Ausgeblichene, weiße Korallen am australischen Great Barrier Reef: Bei Temperaturen über 30 Grad verenden die Tiere.
+
Ausgeblichene, weiße Korallen am australischen Great Barrier Reef: Bei Temperaturen über 30 Grad verenden die Tiere.

Klimaschutz

Wenn die Korallen sterben, sterben die Küsten

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
    schließen

Die Nesseltiere ernähren unzählige Tierarten und den Menschen, doch sie sind stark gefährdet.

Das Great Barrier Reef vor Australiens Nordost-Küste zählt zum Unesco-Weltnaturerbe. Mit einer Länge von 2300 Kilometern ist das „Weltwunder der Natur“ das größte Korallenriff der Welt, ein einzigartiger Unterwasser-Kosmos voller Leben, Farben und Formen. Delfine, Rochen, Clownfische, Feuerfische, Meeresschildkröten und viele andere Meerestiere leben hier. Doch es steht schlecht um dieses Wunder.

Das Riff ist bedroht. Aktuelles Beispiel: Die Adani-Kohlemine, die im Bundesstaat Queensland eröffnet werden soll und wegen der der Siemens-Konzern jüngst in die Schlagzeilen kam, könnte stark zum Sterben des Riffs beitragen. Künftig werden jährlich Hunderte Kohleschiffe zusätzlich vom dann ausgebauten Exporthafen Abbot Point ihren Weg durch das Great Barrier Reef nehmen, um die Kohle nach Indien zu liefern, wo sie in Kraftwerken verfeuert werden soll.

Es wäre eine weitere Attacke auf das Riff, neben Belastungen durch die Wasserverschmutzung, die zunehmende Versauerung der Ozeane, den Tourismus – und vor allem die Aufheizung des Meerwassers durch den Klimawandel.

Wird das Wasser über 30 Grad Celsius warm, schädigt das die Algen, die auf den Korallen siedeln und für deren Überleben notwendig sind. Es kommt zur gefürchteten Korallenbleiche, und übrig bleibt dann von den Korallen nur noch ein weißes Kalkskelett.

Im letzten Jahrzehnt gab es am Great Barrier Reef gleich zwei solcher Ereignisse, nämlich 2015 und 2016. Bei der letzten dieser Bleichen ging laut Experten dort rund ein Drittel der Korallen verloren. Normalerweise brauchen Korallen zehn Jahre, um sich von solchen „Hitzestress“-Jahren zu erholen.

Was sich vor der Küste von Queensland abspielt, ist leider keine Ausnahme. „Für die Riffsysteme in den Tropen beginnt eine neue Ära, in der die Zeiträume zwischen wiederkehrenden Korallenbleichen zu kurz für eine komplette Erholung sind“, schrieben Wissenschaftler um den Terry Hughes von der australischen James Cook University vor zwei Jahren im Fachjournal „Science“. Die Häufigkeit der Jahre mit Hitzestress hat deutlich zugenommen, vor 40 Jahren lag die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens bei einmal alle 25 bis 30 Jahre, inzwischen sind einmal alle sechs Jahre erreicht.

Ein weiterer Stressfaktor für die Korallen ist die zunehmende Versauerung des Meerwassers. Das hängt ebenfalls mit dem steigenden CO2-Gehalt in der Atmosphäre zusammen, was die Kalkbildung für die Schalen und Skelette erschwert.

Knapp ein Drittel des zusätzlichen Kohlendioxids wird von den Meeren aufgenommen, wobei sich Kohlensäure bildet. Der pH-Wert des Wassers ist bereits von 8,25 auf 8,1 gefallen, das heißt, der Säuregehalt hat sich um über ein Viertel erhöht, und er droht bis 2100 auf etwa 7,5 zu sinken, falls keine durchgreifenden globalen Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden. „Die Ozeanversauerung ist der kleine böse Bruder der Klimaerwärmung“, sagt der Ökophysiologe Felix Mark vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven.

Fachleute zählen die tropischen Korallenriffe zu den Kippelementen des Klimas. Wird eine bestimmte Temperaturschwelle überschritten, droht ein Absterben eines Großteils dieser wichtigen Ökosysteme. Schon für die inzwischen praktisch unvermeidliche Erwärmung um 1,5 Grad erwartet der Weltklimarat IPCC, dass 70 bis 90 Prozent der Korallen verloren gehen, bei zwei Grad wären es danach sogar 99 Prozent. Das heißt: Nur noch angepasste Restbestände könnten sich halten.

Die Folgen wären dramatisch. Mit den Riffen geht mehr als ein Touristenparadies verloren. Die Korallenriffe zählen zu den reichsten Ökosystemen der Welt, sie beherbergen bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten, etwa ein Viertel aller Meerestierarten findet hier ihren Lebensraum. Die Riffe konkurrieren in puncto Artenvielfalt sogar mit den mächtigen Regenwäldern der Erde.

Doch auch der Mensch profitiert von diesen Ökosystemen. Fische aus den Korallenriffen liefern Nahrung für Millionen Küstenbewohner, zudem bieten die Riffe ihnen Schutz vor Stürmen – besonders wichtig zum Beispiel für die kleinen Inselstaaten im Pazifik. Sie können 70 bis 90 Prozent der Wellenenergie absorbieren und bilden dadurch eine natürliche Schutzbarriere.

Die wirtschaftlichen Schäden, die durch den Verlust von Korallenriffen entstehen, sind beträchtlich – und zwar auf mehreren Ebenen. Die finanziellen Schäden durch Überschwemmungen und Stürme in betroffenen Küstenregionen zum Beispiel verdoppeln bis verdreifachen sich, wenn ein Meter Riff-Höhe verloren geht. Auch der Riff-Tourismus leidet stark, der auf 9,6 Milliarden Dollar Jahresumsatz geschätzt wird und nicht nur für das australische Queensland, sondern auch für viele kleine Entwicklungsländer eine wichtige Einnahmequelle bildet. Ebenso leidet die Fischerei, wenn die Fänge zurückgehen, und negative Folgen drohen auch für die medizinische Forschung, die in den Korallen-Ökosystemen nach neuen Wirkstoffen sucht.

Es lohnt sich also, die Riffe zu schützen. Eine aktuelle Studie der in London ansässigen „Environmental Justice Foundation“ (EJF), die sich für Umweltschutz und Menschenrechte einsetzt, nennt dafür einige Maßnahmen – darunter vor allem die Einhaltung des 1,5-Grad-Limits der Erderwärmung inklusive eines Übergangs auf Netto-Null-Emissionen in den Industrieländern bis 2030 sowie eine Beendigung der illegalen Fischerei in den betroffenen Zonen und der globalen Überfischung. Die Korallenriffe der Welt seien nicht nur eine lebenswichtige Nahrungs- und Einkommensquelle für Millionen Menschen, sondern auch die Heimat einer großen Vielfalt unersetzbarer Lebewesen, sagt EJF-Geschäftsführer Steve Trent. „Wenn wir jetzt nicht handeln, um sie zu schützen, zerstören wir unsere Umwelt und verursachen damit gleichzeitig eine menschliche Tragödie.“

Von Joachim Wille

Auch der Monsun in Indien ist vom Klimawandel betroffen. Das hat Auswirkungen für das Leben der indischen Bevölkerung.

Mehr zum Thema

Kommentare