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Bei einer Vollnarkose überwacht der Anästhesist die Vitalfunktionen des Patienten während der Operation.

Vollnarkose

Wenn nach der OP alles anders ist

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Rund ein Drittel der Patienten leidet nach einer Operation unter kognitiven Störungen.

Die Vorstellung löst großes Unbehagen aus: nach einer Operation aufzuwachen und sich nicht mehr konzentrieren, nicht mehr richtig erinnern zu können oder gar intellektuelles Leistungsvermögen verloren zu haben. Dieses Szenario klingt bedrohlich, kommt aber nicht selten vor, sagt Professor Claudia Spies, Ärztliche Direktorin der Klinik für Anästhesiologie an der Charité in Berlin. So erklärt die Medizinerin, dass mehr als ein Drittel aller Patienten nach einem Eingriff ein vorübergehendes Delir erleben, also unter einem Zustand der Verwirrtheit leiden.

Das Fatale: Nur etwa zehn Prozent dieser Fälle werden erkannt, schätzt Claudia Spies. Dabei sind die Folgen eines postoperativen Delirs oft reversibel – wird es nur frühzeitig erkannt und therapiert. Auch lässt sich bereits während des Eingriffs etwas tun, um das Entstehen einer solchen Störung von vornherein zu verhindern, sagt die Ärztin. Unbehandelt allerdings kann Verwirrtheit nach einer Operation zum Dauerzustand werden, schlimmstenfalls zu Demenz und in der Folge zum Verlust der Selbstständigkeit und zu Pflegebedürftigkeit führen.

Zudem, so Claudia Spies, habe sich in Studien gezeigt, dass ein Delir nach einer Operation auch eine Sepsis – also eine Blutvergiftung – ankündigen kann. Bei einem Symposium der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften, werden sich Experten vom 28. Februar bis 1. März in Berlin mit den verschiedenen Facetten des Themas „Postoperative kognitive Störungen“ beschäftigen.

Mehr als 200 Millionen Menschen müssen sich weltweit pro Jahr einer Operation unterziehen. Für nahezu alle von ihnen bedeutet diese Aussicht Stress: Sie fühlen sich hilflos den Ärzten ausgeliefert, fürchten Komplikationen, sorgen sich, dass etwas schief gehen könnte oder ihr Gehirn hinterher nicht mehr so funktioniert wie zuvor.

Angst ist nicht unbegründet

„Diese Angst“, sagt Anästhesistin Claudia Spies, „ist oft ausgeprägter als die vor dem Tod.“ – Und leider eben auch nicht unbegründet. Die Fachärztin erklärt, warum und wie es nach einem Eingriff zu einem Delir kommen kann: „Eine Operation führt zu starken Schmerzen und zu entzündlichem Stress.“ Normalerweise werden die entstehenden Entzündungszellen vom Gehirn über den Parasympathikus blockiert. Funktioniert dieser Vorgang jedoch nicht richtig, so kann der Entzündungsstress unser Denkorgan schädigen.

Anfangs sind die auftretenden Störungen noch reversibel, sagt Professor Spies, zu spät erkannt können sie indes dauerhaft bestehen bleiben. Vor allem ältere Menschen ab 65 sind stärker gefährdet, ein postoperatives Delir zu erleiden. Das Risiko erhöht sich, wenn sie mehrere Medikamente nehmen, insbesondere Blutdruck senkende oder wassertreibende Mittel sowie Arznei, die auf das zentrale Nervensystem wirkt. Überdies lassen sich die Störungen bei älteren Patienten seltener rückgängig machen als bei jüngeren.

Problematisch kann eine Operation zudem für jene Menschen werden, die bereits einen Schlaganfall hinter sich oder immer wieder vorübergehende Durchblutungsstörungen im Gehirn haben. Auch wer zu wenig trinkt oder unter einer Seh- oder Hörschwäche leidet, muss eher mit einer kognitiven Störung rechnen. Insgesamt sind mittlerweile mehr als 50 Risikofaktoren bekannt, meist kommen mehrere davon zusammen. Ein Auslöser kann aber auch die Tiefe der Narkose und die Art des Eingriffs sein: So leiden nach Angaben der Charité rund die Hälfte der Operierten in der Herzchirurgie hinterher unter kognitiven Störungen.

Deshalb sei es umso wichtiger, Patienten noch während des Eingriffs auch auf diese Problematik hin zu überwachen, sagt Professor Spies. So könne mit einer Elektroenzephalografie die elektrische Aktivität des Gehirns gemessen und die Narkose noch exakter geführt werden. „Bereits geringste Veränderungen im Zustand des Patienten werden dadurch sichtbar, und wir können noch schneller darauf reagieren.“

Starke Schmerzen so weit wie möglich unterdrücken

Zudem gelte es, die starken Schmerzen, die – obwohl sie nicht bewusst wahrgenommen werden – den gefährlichen Entzündungsstress auslösen, so weit wie möglich zu unterdrücken. Zwar sei die Pein im Körper für die Ärzte nicht direkt zu erkennen, sie lasse sich jedoch anhand steigender Herzfrequenz und steigenden Blutdrucks ableiten, erläutert die Expertin. Dabei sei es wichtig, dass Anästhesisten die Schmerzen kontinuierlich unterdrückten – und nicht wie früher die entsprechenden Medikamente nach dem „On-Off“-Prinzip zuführten, also nur dann gaben, wenn der Blutdruck des Patienten in die Höhe schnellte und das Herz raste. Zur Stressreduktion bei einer Operation könnten zudem Musik und Licht beitragen, sagt Professor Spies.

Doch selbst wenn nach einem Eingriff Denkvermögen und Aufmerksamkeit gestört seien, muss das kein unabänderliches Schicksal sein, erklärt sie. Dafür sei es allerdings unabdingbar, die Symptome früh zu erkennen: „Zeit ist der wesentliche Faktor. Je länger ein solcher Zustand anhält, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Patient schweren und lang anhaltenden Schaden nimmt.“ Sie appelliert deshalb nicht nur an Klinikmitarbeiter, sondern auch an Angehörige, den Patienten nach der Operation genau auf Auffälligkeiten wie mangelnde Aufmerksamkeit und Orientierung, Desinteresse, Verwirrtheit oder Erinnerungslücken hin zu beobachten.

Indes: Längst nicht an allen Krankenhäusern sind die Maßnahmen, ein Delir zu verhindern oder schnellstens behandeln, Standard. Vielerorts ist das Personal nicht einmal für das Problem sensibilisiert. Die Europäische Gesellschaft für Anästhesie überarbeitet deshalb derzeit ihre Leitlinien für Intensivmedizin, die Ärzten verschiedener Fachrichtungen Handlungsempfehlungen an die Hand geben sollen.

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