milchsäurebakterien dabei bedeutsam sind.

Und es gibt noch einen weiteren Faktor, der Ärzte eine Zunahme von Heuschnupfen und auch allergischem Asthma bronchiale befürchten lässt: Die Ambrosia-Pflanze kommt optisch unscheinbar daher, gilt aber als besonders allergen und wartet zudem noch mit einer sehr langen Blütezeit bis in den Oktober hinein auf. In Nordamerika, woher sie ursprünglich stammt, hätten bereits viele Menschen Allergien auf die Pollen entwickelt, sagt Eva Valesky. Die Pflanze kam vermutlich über Lastwagentransporte aus Osteuropa – wo sie schon länger heimisch ist – und kontaminiertes Vogelfutter nach Deutschland und hat sich auch hier schnell ausgebreitet. Die Auswirkungen werde man erst in Zukunft messen können, sagt die Allergologin.

Fakt ist freilich auch: Neben Umweltfaktoren spielt auch Veranlagung eine wesentliche Rolle dabei, ob jemand im Laufe seines Lebens Heuschnupfen entwickelt oder nicht. Die allergische Rhinitis ist dabei als Bestandteil der „atopischen Erkrankungen“ zu sehen, unter denen erblich bedingte Überempfindlichkeiten des Immunsystems gegen verschiedene Stoffe zusammengefasst sind; zu ihnen gehören neben Heuschnupfen das allergische Asthma bronchiale und das als Neurodermitis bekannte atopische Ekzem. Leidet ein Elternteil unter einer dieser Erkrankungen, erhöht sich das Risiko um 25 Prozent, sagt Wolfgang Pfützner, sind Vater und Mutter betroffen, um 50 Prozent.

Was viele nicht wissen: Ein Heuschnupfen kann auch mit Problemen bei Nahrungsmitteln einhergehen, erklärt Eva Valesky, der Fachbegriff dafür heißt orales Allergiesyndrom. So könne ein Heuschnupfen Kreuzsensibilisierungen mit Äpfeln, Kirschen, Erdnüssen, Haselnüssen und Soja bewirken. „Der Genuss dieser Lebensmittel kann dann zu Kribbeln, Brennen und Jucken auf der Zunge, im Mund und im Rachen führen, eher selten zu bedrohlichen Schwellungen “, sagt die Ärztin. Ein neues Medikament macht Erdnuss-Allergikern Hoffnung.

Eine gefährlichere Folge eines Heuschnupfens indes stellt der „Etagenwechsel“ dar – der sich vollziehen kann, wenn man gegen die Beschwerden nichts tut und das Zentrum der Allergie in die Bronchien wandert. Dann kann ein vermeintlich harmloser Heuschnupfen in allergisches Asthma bronchiale münden – mit schwerwiegenden Folgen, warnt Henry Schäfer, Chefarzt der Klinik für Pneumologie, Intensiv- und Beatmungsmedizin am Bürgerhospital Frankfurt: Asthma ist nicht nur mit weit unangenehmeren Beschwerden verbunden, sondern kann ohne richtige Therapie die Atemwege bleibend schädigen. Umso wichtiger sei es, Heuschnupfen rechtzeitig und ausreichend zu behandeln, sagt Eva Valesky. „Leider wird diese Erkrankung aber auch von vielen Ärzten immer noch unterschätzt und nicht ernst genug genommen.“

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